"Demokratie ist ein Prozess"

'Demokratie ist ein Prozess'

Von Dieter Klink

Baden-Baden - "Habe ich schon." Eine Frau lehnt das SPD-Programm ab, das ihr entgegengestreckt wird. "Da bin ich ja froh darüber", schmunzelt Gabriele Katzmarek und zieht das Faltblatt zurück. Sie steht auf dem Marktplatz in Gaggenau und verteilt Kaffee und Werbematerial. Ihren roten Piaggio hat sie so in den Weg gestellt, dass man nicht daran vorbeikommt, selbst wenn man es wollte.

Eine ältere Frau schiebt ihr Rad und verwickelt Katzmarek in ein längeres Gespräch. Hinterher sagte sie: "Sie kommt sympathisch rüber. Aber ich habe sie ehrlich gesagt zum ersten Mal so richtig bewusst wahrgenommen."

Übers TV-Duell haben die beiden geredet. Das muss Katzmarek aushalten. Dieser Wahlkampf ist nicht einfach für sie. Die SPD-Bundestagsabgeordnete hat in den Umfragen nicht gerade Rückenwind. Seit dem TV-Duell der Kanzlerin gegen SPD-Bewerber Martin Schulz ist es nicht besser geworden. Doch die 57-Jährige gibt sich unverdrossen und versucht, potenzielle Wähler von sich zu überzeugen.

Es gibt auch die Leute, die sie gar nicht mehr überzeugen muss. Die wählen SPD. "Ich bin im Ruhrgebiet aufgewachsen, da gehört SPD wählen dazu", sagt eine Frau, nachdem sie mit Katzmarek geredet hat.

Eine andere verlangt, die SPD müsse sich in Berlin mehr durchsetzen. "Sie müssen alle härter werden, sonst verlieren sie noch mehr Wähler", schimpft sie. Dass die Renten im Osten immer höher steigen als im Westen, nennt sie eine Sauerei. Und dass dort die Straßen in Ordnung sind und hier nicht. Ein Rentner schwenkt dieses Mal um von CDU auf SPD. Warum? "Weil Martin Schulz mehr Druck auf Polen ausüben wird". Der 67-jährige Murgtäler hat familiäre Wurzeln in Polen, daher sein verstärktes Interesse.

Es gibt auch die Leute, die sie nicht mehr überzeugen kann. Die sich abwenden. Von ihr, ihrer Partei, von der Politik insgesamt. Das hänge auch damit zusammen, dass manche Bürger glaubten, die Politik müsse die eigenen Interessen 1:1 umsetzen, meint sie. "Aber Demokratie ist ein Prozess, in dem man um Ideen ringt und Entscheidungen trifft. Die individuellen Interessen können nicht ganz umgesetzt werden."

Katzmarek nennt das eine gefährliche Entwicklung. Populisten nutzten das aus. Sie redeten den Leuten ein, dass Politiker sich nicht um die Probleme kümmern. Damit bedienten sie das "ungute Gefühl". Katzmarek hält dagegen. "Ich kann im Wahlkampf nur sagen, wofür ich mich einsetze. Wenn man keine Mehrheiten hat, kann man seine Politik nicht durchsetzen. Dann hat man aber nicht gelogen", wehrt sie Vorwürfe ab.

Diese Leute will sie überzeugen. Wenn gar nichts mehr geht, dann wenigstens davon, überhaupt wählen zu gehen. Totalablehnung, das erlebt sie im Wahlkampf auch. "Wenn jemand sagt: ,Politiker, das ist alles das gleiche Pack.', warum sucht er dann das Gespräch mit mir?"

Katzmarek drückt den Menschen ihren Prospekt in die Hand, dazu ein Gläschen Erdbeermarmelade. Gedacht als Erinnerung für den Wahltag. "Die Leute sollen gut frühstücken und dann wählen gehen." Das sei wichtig, denn Demokratie sei kein Selbstläufer.

Mit ihrem roten Piaggio samt mobilem Kaffeestand tourt sie seit Juli durch den Wahlkreis. Mit dem Gefährt will sie frisch daherkommen. "Politik ist nicht nur traurig, sondern man kann mit Freude und Frische rangehen", sagt sie.

Im Bundestag hat sie sich in den ersten vier Jahren einen Ruf erarbeitet. Sie ist die SPD-Fachfrau für Industrie 4.0 und für die Gesundheitswirtschaft. In beiden Themengebieten ist sie Berichterstatterin ihrer Fraktion im Parlament. So hat sie etwa ein Forum Gesundheitsforschung auf den Weg gebracht, bei dem alle Beteiligten an einem Tisch sitzen: Rund 70 Teilnehmer aus Gewerkschaften, Unternehmen, Politik und Wissenschaft. Darauf ist sie stolz, auf diese "Politik mit Beteiligung". Alle haben zusammen ein Positionspapier erarbeitet. Dass sie sich parteiübergreifend einen guten Ruf erarbeitet hat, liest sie daran ab, dass ihr viele Teilnehmer für die Wahl alles Gute wünschen und hoffen, dass das Fachforum nach der Wahl weiterläuft. "Das zeigt doch, dass nicht verkehrt ist, was ich mache."

Die Sozialdemokratin bereist in Sachen Industrie 4.0. ganz Baden-Württemberg und versucht, Arbeitnehmer und Firmen auf den raschen digitalen Wandel einzustellen. Der Mittelstand im Land habe sich noch zu wenig mit dem Thema auseinandergesetzt. Das möchte sie aber anregen. "Was bedeutet der digitale Wandel für die Arbeitsplätze? Ich möchte, dass man sich rechtzeitig über die Zukunft Gedanken macht und sich junge Menschen für die Zukunft ausbilden."

Im Wahlkreis hat sie sich in die PFC-Problematik reingekniet. Auf die grün-schwarze Landesregierung ist sie in dieser Sache sauer. Sie habe Briefe an die Landesregierung geschrieben, an die Minister Peter Hauk (CDU), Franz Untersteller und Ministerpräsident Winfried Kretschmann (beide Grüne). Alle baten sie um Geduld. "Dass man bis heute keine Bestandsaufnahme über die Kosten hat, kann doch nicht wahr sein", ärgert sie sich und wirft der Landesregierung Untätigkeit vor.

Katzmarek wird weiter Briefe schreiben, bis sie eine Antwort erhält. Im Nachhaken sei sie mittlerweile geübt. Bei Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU) habe sie durch Hartnäckigkeit erreicht, dass Musikvereine in Mittelbaden Zuschüsse erhalten, wenn sie Flüchtlinge integrieren. Mit der Bahn sei sie bereits vor der Sperrung der Rheintalbahn im Clinch gelegen wegen des Umbaus des Rastatter Bahnhofs zu einem behindertengerechten Gebäude. Gebracht hat es noch nichts.

Katzmarek war vor ihrer Zeit als Bundestagsabgeordnete hauptamtlich Gewerkschafterin. Bei der IG Bergbau, Chemie, Energie setzte sie sich für den Erhalt von Arbeitsplätzen ein. Heute hat sie eine Wohnung in Rastatt, bis 2013 lag der Familienmittelpunkt in Mannheim. Dort ist auch ihr Mann Wolfgang - inzwischen Rentner - in der SPD aktiv. Die beiden Kinder sind aus dem Haus. Die Tochter Wirtschaftsingenieurin in München, der Sohn Pharmakant in Mannheim. Ihre Tochter hatte, trotz hoher Qualifizierung, zunächst mit Werkverträgen und Leiharbeit zu tun. Katzmarek kennt das Thema also, das auch ihrer Partei um die Ohren gehauen wird, obwohl doch Arbeitsministerin Andrea Nahles in der abgelaufenen Legislatur Härten abgefedert habe.

Warum verpufft der Schulz-Effekt?

Auf der SPD-Landesliste hat Katzmarek einen sicheren Platz elf, was sie als Wertschätzung ihrer Partei interpretiert. "Man kriegt den Listenplatz ja nicht geschenkt", sagt sie dazu. Sie ist relativ sicher im nächsten Bundestag vertreten.

Klar, die Umfragwerte sind mies. Der Schulz-Effekt ist verpufft. Warum das so ist? Katzmarek hat Erklärungen parat. Sie hält es für ein Handicap, dass Schulz keine Funktion, kein Amt hat. Er hat keine Bühne, während Merkel international glänzen kann. Schulz habe zuletzt Punkt für Punkt Inhalte geliefert, dabei sei aber ein Stück weit die Vision untergegangen. Die Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen, die für die SPD und Hannelore Kraft verloren ging, sei der Bruch gewesen. Seitdem ging es in den Umfragen weiter bergab. Macht nichts, Katzmarek kämpft weiter. Mit Kaffee im Schulz-Becher und Erdbeermarmelade. Kämpft um die Leute, die sie noch überzeugen kann.

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