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Mit gerissenen Bogenhaaren
Mit gerissenen Bogenhaaren
14.01.2020 - 00:00 Uhr
Von Georg Rudiger

Geschwisterquartette gibt es einige. Neben dem Henschel Quartett haben vor allem das Pfälzer Mandelring Quartett und das Salzburger Hagen Quartett mit jeweils drei musizierenden Geschwistern die Szene geprägt.

Bei dem aus dem Rheinland stammenden Schumann-Quartett sind die Brüder Erik, Ken und Mark Schumann im Ensemble vereint. Die estnische Bratschistin Liisa Randalu, Tochter des Karlsruher Klavierprofessors Kalle Randalu, komplettiert die Formation, die für ihr letztes Album "Chiaroscuro" (hell-dunkel) gerade den Opus Klassik gewonnen hat. Beim gut besuchten Matinee-Konzert im Festspielhaus Baden-Baden präsentiert sich das Schumann Quartett als individuell glänzend besetztes, perfekt aufeinander eingespieltes Ensemble, das eine große Bandbreite an musikalischem Ausdruck bietet und auch in Extreme vorstößt, vor denen andere Streichquartette zurückschrecken.

Der Primarius Erik Schumann, Violinprofessor an der Frankfurter Musikhochschule, und Liisa Randalu (Viola) sind in den Außenpositionen die zentralen Impulsgeber des Quartetts. Ken Schumann (Violine 2) vermittelt wach und agil zwischen Violine 1 und den tiefen Streichern.

Feinste Zeichnung der Details

Mark Schumann am Cello, der jüngste der Brüder, agiert am zurückhaltendsten, bindet aber gerade dadurch die klanglichen Schärfen und rundet den Ensembleklang. Eine perfekte Mischung! In Mozarts "Hoffmeister-Quartett" KV 499 entwickelt das Schumann Quartett ein ganz helles Klangbild, das feinste Nuancierungen möglich macht. Einzelne, bewusst gesetzte Schärfen wie ein Non-Vibrato-Ton in der Durchführung, der durch die Stimmen wandert, werden sofort wieder veredelt. Das Menuett wird nicht höfisch, sondern als echter Volkstanz musiziert mit schwerem Auftakt und starken Akzenten.

Im weitgespannten Adagio wird der Verschmelzungsgrad der vier Stimmen noch höher als sonst. Ob man Mozart Kantilenen hier mit so viel Vibrato musizieren muss, wie es Erik Schumann tut, ist letztlich Geschmackssache. Wie fein der Geiger aber Details zeichnet, wenn er einen minimal verzögerten Lagenwechsel als Ausdrucksmittel einsetzt oder an der Bogenspitze Elegantes serviert, das von seinem Bruder Ken an der zweiten Violine mit der gleichen Farbe beantwortet wird, ist beeindruckend. Nur die Triolen zwischen Violine 1 und Violoncello im Finale lösen sich nicht perfekt ab.

Für Bedrich Smetanas autobiografisch geprägtes Streichquartett "Aus meinem Leben" wird das Florett zumindest phasenweise zur Seite gelegt und der Degen ausgepackt. Beim Bratschensolo zu Beginn dreht sich Liisa Randalu zum Publikum hin, um den gewaltigen Sound ihrer Viola noch weiter strahlen zu lassen. Das Tutti klingt so kräftig, als würde ein ganzes Streichorchester spielen. Großartig das Allegro moderato alla Polka, bei dem der Tanzboden nah ist und sich derbe, volkstümliche Klänge mit den frei musizierten, schwebenden Meno-Mosso-Einschüben abwechseln.

Man merkt an gerissenen Bogenhaaren und dem Nachstimmen, wie sehr die Musiker ihre Instrumente beanspruchen. Im Largo sostenuto hat auch der Cellist Mark Schumann sein großes Solo, das er mit sonorem Ton gestaltet und hochsensibel vor dem Tuttieinsatz noch abschattet. Den Sprung zum viergestrichenen E im vierten Satz, der einen Tinnitus und damit Smetanas Taubheitsbeginn markiert, nimmt Erik Schuman mit vollem Risiko, bevor die Vier ergreifend den Atem des Quartetts aushauchen.

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