Französisch in der Grundschule unter Druck

Den Nachbarn verstehen: Das ist das Ziel des frühen Französischunterrichts entlang der Rheinschiene. Foto: av/dpa

Von Brigitte J. Henkel-Waidhofer

Stuttgart - Die ersten Profiteure sind längst selber Eltern: Unter Ministerpräsident Lothar Späth (CDU) wurde 1986 erstmals Kinder in grenznahen Grundschulen am Rhein grundsätzlich die Möglichkeit geboten, Französisch zu lernen. Auch aufbauend auf den vielen positiven Erfahrungen und einer Erprobungsphase in Modellschulen hat Baden-Württemberg als erstes Land 2003 die Grundschulfremdsprache ab der Klasse eins eingeführt. Jetzt sollen die ersten beiden Jahre gestrichen werden, was auf den Französischunterricht besonders negative Auswirkungen hätte.

"Nach derzeit vorliegenden Informationen von französischer Seite lernen im Schulverwaltungsbezirk Straßburg 98 Prozent der Schülerinnen und Schüler in der Vor- und Grundschule Deutsch", schreibt Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) in ihrer Antwort auf eine parlamentarische Anfrage der beiden Regierungsfraktionen.

Trotzdem bleibt die frühere Stuttgarter Schulbürgermeisterin bei ihrem bereits vom Kabinett gebilligten Plan, ab dem Schuljahr 2018/2019 nicht nur Englisch, sondern auch Französisch in der Grundschule einzudampfen. In zwei statt in vier Jahren sollen Kinder, den europäischen Vereinbarungen entsprechend, künftig lernen, "sich auf einfache Art verständigen zu können, wenn die Gesprächspartnerinnen oder Gesprächspartner langsam und deutlich sprechen und bereit sind zu helfen".

Auch Grünen-Bildungspolitiker bezweifeln, dass die Verkürzung der Lern- und Lehrzeit von vier auf zwei Jahre ohne Weiteres ähnliche Ergebnisse bringt. Vor allem aber plädiert Sandra Boser (Wahlkreis Lahr) dafür, Schulen zumindest die Freiheit zu lassen, auch weiterhin ab der ersten Klasse mit dem Französisch beginnen zu können. Gerade im badischen Landesteil habe das Tradition. Es gehe um interkulturelle Kompetenzen und vor allem den gutnachbarschaftlichen Austausch. "Als in Frankreich der Deutschunterricht beschnitten werden sollte", so die Mutter von zwei Kindern, "ist das von uns massiv kritisiert worden."

Außerdem beklagen die Grünen, dass Eisenmann ohne jeden Kontakt zum grünen Koalitionspartner vorgegangen ist. Dabei ist das Vorhaben nicht durch den Koalitionsvertrag gedeckt. Als SPD-Kultusministerin Gabriele Warminski-Leitheußer 2012 einen ähnlichen Vorstoß unternahm, war der Ärger noch groß:. Ministerpräsident Winfried Kretschmann höchstpersönlich verwies darauf, dass am Oberrhein nicht weniger als 66000 Kinder an Französischunterricht in den ersten vier Klassen teilnehmen und der "eindeutig ein Erfolgsmodell" sei. Deshalb müsse er ab der ersten Klasse fortgeführt werden.

Inzwischen allerdings ist das Land Absteiger in verschiedenen Bildungsstudien. Das Kultusministerium will die freiwerdenden Ressourcen in den ersten beiden Klassen in den Deutsch- und den Mathe-Unterricht stecken. Auch im sicheren Wissen, dass sie dessen Ausweitung durch die Schaffung neuer Lehrerstellen - auf dem Weg zur Schuldenbremse und trotz sprudelnder Steuereinnahmen - nicht finanziert bekommt. Praktiker bezweifeln allerdings gerade diesen erhofften Ressourcengewinn, weil der Fremdsprachenunterricht ohnehin schon bisher an vielen Schulen immer wieder ausgefallen ist, um Lücken zu schließen. Und die Befürchtung, dass Französisch künftig nicht nur durch den späteren Beginn bedrängt, sondern grundsätzlich gefährdet ist, hat das Kultusministerium bereits 2015 selber ausgelöst. In einem landesweiten Empfehlungsschreiben hieß es, im Gymnasium solle in der fünften Klasse als erste Fremdsprache am besten Englisch gewählt werden.

zurück
1