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In kleinen Schritten ans Ziel
In kleinen Schritten ans Ziel
28.11.2019 - 00:00 Uhr
Von Dieter Klink

Bad Schönborn - Im Schloss Kislau (bei Bad Schönborn im Landkreis Karlsruhe) befand sich von 1933 bis 1939 ein Konzentrationslager. Auf dem Gelände - zwischen Bruchsal und Heidelberg gelegen - ist heute eine Außenstelle der Justizvollzugsanstalt Bruchsal untergebracht. Seit sieben Jahren gibt es Bestrebungen, auf dem Areal einen "Lernort" zu errichten, der an den Widerstand in Baden erinnert. Ein Verein fördert das Projekt - kommt aber nur mühsam voran.

Was geschah im KZ Kislau? In den sechs Jahren wurden insgesamt mehr als 1 500 Nazi-Gegner widerrechtlich festgehalten. Viele Häftlinge wurden von Kislau aus ins KZ Dachau und in andere Lager verschleppt. Der frühere badische Innenminister Ludwig Marum (SPD) wurde in Kislau von SS- und SA-Schergen erdrosselt. Viele Biografien der Häftlinge sind noch gar nicht aufgearbeitete. Der Verein hat sich zum Ziel gesetzt, diese Lücken zu schließen. So entstand im Netz ein Geschichtsportal; derzeit wird eine Datenbank zum badischen Widerstand aufgebaut.



Was genau ist auf dem Gelände des ehemaligen KZ geplant?

Der Verein "Lernort Zivilcourage und Widerstand" (lzw) verfolgt das Ziel, auf dem Gelände einen "Lernort" zu errichten. Zunächst war daran gedacht, den "Lernort" in den historischen Gebäudebestand - das frühere Schloss Kislau gehörte einst zum Bistum Speyer - zu integrieren. Nachdem das Land das Ansinnen abgelehnt hat, peilt der Verein einen Neubau an, in dem badische Geschichte zwischen 1918 und 1945 erfahrbar gemacht werden soll. Der Verein möchte "die Erforschung des Widerstands gegen den Nationalsozialismus im und aus dem ehemaligen Land Baden" und ein "historisches Lernen an konkreten Beispielen aus der Region" befördern. Der Neubau soll vor allem Schüler und Jugendliche ansprechen. Das Land unterstützt das Projekt seit 2015. Zusätzlich soll ab 2021 ein mobiles Lernlabor jungen Menschen Wissen über das KZ Kislau und den Widerstand in Baden vermitteln. Dafür erhält das Projekt Fördermittel aus dem Bundesprogramm "Jugend erinnert".

Wie weit sind die Planungen fortgeschritten?

Sehr weit. Der Verein hat einen Architekturwettbewerb gestartet, dabei kam ein Siegerentwurf heraus. Für drei Millionen Euro sollte der Neubau in Kislau errichtet werden. Das Land nahm das Projekt 2018 in die institutionelle Förderung auf. Personal und laufende Kosten werden mit 150 000 Euro (10 000 Euro mehr als bisher) pro Jahr bezuschusst. Doch als es um die Realisierung des Baus ging, hieß es: zu teuer. Daraufhin bot der Verein eine abgespeckte Version an, für die das Land nur noch 1,5 Millionen Euro Zuschuss hätte zur Verfügung stellen müssen.

Woran hakt es? Am Geld. Die Landtagsfraktionen CDU, Grüne, SPD und FDP konnten sich nur mit Mühe auf einen Kompromiss einigen. In den Doppelhaushalt 2020/21 wurde die Summe von 750 000 Euro eingestellt, die aber nicht einfach so ausbezahlt wird, sondern nur, wenn es gelingt, exakt dieselbe Summe von Dritten - etwa den umliegenden Gemeinden und dem Landkreis - einzutreiben. Für einen eingeworbenen Euro gibt es also einen Euro vom Land.

Wieso war der Kompromiss so schwer zu erreichen? Die Vorstellungen gingen weit auseinander. Insbesondere die CDU-Fraktion bestand darauf, das Geld an die Mitförderung durch das Umland zu binden. Nur so sei eine Förderung durch das Land zu rechtfertigen, argumentiert der gedenkpolitische Sprecher der CDU-Landtagsfraktion, Arnulf von Eyb. Er unterstützt das Anliegen des Vereins, fragt aber, ob es nicht eine Dimension kleiner ginge. Sein Pendant auf SPD-Seite, Daniel Born (Schwetzingen), bedauert, dass es nicht gelungen sei, die 1,5 Millionen Euro in den Etat aufzunehmen, aber "750 000 Euro sind besser als nichts", sagt er. Falls man sich nicht hätte einigen können, wäre das eine fatale Fehlentwicklung gewesen. Wichtig sei, dass nicht nur die Umlandgemeinden einsteigen, sondern dass nun auch "Drittmittel" von anderen Partnern - etwa von Firmen - gesammelt werden können. Auch die FDP trägt das Projekt mit. Der Parlamentarische Geschäftsführer der Liberalen im Landtag, Timm Kern (Wahlkreis Freudenstadt), teilt mit: "Wir haben lange und intensiv über die finanzielle Förderung der Gedenkstätten diskutiert. Schließlich wurde ein Kompromiss gefunden, dem ich mich angeschlossen habe." Traditionell wird über den Etat des Landtags, über den die Gedenkstätten-Förderung läuft, einvernehmlich entschieden. Die AfD war beziehungsweise wurde nicht beteiligt.

Wie stehen die Grünen zu dem Projekt? Grundsätzlich positiv. Landtagsabgeordneter Alexander Salomon (Karlsruhe) ist ein vehementer Verfechter des geplanten Neubaus und Mitglied im lzw-Verein. Sein grüner Landtagskollege Manfred Kern (Wahlkreis Schwetzingen) sieht das Projekt etwas differenzierter: Kern hält es für richtig, einen "Lernort" zu schaffen, dieser müsse aber nicht unbedingt in Kislau sein.

Gibt es räumliche Alternativen? Zwei (bislang eher unwahrscheinliche) Varianten sind im Gespräch. Zum einen könnte in die Erinnerungsstätte im Badischen Ständehaus in Karlsruhe eine Kislau-Abteilung integriert werden. Allerdings ist die Stadt Karlsruhe Trägerin der Erinnerungsstätte, und die Stadt beabsichtigt nicht, das Thema mit zu betreuen. Weitere Variante: In Bruchsal wird gerade das Gelände, auf dem bis zu ihrer Zerstörung 1938 die alte Synagoge stand, neu geplant. Das bisherige Feuerwehrhaus, das auf dem Areal steht, wird im kommenden Jahr umziehen, dann entsteht auf dem Gelände Platz für Neues. Für die Neugestaltung des Platzes hat die Stadt einen Ideenwettbewerb ausgeschrieben. Derzeit werden im Bruchsaler Rathaus 18 Ideen ausgestellt. Grünen-Landtagsabgeordneter Kern schließt nicht aus, dass das Kislau-Anliegen in Bruchsal gut aufgehoben wäre. Wichtig sei, dass ein Lernort gebaut werde. "Ob dieser nun am Ort des ehemaligen KZ Kislau neu gebaut werden muss oder ob man vielleicht das Angebot der Stadt Bruchsal annimmt, in das neu zu errichtende Gebäude auf dem Synagogenplatz einzuziehen, wird sich zeigen", so Kern. "Bei der Entscheidung dürften neben der zeitlichen und der finanziellen Dimension Kriterien wie Raumangebot, Erreichbarkeit, aber auch die Akzeptanz am Standort eine Rolle spielen." Ob allerdings Bruchsal den Kislau-Aspekt überhaupt aufgreifen wird, ist noch unklar. "Es gibt keine offiziellen Gespräche und auch kein formelles Angebot von uns", sagte gestern Oberbürgermeisterin Cornelia Petzold-Schick. Man stehe noch ganz am Anfang des Prozesses. Das letzte Wort zur Neugestaltung des Areals wird der Gemeinderat haben.

Wie reagiert der Verein auf die neuerliche Entwicklung? Mit gemischten Gefühlen. "Wir freuen uns, dass der Landtag die Existenzberechtigung des Projekts bestätigt und es uns ermöglicht", sagt Projektleiterin Dr. Andrea Hoffend. Zugleich spricht sie von einer schwierigen Aufgabe. Dass sich die Landtagsfraktionen nicht zur kompletten Finanzierung der abgespeckten Form durchringen konnten, hat der Verein jüngst seinen Mitgliedern mitgeteilt. Man werde nun nach weiteren Unterstützern in der Großregion suchen, um das Projekt zu verwirklichen. Ziel bleibe, den "Lernort" am authentischen Ort in Kislau zu errichten. Bisher seien neben dem Land Baden-Württemberg die Stadt und der Landkreis Karlsruhe sowie der Rhein-Neckar-Kreis als Finanzpartner an Bord. 2020 kämen die Städte Bruchsal, Bretten und Waghäusel als Förderer hinzu.

Sind solche Startschwierigkeiten ein Einzelfall? Nein, sondern eher der Normalfall. Auch bei anderen Projekten in früheren Nazi-Stätten in Baden-Württemberg hat es längere Zeit bis zur Verwirklichung gedauert. Manchmal gab es auch Widerstand vor Ort - die Gemeinden werden nicht gerne an die NS-Vergangenheit auf ihrem Territorium erinnert. Kislau wurde nach Einschätzung von Fachleuten sogar relativ schnell in die Landes-Forderung aufgenommen. In der Gedenkstättenförderung hat sich in den vergangenen Jahren vieles verändert, immerhin besteht heute das grundsätzliche Interesse an der Gründung solcher Erinnerungsorte. Das war früher anders: Das heutige Dokumentationszentrum Oberer Kuhberg in Ulm etwa, wo sich von 1933 bis 1935 das KZ für das Land Württemberg befand, wurde von Aktivisten in den 1980er Jahren initiiert. Erst seit 2010 wird es durch das Land institutionell gefördert.

www.lzw-verein.de

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