"Im Pop spielt das Gefühl wieder eine größere Rolle"

Thomas Jung (rechts) und Gregor Friedel im Sendestudio auf der Funkhöhe. Foto: Thomas Viering

Das SWR3-New-Pop-Festival geht heute Abend los. Zum Auftakt hat BT-Redakteurin Christiane Lenhardt mit SWR3-Chef Thomas Jung und SWR3-Musikchef Gregor Friedel ein Interview geführt.

BT: Herr Jung, Herr Friedel, Anastacia erhält den Pioneer of Pop. Was war ausschlaggebend für die Wahl der US-amerikanischen Soulsängerin? Zuletzt war es stiller um sie geworden.

Gregor Friedel: Es ist ja jetzt wieder ein bisschen lauter geworden um sie. Ihre neue Platte "Evolution" kommt heraus. Außerdem hat Anastacia 2000 beim New-Pop-Festival ihr erstes Konzert in Europa gespielt, das sehr umjubelt war.

Thomas Jung: Damals war es so, dass Konzertveranstalter zu New-Pop kamen, um mit Anastacia Verträge zu bekommen. Wir halten sie für eine Große, deshalb haben wir uns auch entschieden, dass sie den Pioneer of Pop bekommt.

BT: Welcher Band des aktuellen Festivals trauen Sie ein solches Potenzial zu?

Friedel: Wir haben ein tolles Booking beim Festival. Ich glaube, dass wir zwei Künstler haben, bei denen ich sicher bin, dass wir noch lange von ihnen hören werden. Das eine ist Rag'n' Bone Man, der hat mit dieser ersten Platte "Human" einen Meilenstein hingelegt. Seine Karriere begann, obgleich er aus England kommt, in Deutschland. Und ich bin zu 100 Prozent davon überzeugt, dass wir von Alice Merton noch lange etwas hören werden. Ich glaube, dass aus ihr etwas Großes wird. Wir haben sie in der Mannheimer Popakademie entdeckt.

Interview

BT: Ist das ein wichtiger Ort für Sie, um nach Talenten fürs New-Pop-Festival zu schauen?

Jung: Der SWR ist Gesellschafter der Popakademie. Wir haben dort auch Lehraufträge. Wir bekommen aus erster Hand mit, was dort gerade künstlerisch passiert. Unabhängig davon: Ich würde die Liste gerne noch ergänzen um Welshly Arms. Anfangs skeptisch, bin ich mittlerweile ein glühender Fan dieser Band. Ich denke, wir haben wirklich die Perlen unter den Newcomern des Jahres zusammengetragen.

BT: War 2017 insgesamt ein gutes Musikjahr?

Friedel: Ja. Wir haben dieses Jahr eine ganz große Bandbreite an Musik, verschiedene Farben. Alma hat mittlerweile den vierten Hit hintereinander. Alle Bands, die wir haben, haben voice and face.

BT: Die Popszene gibt sich in Baden-Baden gefühlvoll: Balladen, Gitarren- oder Klavierbegleitung, wenig harter Beat, keine exzentrische Show, sogar Blumenschmuck am Mikroständer sind angesagt. Ist eine neue Innerlichkeit im Pop zu erkennen?

Friedel: Ich glaube, dass das Thema Emotionalität wieder eine größere Rolle spielt. Wir haben lange Zeit mit der EDM (Electronic Dance Music, Anm. der Red.), der tanzbaren DJ-Musik, eine marktbestimmende Situation gehabt. Es gibt immer Wellenbewegungen im Markt. Jetzt haben wir eine Zeit, in der ein bisschen Gefühl drin ist. Auch die Rückbesinnung auf die Funk- und Soulmusik ist da, die Rag'n Bone Man macht, auf den klassischen Blues, den Kaleo macht. Es gibt nichts Schöneres, als wenn du emotional gegriffen wirst von der Musik. Andererseits haben wir Th xx eine Band, die einen künstlerischen Ansatz hat.

Jung: Wir haben mit New-Pop auch einen künstlerischen Anspruch. Es geht darum, neue Musikstyles zu entdecken - oder zu erkennen, wenn aus früheren Zeiten etwas wieder aufgenommen und neu verpackt wird. Es ist ein Festival, das viele Menschen erleben sollen, in den Locations, in der Stadt, aber auch in der multimedialen Verbreitung.

BT: Ist Alice Merton derzeit die Innovativste?

Friedel: Ich glaube, dass Alice Merton mit der Art von Musik, die sie macht, momentan dem Trend vorangeht. Sie hat 80er-Jahre- und 90er-Jahre-Elemente in ihren Songs, drum and bass im Hintergrund und was ganz eigenes. Diese "No roots"-Nummer ist nichts, was man nebenbei hört. Sie hat den Mut, Musik zu machen, die sich unterscheidet, die Stile aus verschiedenen Dekaden aufnimmt, trotzdem modern zu klingen und nach vorne zu blicken. Sehr bewundernswert.

BT: Herr Friedel, Sie verantworten erstmals das New-Pop-Festival. Welche Gestaltungsspielräume haben Sie noch bei der nunmehr 23. Ausgabe?

Friedel: Ich war ja zuvor stellvertretender Projektleiter. Seit 1999 habe ich beim New-Pop-Festival in verschiedenen Positionen gearbeitet. Ich kenne das Festival und die Leute gut, die dafür arbeiten, und ich genieße das große Vertrauen der Wellenleitung. Wir haben dieses Jahr einen Schwerpunkt in den digitalen Bereich gelegt. In die SWR3 App wird eingesonderter Punkt "New Pop Festival" integriert. Wir haben digitale Ausspielwege, arbeiten sehr mit Social Media. Wir wollen 2018 und 2019 Einiges verändern, das man dann auch in der Stadt feststellen kann.

BT: Was ist noch nicht optimal beim Festival?

Friedel: Ich glaube einfach, dass man immer Dinge verbessern kann. Aber die Veranstaltungsorte in der Stadt sind einzigartig, auch in dieser geballten Form. Mir bereitet viel Freude, dass das Festival von Leuten angenommen wird, die gar nicht die Chance haben, in Konzerte reinzugehen, weil wir draußen auch viel machen und Bands spielen haben. Dieses Leben, dieser Spirit, den wir während der drei Tage in der Stadt haben, sind unfassbar.

Jung: Optimiert heißt ja nicht, dass das Festival in der Stadt nicht optimal laufen würde. In einem Jahr versuchen wir bei New-Pop, was die multimediale Verbreitung betrifft, Gas zu geben, im nächsten Jahr arbeiten wir wieder am Event selbst. Unsere Überlegungen betreffen schon 2018 und 2019, zum 25-jährigen Bestehen wollen wir etwas Besonderes bieten. Wir haben jedes Jahr knapp 15 000 Leute, die die Konzerte direkt in den Locations erleben können. Viele können sie draußen an der Videowall sehen. Insgesamt sind es sicherlich 50 000 bis 60 000 Leute über die drei Tage in der Stadt. Wir übertragen den ganzen Event nicht nur über SWR3, sondern haben auch das Fernsehen dabei: ob das "Das Special" ist fürs Erste oder der Digitalkanal der ARD, ONE, der genauso alle Einzelkonzerte senden wird wie das SWR-Fernsehen.

BT: Die Konzerte sind jedes Jahr derart schnell ausverkauft. Schon mal darüber nachgedacht, die eingeladenen Bands mehrmals auftreten zu lassen?

Jung: Dass eine Band zweimal auftritt, halte ich für nahezu ausgeschlossen, die haben einen ganz engen Zeitplan. Mitunter kommen die aus Paris oder London eingeflogen, spielen ihren Gig, verlassen Baden-Baden noch in der Nacht. Deshalb bieten wir die Möglichkeit über die Videowall. Nebenbei finden auf der Live-Bühne noch ein halbes Dutzend Konzerte mit Künstlern statt, bei denen wir keinen Euro Eintritt verlangen. Das sind Musiker, die wir heute schon im Radio spielen. Unsere Ticketpreise halten wir ja auch richtig nieder, weil wir möchten, dass Leute für wenig Geld diese Musik erleben können und sich auch mal erlauben können, zwei Konzerte am Abend zu gucken.

BT: Nach welchen Kriterien wählen Sie die Musik aus? Wie avantgardistisch können Sie werden?

Friedel: Das Entscheidende ist, dass wir dran glauben, dass aus der Künstlerin oder dem Künstler, der Band etwas wird. Es ist Kerngeschäft von SWR3, dass wir nicht nur die Hits spielen, wenn sie Hits sind, sondern wir versuchen, Künstler zu entdecken und sie aufzubauen. Das Zweite ist, dass wir dran glauben, dass wir eine große Masse damit erreichen können. Drittens spielt keine Band beim New-Pop-Festival, die sich nicht einer der Musikredakteure live angeschaut hat. Auch das Konzerterlebnis muss stimmen. Wir versuchen natürlich verschiedene Musikrichtungen abzubilden aus dem Großbereich Pop.

BT: Die Künstler, die hierher kommen, müssen aber schon bekannt sein.

Friedel: Dafür sorgen wir ja. Ein schönes Beispiel ist Rag'n Bone Man. Wir haben am 26. Juli 2016 das erste Mal die "Human"-Single von ihm gespielt. Da konnte ihn keiner kennen, weil wir der erste Radiosender waren, der ihn gespielt hat - und wie groß der Erfolg nun geworden ist. Da ist SWR3 schon Zugpferd.

BT: Ab wann schwärmen Ihre Scouts aus, um Bands fürs nächste Festival zu finden?

Friedel: Ab Oktober, wenn das Festival vorbei ist, werden Bands angeschaut.

BT: Wie schätzen Sie die deutsche Popszene ein?

Jung: Stark.

Friedel: Ja, Deutschland hat sehr aufgeholt. Der Markt ist deutlich besser geworden, auch mit Texten. Es gibt Leute wie Joris, die tolle Texte schreiben. Oder Mark Foster, der 2012 hier gespielt hat, das war auch ein Start seiner Karriere. Wir diskutieren wöchentlich, darüber: Ist das jetzt hart am Schlager oder ist es tatsächlich Pop? Vor allem der Text wird intensiv diskutiert. Denn wir bekommen dazu auch viel Rückmeldung von unseren Hörern.

BT: Und auch die Senderverantwortlichen gilt es, jedes Jahr zu überzeugen. War das New-Pop-Festival vom Sparkurs des Senders betroffen?

Jung: Nein, weil das SWR3-New-Pop-Festival eine große Marke ist. Und sicherlich auch, weil es sich refinanziert. Wir finanzieren uns einerseits durch die Eintrittsgelder, das reicht natürlich nicht. Deshalb geht es nicht ohne Eventpartner, ob das jetzt der Kulturbereich von Audi als Mitveranstalter ist, oder etwa Getränkehersteller sind. Wir setzen kein Gebührengeld für den Event ein. Für die Übertragung ja, das ist unser Kerngeschäft.

BT: Wie schwer ist es geworden, mit dem guten alten Radio die Jugend zu erreichen?

Jung: Es ist nicht so, dass sich junge Menschen von Radio und Fernsehen abwenden, sie nutzen sie nur kürzer. Die jüngste Mediaanalyse zeigt das. Sie nutzen wesentlich mehr Medien parallel, so dass das Zeit-Budget, das dann für Radio oder Fernsehen bleibt, kürzer wird. Deshalb geben wir gerade auch im Netz sehr viel Gas. Wir haben beim New-Pop-Festival auf der einen Seite die Radiofestivalsendung und bieten im Netz einen Video-Livestream, wo man die Künstler erleben kann und die Interviews auch weitergehen.

Friedel: Wir machen auch Instagram-Storys, ein Medium, das die Jüngeren nutzen.

BT: Welche Musik hören Sie privat, wenn Sie das Festival hinter sich lassen?

Friedel: Wenn es nichts Altes sein soll - so ist die Vorstellung, dass ich mich zu Hause hinsetze und eine Flasche Rotwein aufmache, und mir diese Rag'n' Bone Man-Platte noch mal anhöre, relativ groß. Das trägt dich aus dem Festival mit einer Art von Musik, bei der man sagt, das ist gut.

Jung: Ich höre zu Hause rauf und runter SWR3. Ich habe in nahezu allen Räumen einen Streaming-Lautsprecher, weil das nicht nur mein Job, sondern auch meine Leidenschaft ist.

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