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Von der Vermessung
Von der Vermessung
03.12.2019 - 00:00 Uhr
Von Brigitte J. Henkel-Waidhofer

Die Finanzierung der Stuttgarter Opernsanierung steht - jedenfalls wenn es nach Ministerpräsident Winfried Kretschmann geht. Unter dem Jubel von Künstlern und Publikum hat der Grüne auf der Premierenfeier der Neuinszenierung von "Die Hochzeit des Figaro" am Sonntag zugesagt, dass Land und Stadt die Kosten tragen werden. Aus historischen Gründen habe Baden-Württemberg zwei Staatstheater. Die für die nächsten Generationen zu erhalten, sei eine "wichtige Aufgabe, der wir gerecht werden wollen". In Karlsruhe wird für Um- und Neubau über 320 Millionen Euro diskutiert, in Stuttgart über ein Budget von 737 bis 958 Millionen Euro.

"Figaro vermisst zu Beginn nicht nur sein Zimmer, sondern auch die Möglichkeiten, die er hat", so Kretschmann, "und die Möglichkeiten, die ihm die Zukunft bietet." Auch in Stuttgart würden Möglichkeiten vermessen: die der Technik, und zudem die Arbeitsbedingungen und die Kosten. Es stehe aber noch viel mehr auf dem Spiel: "Es geht um ein Identifikationssymbol und um ein Stück Heimat." Man müsse nur an den nächsten Kiosk gehen und schauen, auf wie vielen Postkarten das Opernhaus, der Bau von Max Littmann, abgebildet sei. Die Sanierung historischer Bühnen sei nicht nur unumgänglich, sondern auch eine Chance.

Die Württembergischen Staatstheater können ihre Bedeutung mit den Ergebnissen einer Besucherbefragung untermauern: 40 Prozent kommen aus der Stadt, ... aus der Metropolregion aus Deutschland oder der Welt. "Wir messen uns nicht mit Nordrhein-Westfalen", bekannte der Ministerpräsident angesichts der vielen nationalen und internationalen Auszeichnungen des Stuttgarter Hauses. Es gehe um Exzellenz und Wettbewerbsfähigkeit, genauso wie Wissenschaft und Wirtschaft. Auch deshalb stehe er zu den Kosten der Sanierung.

Vor der Premiere der Mozart-Oper, eines von Kretschmanns Lieblingswerken ("Ich habe sie sicher zwölf oder 15 Mal gesehen"), fand ein Rundgang statt. Beginnend am barrierefreien Seiteneingang mit einem tiefen Riss im Mauerwerk führten die beiden Intendanten Viktor Schoner und Marc-Oliver Hendriks durch Proberäume in Zimmergröße oder zu längst überholten technischen Anlagen, für die Ersatzteile von ausrangierten Gerätschaften anderer Häuser herangeschafft werden, derzeit vor allem aus Kassel. In Anwesenheit der für die Finanzierung des laufenden Betriebs mitzuständigen Wissenschaftsministerin Theresia Bauer (Grüne) wies Hendriks darauf hin, wie kompliziert der Einsatz der Beschäftigten und der Wissenstransfer sich gestalten, weil neu eingestellte Fachleute keine Kenntnis über die teilweise jahrzehntealten Einbauten besäßen. "Wir können aber nicht andauernd Mitarbeiter aus der Rente holen", so der Geschäftsführende Intendant.

Einzelne kritische Stimmen im Premierenpublikum bezweifelten die Berechnungen des Finanzministeriums. Stuttgarts Oberbürgermeister Fritz Kuhn (Grüne) bezeichnete sie dagegen erneut als seriös und belastbar, im Gegensatz zur Herangehensweise bei vielen anderen Großprojekten. Auf der Premierenfeier wurde auch über die Notwendigkeit eines Neubaus diskutiert, der aber nach übereinstimmender Expertenmeinung unterm Strich noch teurer würde, denn der 1912 eröffnete und denkmalgeschützte Littmann-Bau müsste in jedem Fall aufwändig saniert werden.

Von Kretschmann ist bekannt, dass er sich zwar keinen Bürgerentscheid über das Ob des milliardenschweren Projekts vorstellen kann, nicht zuletzt deshalb, weil Stadt und Land zu gleichen Teilen die Staatstheater tragen. Jedoch will er eine breite Beteiligung der Zivilgesellschaft an den Planungen. Hannes Rockenbauch, der Fraktionschef der linken SÖS-Fraktion im Gemeinderat und Stadtplaner, hat die Debatte bereits mit der Idee befeuert, der stadtautobahnähnlichen B14 vor dem Opernhaus und dem künftig vergrößerten Kulissengebäude zwei der acht Fahrspuren zu nehmen, um mehr Raum zu gewinnen. "Wir sind offen für Argumente", sagte der Ministerpräsident. Und er will dem Beispiel von Sängern, Orchester und Dirigenten folgen, wenn sie Werke wie den über 200 Jahre alten "Figaro" interpretieren. Denn an den Noten und an deren Substanz ändere sich nichts: "Die bleiben die Alten und erhalten."

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