Kinder der 68er Generation reden Klartext

Kinder der 68er Generation reden Klartext

Von Thomas Weiss

1968 steht für Um- und Aufbruch, für Befreiung des Einzelnen, sexuelle Revolution, Demokratisierung, Auseinandersetzung mit der verdrängten braunen Vergangenheit, der Suche nach neuen Formen des Zusammenlebens jenseits miefiger Bürgerlichkeit. Einer Bürgerlichkeit, die noch von der Ideologie des Nationalsozialismus durchsetzt war, in der häusliche und schulische Gewalt noch fast selbstverständlich praktiziert wurde. So die oft verklärenden Erinnerungen vieler Alt-68er. Der Historiker Götz Aly, einst selbst Teil der Studentenbewegung, steht beispielsweise für eine nichtkonservative Gegenposition zur ausschließlich positiven Sicht auf die Zeit und ihre Folgen: Sein polemisches Buch "Unser Kampf. 1968" ist eine bittere Abrechnung mit den totalitären Tendenzen der 68er.

Im Vorgriff auf die am 20. April beginnenden 24. Europäischen Kulturtage Karlsruhe 2018 präsentiert das Badische Staatstheater nun die Uraufführung des Dokumentartheaters "Die Ehen unserer Eltern", das einen Blick der Kinder der 68er Generation auf ihre Eltern und das Aufwachsen in unruhigen Zeiten wirft. Das Stück wurde vom Theaterkollektiv "werkgruppe 2" konzipiert, das sich seit 2009 auf dokumentarische Projekte konzentriert. "Die Ehen unserer Eltern" basiert auf Gesprächen mit 30 Menschen aus Karlsruhe und Umgebung, denen Anonymität zugesichert wurde. Dass der Text ausschließlich aus wortwörtlich übernommenen Interviewpassagen besteht, verspricht Authentizität - auf der Bühne wirkt es oft nur banal und dröge. Die Produktion im Studio hätte der ordnenden und vor allem kürzenden Hand eines Dramaturgen bedurft.

Die erste Stunde der über zwei Stunden dauernden Uraufführung wirkt konfus und nebulös, es fehlt der Inszenierung von Julia Roesler an atmosphärischer Verdichtung, um der immer wieder auftauchenden Fragestellung, wie weit das "Private politisch war oder noch ist", Konturen zu geben.

Die Leistung des von der Grippewelle arg gebeutelten sechsköpfigen Ensembles hingegen, das mit seinem Einsatz die Premiere rettete, ist aller Ehren wert. Auf der eine "Geburtstagsfeier" imaginierenden, mit Laub gefüllten Bühne von Charlotte Pistorius, die auch für die treffend typisierenden Kostüme verantwortlich zeichnet, spielen die drei Schauspieler und drei Schauspielerinnen wechselnde Rollen, übernehmen die Frauen auch Männerpartien und umgekehrt. Die für die 68er so entscheidende Musik, von "My Generation" von der Gruppe "The Who" über Hannes Wader und Franz Josef Degenhard bis zum Politrock der Karlsruher Band "Checkpoint Charlie" klingt hingegen bei dem Musikkonzept für sechs Plattenspieler von Insa Rudolph zu manieriert.

Das Leben in wechselnden WGs, im Kinderladen und in Landkommunen in der Pfalz wird angedeutet, teils in enervierenden Wiederholungen. Immer wenn es den Darstellern gelingt, ironische Distanz zu den Geschichten der Protagonisten zu schaffen, verdichtet sich die Uraufführung, lässt sie die Widersprüche zwischen dem geforderten Neuen und den tastenden Versuchen, diese in die Realität umzusetzen, deutlich werden.

Dass nicht alles und alle politisch waren, unterstreichen die esoterischen Bekenntnisse ebenso wie die Drogenexperimente, die neue Abhängigkeiten schaffen. Sind die einen esoterisch unterwegs, so kommt Ute Baggeröhr immer wieder auf Nicaragua-Erfahrungen zu sprechen, bei denen ein totalitärer Zug nicht fehlt. Auch Sithembile Menck kann einiges von den seelischen Verwerfungen berichten, die das rücksichtslose Ausleben der Freiheit besonders für Frauen bedeutet - während Jonathan Bruckmeier die lustvolle Freiheit männlicher Promiskuität beschwört.

Zu den eindrücklichsten Szenen gehört Gunnar Schmidts Anklage, wie er als Elfjähriger von einem bekannten Pädophilen der 68er Szene missbraucht wurde. Jeder wusste von dessen Übergriffen, niemand schritt ein. Ebenso wie das angeblich freie Leben in der Landkommune Züge eines beängstigenden Sektierertums annimmt, öffentliche Tribunale inbegriffen, wie man sie aus Erzählungen von Opfern des Stalinismus und der maoistischen Kulturrevolution kennt. Das Ende mit dem Chor "Rock am Stock", wirkt danach nostalgisch-verklärend, ein bisschen arg plakativ nach all den seelischen und körperlichen Verwundungen, die die Protagonisten zuvor auf der Bühne mitteilten.

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