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"Wenn das Volk zusammenhält, wird es überleben"
13.11.2019 - 08:16 Uhr
Von Dieter Klink

as die Krise in Venezuela mit den Menschen macht, kann man Tag für Tag an der Grenze zu Kolumbien beobachten. Alexandra Mendossa (25) und Carmen Corrado (64) stellen sich in die Warteschlange an der Essenausgabe gleich hinter der Simon-Bolivar-Brücke, die die Grenze markiert. "Das Geld in Venezuela reicht nicht. Deshalb sind wir hier", erzählt Alexandra und beginnt zu weinen. Auf den Präsidenten Nicolas Maduro und dessen Berater ist die Journalistin nicht gut zu sprechen. "Der Präsident lügt. Und seine Berater verhindern, dass er eine bessere Politik macht."

Venezuela wird seit Jahren von einem Machtkampf zwischen der linksnationalistischen Regierung unter Präsident Nicolas Maduro und der Mitte-Rechts-Opposition erschüttert. Im Januar 2019 erklärte sich Parlamentspräsident Juan Guaido zum Übergangspräsidenten; er wird von mehr als 50 Staaten anerkannt, unter ihnen Deutschland und die USA. Seit Jahren erlebt das Land wegen einer Versorgungskrise eine Massenflucht. Rund drei Millionen Menschen haben Venezuela in den vergangenen zwei Jahren verlassen. Die Vereinten Nationen berichteten jüngst von schweren Menschenrechtsverletzungen der Regierung Maduro.

Alexandra möchte den Jahreswechsel noch mit Freunden in Kolumbiens Hauptstadt Bogota feiern, dann nach Spanien ausreisen und weiter nach Österreich. Alexandra hat immerhin Perspektiven. Das haben die wenigsten, die sich hier in die Essensausgabe einreihen. Tag für Tag kommen 35 000 bis 45 000 Flüchtlinge allein über die berühmte Bolivar-Brücke bei Cucuta. 10 000 von ihnen bleiben in Cucuta, 5 000 gehen weiter nach Ecuador, der Rest geht nach Venezuela zurück oder verteilt sich über Kolumbien. Ecuador hat die Grenze geschlossen, keiner weiß, was das für die Flüchtlingsströme bedeutet. Die Katastrophe ist nach Syrien die zweitgrößte Flüchtlingsbewegung der Welt. Da Europa mit dem Bürgerkrieg in Syrien genug zu tun hat, schafft es die Lage im venezolanisch-kolumbianischen Grenzgebiet selten in die Schlagzeilen. Dabei geht das Tag für Tag so weiter.

Alle werden satt -

notfalls wird geteilt

An der Essensausgabe erhalten sie wenigstens warme Mahlzeiten. Die katholische Diözese Cucuta betreibt die Ausgabe, unterstützt vom bischöflichen Hilfswerk Adveniat, US-Aid, UNHCR und dem UN-Welternährungsprogramm. Ein Konterfei von Papst Franziskus begrüßt die hungrigen Gäste. Erst bekommen Kinder und Frauen zu essen, danach die Männer. Aber alle werden satt. Notfalls wird geteilt. Es gibt derzeit 6 000 Mittagessen pro Tag.

In ihrer Heimat funktioniert nichts mehr. Wie es weitergeht? Großes Fragezeichen. Eine Mega-Inflation hat das Geld entwertet. Alexandra winkt mit einem Geldschein-Stapel. "Dieses Geld ist in Venezuela nix mehr wert. Damit habe ich früher ein Auto gekauft. Als die Krise begann, hat es wenigstens noch für einen Fahrschein im Bus gereicht. Jetzt kriege ich dafür gar nichts mehr", erläutert sie.

Carmen Corrado muss jeden Tag Kaffee verkaufen. Der Erlös reicht gerade mal, um die Miete für ein Bett in einem Mehrbettzimmer zu bezahlen. Fürs Essen muss sie in die Essensausgabe. Kimberley, eine 27-jährige Fitnesstrainerin, möchte mit ihrem zweijährigen Sohn in die Hauptstadt Bogota weiterreisen, um dort einen Job zu finden. "Meine Schwägerin ist in Bogota und hat mir erzählt, dass es dort leichter sei." Auch sie hatte in der Grenzstadt Cucuta ein Zimmer in einem Zwölfbettzimmer. Doch jetzt kann sie die Miete nicht mehr bezahlen - und lebt auf der Straße.

Journalistin Alexandra sagt, jeder Venezolaner versuche, den anderen auszustechen, um selbst zu überleben. Carmen pflichtet ihr bei: "Leider schaut jeder immer erst mal auf sich selbst. Ich, ich, ich. Das Schicksal des anderen interessiert nicht."

Auch Jose Miguel Castigo Reyes (30) schläft auf der Straße. Auf einem Karton. "Bis zum Tod von Hugo Chavez war in Venezuela alles in Ordnung", berichtet er beim Mittagessen in der Ausgabestelle. Nun aber sei sein Land am Boden, so könne man nicht mehr leben. Castigo will seine Frau und seinen vierjährigen Adoptivsohn hierherholen, um dann gemeinsam zu Verwandten in Kolumbien weiterzureisen. Diese könnten ihm Arbeit beschaffen, glaubt er. Der Schreiner ist bereit, umzulernen, einen neuen Job anzunehmen, egal was. Für die täglichen Mahlzeiten ist er sehr dankbar. "Ich bin sehr gerührt, wie ich hier aufgenommen werde. Kolumbien hat schon so vielen Venezolanern geholfen. Sie geben uns die Möglichkeit, ein besseres Lebens aufzubauen."

Kolumbien hält an der bisherigen Willkommenskultur fest. Lateinamerika-Expertin Sabine Kurtenbach nennt den Umgang mit Migranten in Kolumbien "absolut bewundernswert". "Der Großteil der Kolumbianer geht mit den Flüchtlingen verantwortungsbewusst um. Auch die Regierung", urteilt Kurtenbach, die das Giga-Intstitut für Lateinamerika-Studien in Hamburg leitet.

"Die Politik der Regierung ist es, die Grenze offen zu halten und die Leute hier zu empfangen. Das hat einen hohen politischen Preis, aber das wird umgesetzt", berichtet der Beauftragte der Regierung für die Grenze zu Venezuela, Felipe Munoz. Als Gründe verweist Munoz wie viele andere auf einen historischen Umstand: Früher, als es Kolumbien schlecht ging, seien bis zu zwei Millionen Kolumbianer nach Venezuela gegangen und dort willkommen gewesen. Man versuche, das nun zurückzugeben. Es gebe aber auch andere Gründe: Moralische, weil in Venezuela Menschen sterben. Und realistische, weil die 2 200 Kilometer lange Grenze nicht kontrollierbar ist. "Daher bevorzugen wir eine geordnete Migration", so Munoz. Flüchtlingskinder, die in Kolumbien geboren werden, erhalten automatisch die kolumbianische Staatsangehörigkeit.

"Wir versuchen,

Ruhe zu bewahren"

Freilich räumt er ein, dass es an der Grenze "viele illegale Aktivitäten" gebe, die Guerillagruppen der FARC und der marxistischen ELN würden von Maduro unterstützt. "Wir versuchen, Ruhe zu bewahren", sagt Munoz. Klar gebe es immer mehr Kritik an der hohen Zahl an Flüchtlingen. Dies aber nur vereinzelt, nicht massiv, versichert Munoz. "Wir rechnen aber damit, dass es mehr wird", befürchtet er. Bisher hat die Flüchtlingspolitik noch nicht die politische Auseinandersetzung auf Bundesebene in Bogota erreicht.

Luis Useche, venezolanischer katholischer Pfarrer in der Grenzregion, ist in großer Sorge, ob das so bleibt. "Wenn unser Volk zusammenhält, wird es überleben", sagt der Geistliche über Venezuela. Man versuche, den Ausreisewilligen zu vermitteln, dass es in Kolumbien vielleicht gar nicht so viel besser für sie ist. "Migration ist nicht die einzige Lösung." Gleichwohl hadert er mit der Regierung in Caracas. "Die Regierung hat große wirtschaftliche Schwierigkeiten, trotzdem versucht sie, zu unterbinden, dass Hilfe ins Land kommt." Venezuela sei ein Rückzugsort für Kriminelle geworden. Useche spricht von einem Verlust der Werte. "Der Respekt für den anderen geht verloren. Auch der Wert der Arbeit verschwindet, wenn man davon nicht mehr leben kann. Prostitution oder Drogenhandel werden als Alternative zur Arbeit gesehen. Es gibt kein Unrechtsbewusstsein mehr", klagt der Pfarrer.

Journalistin Alexandra Mendossa will all das hinter sich lassen und hofft auf eine Zukunft in Europa. Als ihre Familie nach Österreich aufbrach, konnte sie nicht mit, weil sie keinen Pass hatte. Jetzt hat sie einen. Ihre Familie schickt ihr das Flugticket, nach Neujahr soll es losgehen. Bis dahin wird sie weiter zur Essensausgabe kommen. Wie Tausende, die dem Chaos in Venezuela Tag für Tag entfliehen. Wie lange noch geht das so weiter?

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