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Schutz des Lebens unter Druck
03.12.2019 - 00:00 Uhr
Von Ute Bauermeister

"Das ist aber eine schöne Praxis, so warm", meint Hanna. Doch die Szene zeigt etwas ganz anderes: Ein weißes Treppenkonstrukt spiegelt den Besuchersaal des Kleinen Hauses im Badischen Staatstheater Karlsruhe und wirkt nicht warm, sondern eher aseptisch und clean. Mittels Projektion erscheinen auf der weißen Fläche die Ortsangaben zur Orientierung: Beates Praxis, Straße, Bürgersaal oder Ökohof.

Nichts ist wie es scheint, und alles beginnt ganz harmlos: Die junge Frauenärztin Hanna möchte die Praxis von der Altlinken Beate übernehmen, die seit 30 Jahren in dem kleinen Ort praktiziert. Doch beim Thema Schwangerschaftsabbruch verwandelt sich die freundliche Hanna in eine germanische Furie, die ihr faschistisches Gedankengut nicht länger zurückhält. Das Autoren-Duo Lutz Hübner und Sarah Nemitz hat im Auftrag des Badischen Staatstheaters mit "Frauensache" ein Stück für sechs Frauen geschrieben.

Bei der knapp zweistündigen Uraufführung konnte man sich dem brisanten Stoff nicht entziehen. Während der Bürgerversammlung wurde das Saallicht angemacht und die direkte Ansprache in den Zuschauerraum führte teils zu ungläubig-nervösem Gelächter, teils zu spontanem Szenenapplaus.

Man fühlte sich direkt angesprochen, als die beiden Ärztinnen erbittert über das Thema "Schutz des Lebens oder Schutz der Frau" stritten. Wie reagieren wir auf rechte Hetze, auf die Verschiebung des Sagbaren, auf verbale Entgleisungen oder auf moralischen Druck wie Mahnwachen für das ungeborene Leben?

Lisa Schlegel setzt sich als Altlinke Beate furios und überzeugend für die Rechte der Frauen ein und erklärt, weshalb sie seit 30 Jahren Schwangerschaftsabbrüche durchführt: Da liegt alles in einem kleinen Räuspern, bevor sie zur verbalen Attacke übergeht. Nicht minder großartig schlüpft Swana Rode in die Rolle der Hanna, die sich in Rage redet und Beate als Mörderin bezeichnet.

Beates Sprechstundenhilfe Mira stammt aus Syrien, hat einen traumatisierten Mann und eine Tochter. Sarah Sandeh wächst als Mira schier über sich hinaus, von der liebevoll zart ein Schlaflied singenden Mutter bis zur erneut bedrohten politisch Verfolgten, die Affen-artige Geräusche von sich gibt und anklagend in den Raum schreit: "Wir haben euch um Hilfe gebeten" reicht ihre starke Ausdruckspalette.

Claudia Hübschmann sammelt als Amtsleiterin beflissen Unterschriften für eine Solidaritätsbekundung. Doch stößt sie damit bei Gemeinderätin Gudrun auf taube Ohren. So kühl wie berechnend zupft Ute Baggeröhr als Gudrun am Bonsai, während sie die anderen abserviert, ohne sich in moralische Geiselhaft nehmen zu lassen. Die alleinerziehende Mutter Elke wird zum Spielball zwischen den Fronten, als sie - zum zweiten Mal schwanger - bei Beate vorspricht, um ihre Schwangerschaft abzubrechen.

Marie-Joelle Blazejewski stattet Elke mit sichtlichem Unbehagen aus, als sie so vorgeführt wird, und findet schließlich doch zu einer gewieften Lösung. Beate muss wie Ruth Bader Ginsberg auch noch im hohen Alter weiter praktizieren und kämpfen.

Alexandra Liedtke stellt in ihrer Inszenierung sechs starke Darstellerinnen in den Mittelpunkt, nichts lenkt von deren Spiel und Debatten ab. Sie fokussiert den Text, hebt durch schlichte, aber farblich eindeutige Kostüme (Johanna Lakner) und die puristische Bühne (Simeon Meier) die Frauen in den Vordergrund: eindrücklich, aufrüttelnd und aktuell! Viel Applaus für ein wichtiges Stück, das hervorragend gespielt und beklemmend gut inszeniert wurde!

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