Neustart mit Dauerkanzlerin

Neustart mit Dauerkanzlerin

Von Nina Setzler

Warum hält die Reporterin beim Interview mit dem AfD-Politiker einen Textmarker statt eines Mikros? Damit sie ihm in einem Überraschungsmoment die schwarze Kappe des Stifts als angedeutetes Hitler-Bärtchen an die Oberlippe halten kann. Die Inszenierung "Wir schaffen das!", mit der nun das Karlsruher Theater Sandkorn nach Insolvenz und Neuaufstellung wieder eröffnet wurde, steckt voller solcher skurriler Szenen.

So wandert in dem von Erik Rastetter inszenierten Kabarettabend auch ein angebissener Keks, der zuvor von einem Baum gepflückt wurde, schlafwandlerisch von einem Mund zum anderen. Die Darsteller Cynthia Popa, Markus Kern und Markus Kapp fliegen als "Adam, Eve und Captain Abraham" zu einem fernen Planeten, um das Elend auf der Erde hinter sich zu lassen und eine neue Menschenkolonie zu gründen. Das überrumpelte Publikum nebst spontan rekrutiertem "Heizer" hebt gleich mit ab, wobei zu Beginn ein riskanter Flachwitz-Schlingerkurs vorbei an Orbit-Kaugummi, Mars, Snickers, Saturn und Media Markt eingeschlagen wird, der zunächst Schlimmes für das Niveau des Abends befürchten lässt.

Doch die Crew berappelt sich bald und findet trotz der Vorliebe des Captains für Anti-Witze und Wortverdreher auf eine solide humoristische Flugbahn. Das ist zu einem großen Teil auch dem Special Guest des Abends zu verdanken, der Angela-Merkel-Parodistin Marina Tamassy: Überzeugt sie auf zweidimensionalen Abbildungen noch nicht ganz, ändert sich das live beim ersten Wort schlagartig: diese Stimme! Man glaubt tatsächlich, Deutschlands Dauerkanzlerin vor sich zu haben. Bis hin zum "Sie kennen mich"-Blinzeln und dem weichen Einknicken der Hüfte beim Gehen beherrscht sie die Imitation der Regierungschefin bis ins kleinste Detail.

Auch die um sie herum gestrickte Handlung auf dem fernen Planeten Rhombus, auf dem die Rakete bald landet, und die mit der Reise verbundenen Werbeblöcke (",Trump first', das Eau colérique, das ihnen den Atem verschlägt") bieten Grund für viele Lacher. Geheimnisvolle Botschaften im "Akte X"-Style, Lebensratschläge der "Star-Wars"-Belegschaft, fantasiereiche Wortspiele um die Raute, an der alles hängt, sowie beißende Gesellschaftskritik im Song "Best of Afrika" fügen sich zu einem facettenreichen Abend zusammen.

Die temporeichen Pianoeinlagen von Markus Kapp, der trotz eines Muskelbündelrisses bei der Generalprobe seine Mehrfachrolle als musikalischer Leiter, Comedian und Mitentwickler des Abends souverän ausfüllt, stehen in spannendem Kontrast zur Lethargie der verulkten Politiker: Gebeutelt von der neuartigen Krankheit "Angor panicus imperatus" (Angst vor dem Regieren), wollen sich Abgeordnete aller Parteien möglichst unauffällig an der TV-Reporterin vorbei in die Opposition verdrücken, sodass die trällernde "Kanzlerin" am Ende hypnotisch prophezeit: "Mutti bleibt für immer!" Zu Beginn des Abends hatte Karlsruhes frisch ins Amt eingeführter Kulturbürgermeister Albert Käuflein verkündet: "Totgesagte leben länger, das gilt auch für das Sandkorn. Hier verbindet sich Professionalität mit Leidenschaft für das Theater. Somit könnte der Titel des heutigen Stücks zutreffender nicht sein."

Vor nicht ganz voll besetztem Haus ist der Karlsruher Institution mit der Comedy-Rakete "Wir schaffen das!" jetzt ein beachtlicher Neustart gelungen.

zurück
1