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Der funky Funke springt immer noch über
Der funky Funke springt immer noch über
02.12.2019 - 00:00 Uhr
Von Thomas Neuhauser

Nur drei Wochen nach dem großen Jubiläumsabend zum 80-jährigen Bestehen des Blue Note Labels, betrat am vergangenen Freitagabend ein Musiker die Bühne des Baden-Badener Festspielhauses, der selbst schon in den sechziger Jahren mehrere Alben bei Blue Note aufgenommen hat, die Jazzgeschichte geschrieben haben: Herbie Hancock, mit 79 Jahren fast so alt wie das Plattenlabel, das er wesentlich mit geprägt hat, dabei aber seinen vielleicht halb so alten Mitmusikern an Frische und Dynamik in nichts nachstehend.

Mit dieser Band um James Genus (E-Bass), Lionel Loueke, (Gitarre und Stimme), dem fantastischen Justin Tyson an den Drums und Hancock selbst an verschiedenen elektronischen Tasteninstrumenten (unter anderem die spektakuläre Mischung aus Gitarre und Keyboard, das Keytar), war schnell klar, dass die großen Klassiker seiner "akustischen" Phase ("Watermelon Man", "Maiden Voyage") hier nichts zu suchen haben. Schnell, laut und direkt ging es in Richtung seiner populären Erfolge mit der Funk-Fusion-Band "The Head Hunters", die 1973 das erste Jazz-Album mit Platin-Status einspielten - wenn man es denn als Jazzplatte gelten lässt. Immerhin löste das Album eine bis in die 80er Jahre andauernde Fusion-Welle aus.

Die anfängliche Skepsis, ob man diesen doch eigentlich sehr zeitgebundenen, technikfreudigen und verspielten Sound (für den Hancock damals heftig kritisiert wurde) einfach so wiederbeleben könne, war dann aber dank der virtuosen Spielweise und Hancocks Entertainer-Charme schnell verflogen.

Natürlich ist die demonstrative, von den heute nicht mehr so neuen elektronischen Möglichkeiten geprägte Künstlichkeit des Sounds gewöhnungsbedürftig - und nichts für Jazzpuristen. Bassist James Genus zeigte sich auch stellenweise zu selbstverliebt fasziniert von seinen eigenen Loops, und manchmal wusste man gar nicht mehr, was ist noch Keyboard, was Gitarre und was vom Vocoder verfremdete Stimme. Aber egal, wenn die Band dann wieder zusammen kam, entstand, angetrieben von den unglaublich schnellen, abwechslungsreichen Breakbeats des Schlagzeugs, ein hoch verdichteter, mitreißender Electro-Fusion-Jazz für Kopf und Beine, der nichts Verstaubtes mehr hatte. Dann sprang der funky Funke im fast ausverkauften Festspielhaus auch über ins Publikum, die Fans dieser musikalischen Phase des Oscar- und mehrfachen Grammy-Preisträgers waren ja gut vertreten und wurden bestens bedient.

Fast zweieinhalb Stunden lang hielt Hancock die Band ohne Ermüdungserscheinungen auf diesem Hochspannungsniveau, und weil dieser Sound ganz offensichtlich eine Art Jungbrunnen für ihn ist, akzeptierte man klaglos, den Klassiker "Cantaloupe Island" in dieser verfremdeten Fusion-Version geboten zu bekommen - auch wenn man ihn vielleicht lieber in der akustischen Originalversion gehört hätte. Seinen wahrscheinlich größten Hit, "Rockit" vom weltweit über eine Million mal verkauften Album "Future Shock" aus dem Jahr 1983 (sensationell für einen Jazzmusiker), spielte er jedoch nicht, der wäre vielleicht dann doch nicht so gut gealtert. Es gab natürlich "standing ovations", und als bei der Zugabe sowieso schon alle standen, verwandelte sich das Festspielhaus in eine 70er Jahre Groß-Disco. Geht doch.

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