Sinneswahrnehmung über die Kleidung

Ein Taubblinder kommuniziert mit seiner Assistentin, die sich dabei einer speziellen Technik bedient. Foto: dpa

Von Florian Krekel

Offenburg - Die menschlichen Sinne sind äußerst komplex und unersetzlich: Doch was, wenn einer oder gar zwei von ihnen ausfallen? Das ist bei der sogenannten Taubblindheit der Fall. 2,5 Millionen Menschen leiden in der EU an dieser Behinderung. Die Orientierung im Alltag, ja selbst die Kommunikation mit anderen Menschen, ist für sie allein nicht zu bewältigen. Ein Projekt von fünf europäischen Hochschulen hat sich nun zum Ziel gesetzt, mit Hilfe von speziellen Kleidungsstücken den Taubblinden einige Verbesserungen zu schaffen. Eine der Lehr- und Forschungsanstalten ist die Hochschule Offenburg.

Den Mittelbadenern fällt dabei eine Aufgabe zu, die zunächst irreführend klingen mag. Ihr Fachgebiet ist Gamification (von englisch "game" - Spiel): "Wir übertragen Elemente aus Videospielen in Szenarien, wo sie ursprünglich nichts zu suchen haben", erklärt Lea Buchweitz. Die 25-jährige Kognitionswissenschaftlerin ist eine von drei Leuten, die in Offenburg mit dem Projekt betraut sind.

Aber der Reihe nach: Das von der EU mit 2,4 Millionen Euro finanzierte Vorhaben trägt den vielversprechenden Namen "Suitceyes" - eine Kombination aus den englischen Wörtern für Anzug und Augen. Und genau das sollen die Kleidungsstücke am Ende des bis Dezember 2020 laufenden Projekts auch sein. "Die Idee ist, dass die Kleidungsstücke selektiv Informationen aus der Umwelt an ihre Träger weitergeben können. So könnte zum Beispiel ein Applikator eine Vibration auslösen, und dem Träger des Kleidungsstücks so mitteilen, auf welcher Seite sein Begleiter steht und gleichzeitig über die Vibrationsstärke verdeutlichen, ob er sich weiter entfernt oder direkt neben der taubblinden Person befindet", nennt Buchweitz ein mögliches Szenario.

Sogar eine Gesichtserkennung soll möglich sein: "Wenn die Mutter oder der Lebenspartner kommt, könnte ein Baustein leichte Wärme in der Herzregion abgeben", sagt Buchweitz. Eine Kamera, etwa im Jackenkragen, würde die entsprechende Info sammeln und an einen eingenähten Prozessor weitergeben.

Speziell für Taubblinde erhoffen sich die Forscher so enorme Vorteile - denn bei ihnen sind im Unterschied zu Blinden und Tauben beide sogenannten Fernsinne defekt. "Blinde orientieren sich zum Beispiel viel über das Gehör, dem zweiten Fernsinn neben dem Auge. Taubblinde können das nicht, sie können sich nur durch Berührung zurechtfinden. Deshalb können wir nur Applikationen verwenden, die mit Hilfe des Tastsinns oder über die Haut wahrnehmbar sind", verdeutlicht Lea Buchweitz.

Hat das Projekt Erfolg, könnten entsprechende Textilien auch in anderen Bereichen zum Einsatz kommen, etwa bei der Feuerwehr, um die Fortbewegung in einem völlig verrauchten Raum zu erleichtern. Auf der anderen Seite ist auch der Schritt zur militärischen Nutzung nicht weit und so gebe es auch tatsächlich einen Rüstungskonzern, der auf die Forschung aufmerksam geworden sei, sagt Buchweitz im BT-Gespräch. Inwieweit diese Verwendungsmöglichkeiten zivil wie militärisch genutzt werden, steht aber noch in den Sternen, das Projekt steckt noch in den Kinderschuhen. Geforscht wird erst seit Januar dieses Jahres. Zunächst gehe es darum, mit Betroffenen und deren Begleitern herauszufinden, welche Infos von den technischen Bausteinen gesammelt werden können und wie sie am besten an die Taubblinden weitergegeben werden können. Die Offenburger Hochschule kommt dann zu einem späteren Zeitpunkt erst so richtig ins Spiel. "Wir integrieren etwa das Prinzip aus der spielerhaften Ostereiersuche", erklärt Buchweitz. Eine Kamera soll dabei erkennen, wo sich zum Beispiel eine Kaffeetasse auf dem Tisch befindet und mittels Bausteinen, die beispielsweise heißer oder kälter werden, dem Taubblinden Hinweise geben, ob er sich der Tasse annähert und wo genau diese steht. Neben den Offenburgern arbeiten auch die Uni Boras in Schweden - sie hat die Leitung inne - sowie eine Forschungsanstalt in Griechenland, die Uni Leeds in England und die Uni Amsterdam an dem Projekt mit.

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