Wo das Herz fast überfließt vor Glück

Wo das Herz fast überfließt vor Glück

Von Elisa Reznicek

Ein Hit ist ein Hit ist ein Hit - und davon gibt es in der Operette viele. Die vermeintlich leichte Kunstform, die oft als die kleine, süße Schwester der Oper belächelt wird, hat in ihrer Blütezeit zahlreiche Melodien für die Ewigkeit hervorgebracht. Kompositionen wie "Lippen schweigen" aus "Die lustige Witwe" und "Tanzen möcht' ich" aus der Operette "Die Csardasfürstin" entfalten ihren Zauber umso stärker, je unbeschwerter man sie fließen lässt. Wer hier forciert, hat schon verloren.

Immer gern gehört ist zudem "Dein ist mein ganzes Herz". Piotr Beczala schmettert die Arie aus "Das Land des Lächelns" als eine der Zugaben so wunderbar süß, schmachtend und emotional, dass man fast überfließt vor lauter Glück. Der Tenor mit dem edlen Timbre, der den großen Unterschied macht, wie ein Kritiker jüngst in einer Besprechung zu Bizets "Carmen" schwärmte, sticht auch in der Operetten-Gala heraus - und das trotz bärenstarker Besetzung mit Sopranistin Annette Dasch und Bariton Thomas Hampson.

Warum ihm alle Welt an den Lippen hängt, unterstreicht der Pole unter anderem in Kalmans "Wenn es Abend wird (Grüß mir mein Wien)" sowie Lehars "Freunde, das Leben ist lebenswert" und "Gern hab' ich die Frau'n geküsst". Der Text der letztgenannten schmissigen "Weiberheld-Nummer" wäre angesichts aktueller Sexismus-Debatten heute wohl nicht mehr so möglich. Trotzdem erliegt man ihm, denn bei Beczala passt einfach alles: Farbigkeit, Schmelz, Ausdruck, Technik.

Vom entfesselten "Operetten-Drive" lässt sich auch die Philharmonie Baden-Baden unter Pavel Baleff anstecken, die mit jedem Stück mehr im Thema aufzugehen scheint. In der weitgehend guten Orchesterleistung glänzt vor allem Konzertmeister Yasushi Ideue. Sein Violinspiel hat Feuer an den richtigen Stellen (zum Beispiel in Kalmans "Komm, Zigan"), kann aber genauso gefühlig und zart daherkommen. Apropos Leidenschaft: "Ich singe nur, was ich liebe und wirklich gern habe" betont Thomas Hampson im Vorfeld der Veranstaltung im Festspielhaus, was man dem Vorzeige-Bariton mit dem großen Glamourfaktor und der noch größeren Stimme tatsächlich abnimmt. Der mitunter als "George Clooney der Klassik" betitelte Sänger mit über 150 Alben und unzähligen Auszeichnungen verzaubert mit einer klaren und gleichzeitig weichen Stimme. Nur in der Höhe wirkt sie bei diesem Auftritt manchmal leicht gepresst, zum Beispiel in "Wien wird bei Nacht erst schön!".

In Baden-Baden ist unter Hampsons "Herzensangelegenheiten" erstmals auch der Eisenstein aus der Operette "Die Fledermaus" von Johann Strauß, was zusätzlich schauspielerisches Talent fordert. Das Duett "Dieser Anstand, so manierlich" mit der gesanglich wie optisch wandelbaren Sopranistin Annette Dasch (sie zeigt mehr Bühnenlooks als mancher Popstar) sowie das zu dritt erstklassig interpretierte "Ich stehe voll Zagen" gehören zu den Höhepunkten des kurzweiligen Konzerts, denn Musik und Interaktion sind einfach herrlich. Annette Dasch, die man gerade noch als Donna Elvira in Mozarts "Don Giovanni" an der Wiener Staatsoper bewundern konnte, funkelt nicht nur in "Du sollst der Kaiser meiner Seele sein" aus "Der Favorit" mit ihren prachtvollen Kleidern um die Wette.

Die Berlinerin, die als eine der führenden deutschen Stimmen gehandelt wird, wirkt im Vergleich mit ihren Sänger-Kollegen generell am exaltiertesten und zieht alle Blicke auf sich. Sie wirft sich geradezu in die Phrasen, peitscht die Spitzen und kostet die mittlere Lage mit viel Hingabe aus. Dem Publikum gefällt's, auch wenn manchmal etwas weniger durchaus (noch) mehr gewesen wäre!

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