Späte Spuren einer Rebellion

Späte Spuren einer Rebellion

Von Gunther Hartwig

Berlin - 1968: Der Philosoph Peter Sloterdijk nennt es das "dichteste Jahr der Weltgeschichte", was schon deshalb bemerkenswert erscheint, weil 1989 - mindestens aus deutscher und europäischer Sicht - ein nicht weniger bedeutendes Datum ist. Ein "Schlüsseljahr der neueren Zeit" war 1968 jedoch allemal, ein Meilenstein der internationalen Politik- und Kulturgeschichte.

Ein halbes Jahrhundert später sind die umstürzenden Ereignisse jenes Jahres und seines historischen Umfeldes vielleicht ein wenig verblasst, die prägenden Figuren der Bewegung, für die sich die Chiffre "1968" eingebürgert hat, entweder tot oder im öffentlichen Bewusstsein nicht mehr präsent. Doch nicht nur das 50-jährige Jubiläum ruft die Erinnerung an eine Rebellion wieder auf, die weit über die studentische Jugend und die Universitäten hinausging.

Die Auseinandersetzung mit den Achtundsechzigern und den Spuren, die sie in Politik und Gesellschaft der Bundesrepublik hinterlassen haben, beschäftigt Historiker wie Soziologen gerade heute wieder und bestimmt sogar den aktuellen politischen Diskurs. So hat eben erst der neue Chef der CSU-Landesgruppe im Bundestag, Alexander Dobrindt, eine "bürgerlich-konservative Wende" in Deutschland ausgerufen und sich dabei ganz direkt auf das Erbe der "68er" bezogen.

Deren "langer Marsch durch die Institutionen" hat nach Dobrindts Auffassung ein überbordendes Maß an Sozialismus in den Amtsstuben, Bildungsplänen und Redaktionen der Republik implementiert, das es jetzt schleunigst auszutreiben gelte. Als regelrechtes Feindbild taugt das "versiffte links-grüne 68er-Deutschland" dem AfD-Frontmann Jörg Meuthen im Kampf gegen die politische Korrektheit der etablierten Parteien in Berlin.

Zugleich wird seit Monaten die Frage aufgeworfen, ob die gegenwärtig beklagte Krise der Demokratie nicht auch etwas mit "68" zu tun habe, mit dem vermeintlichen Werteverfall und der Auflösung von Bindungen in der Gesellschaft, und wieso sich zum Beispiel die identitäre Rechte ausgerechnet bei Aktionsformen bediene, die in jener Phase ihren Ursprung haben. Der Kulturwissenschaftler Claus Leggewie stellt dazu fest, dass sich vor 50 Jahren nicht bloß die antiautoritäre Linke zu neuen Ufern aufmachte, sondern auch eine "Neue Rechte" - und dass es mit dem ehemaligen RAF-Anwalt Horst Mahler sogar einen "idealtypischen Gesamtextremisten" gibt, der ins Lager der Auschwitz-Leugner überlief.

Die Chance einer Rückabwicklung von "1968" mag zwar in manchen Köpfen herumgeistern, doch sind die Folgen der Umbrüche, die sich im Zeichen dieses Datums zugetragen haben, zu tiefgreifend, vielfältig und jedenfalls in weiten Teilen der Gesellschaft auch akzeptiert, als dass sie im Handumdrehen wieder rückgängig gemacht werden könnten. Es war ja nicht allein der "Muff von 1000 Jahren unter den Talaren", der die Studierenden und die "Außerparlamentarische Opposition" auf die Straße trieb. Es ging obendrein um Kritik am westlichen Kapitalismus und am Vietnam-Krieg der Amerikaner, um die Debatte über die Nazi-Vergangenheit führender Köpfe in der Bonner Republik sowie im Justizwesen und in der Wirtschaftselite, nicht zuletzt um das Aufbrechen erstarrter Konventionen und Erziehungsideale, um die Entfesselung einer verklemmten Sexual-Moral und - ja, auch dies - um ungehemmten Drogenkonsum.

Es hat, daran besteht im Rückblick kein Zweifel, neben positiven Impulsen und Effekten der "68er" auch Irrwege und Fehlentwicklungen gegeben. Auf der Habenseite werden allgemein verbucht: die Emanzipation der Frauen, mehr Demokratie und Pluralismus in Politik und Verwaltung, an Hochschulen und in Kultureinrichtungen. Der Berliner Verfassungsrechtler Christoph Möllers meint, viele Themen und Projekte der 68er seien nicht nur "in den Mainstream eingegangen", sondern sogar "im Grundgesetz verankert".

Doch warf das "radikale Bedürfnis nach Frieden und Freiheit", das der legendäre Studentenführer Rudi Dutschke für sich und die Seinen in Anspruch nahm, auch Schatten. Die militante Auflehnung gegen die herrschende Ordnung - vor allem die erstmals in Bonn amtierende große Koalition und deren Notstandsgesetze - kippte, teilweise provoziert durch polizeiliche Gewalt (wie beim Todesschuss gegen Benno Ohnesorg ), um in eine unverhohlene Kampfansage an den Staat, in revolutionäre Anmaßung und am bitteren Ende in die extremistischen Auswüchse der RAF.

Der Berliner Politikwissenschaftler Götz Aly (Jahrgang 1947), damaliger Zeitzeuge und heutiger Kritiker der 68er-Bewegung, räumt ein: "Wir sind sehr schnell in einen deutsch-romantischen Rausch nachgerade verrückter Selbstüberschätzung geraten. Das unterschied die deutschen 68er von ihren französischen und US-amerikanischen Altersgenossen." Die Tabubrüche und Regelverletzungen von einst, so analysiert der Leipziger Kulturwissenschaftler Wolfgang Ullrich (50), hätten fraglos zu einer nachwirkenden Emanzipation bis dahin benachteiligter Gruppen geführt. Doch habe der "Geist von 1968" ein halbes Jahrhundert danach "nicht mehr viel mit wirklicher Befreiung zu tun, sondern hat sich auf eine Strategie verengt, die denen, die sie nutzen, allein dazu dient, auf Kosten anderer selbst zu mehr Macht zu gelangen".

Es ist ein schillerndes und zwiespältiges Bild, das heute von "1968" und den Schleifspuren dieser Ära gezeichnet wird. Als Referenzgröße taugt das Jahr der Massenproteste und Erhebungen gerade in einer postmodernen Gesellschaft wieder, die von aufmüpfigen Wutbürgern, wachsender Demokratieverdrossenheit und folgenschwerer Individualisierung geprägt wird. Gleichwohl warnt Möllers davor, "die 68er für die politische Entwicklung der Gegenwart in Haftung zu nehmen, sei es positiv, sei es negativ".

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