Motive für Falschaussage im Dunkeln

Motive für Falschaussage im Dunkeln

Von Silke Gelhausen

Karlsruhe - Wollte sie Aufmerksamkeit oder Mitleid? Hat sie aus schlechter Laune heraus Blödsinn erzählt? Oder war sie angetrunken? So genau weiß die 24-jährige Angeklagte das bis heute nicht. Sicher ist aber, dass sie durch ihre Falschaussage am 22. Januar 2017 einem Unschuldigen zwei Monate Gefängnis bescherte, weil sie ihn des sexuellen Übergriffs bezichtigte. Gestern wurde sie dafür wegen Freiheitsberaubung in Tateinheit mit falscher Verdächtigung vom Schöffengericht Karlsruhe zu 20 Monaten Haft auf Bewährung verurteilt.

Der Fall schlug vor einem Jahr hohe mediale Wellen, weil im gleichen Zeitraum vier weitere Karlsruher Frauen in ähnlicher Weise sexuell bedrängt wurden. Nach der Anzeige glaubte man bei der Polizei, den Serientäter geschnappt zu haben. Dass man den 23-jährigen Studenten zu Unrecht inhaftierte, war damals noch nicht abzusehen: Er selbst verweigert jegliche Aussage.

Erst als ein weiterer Zeuge auftauchte, der die Angeklagte im Wohnhaus des Studenten gesehen hatte und damit deren Erklärungen widersprach, revidierte diese ihre Aussage. Das war Anfang März. Bis dahin war die Hotelfachfrau in fünf Vernehmungen bei ihrer erfundenen Aussage geblieben.

Gestern legte sie ein umfassendes Geständnis ab. "Es ging mir an dem Tag nicht gut. Ich hatte schlechte Berufsschulnoten und Stress mit meinem Ex. Für eine Aussprache mit ihm trank ich mir ein bisschen Mut an", behauptet die gebürtige Haitianerin. In der Straßenbahn sei ihr der junge Tunesier aufgefallen, der mit ihr geflirtet habe: "Er hat mir gestisch zu verstehen gegeben, dass ich aussteigen solle. Eigentlich wäre ich sonst noch weiter bis Hauptbahnhof gefahren." An der Haltestelle Rüppurrer Tor habe ihr der junge Mann vorgeschlagen, ihn nach Hause zu begleiten, er wolle dort seine Sporttasche holen. Vor seiner Wohnungstür habe er versucht, sie zu küssen. "Es kam aber nur zu einer flüchtigen Berührung, denn ich hab' mich weggedreht und bin rausgerannt", erklärt die Angeklagte. Draußen habe sie sich mit einem Taschentuch die Tränen abgewischt - und seine DNA, die den mutmaßlichen Täter später überführen sollte. Denn das Taschentuch landete als Beweisstück bei der Polizei - gemeinsam mit der gleichzeitig versendeten Handynachricht an ihre Mitbewohnerin, in der eine ganz andere Geschichte stand: "Mir ist gerade ein Typ hinterher gelaufen, hat mich an eine Fassade gedrückt und wollte mich küssen. Brauche dringend wieder Pfefferspray!" Die Freundin verständigte die Polizei.

Ein bisschen anders als die Geständige schildert der Nebenkläger die Geschehnisse. "Sie hat mich an der Haltestelle gefragt, ob sie mitkommen könnte, da hab' ich zugestimmt. Lediglich beim Abschied auf der Straße gab es ein Küsschen rechts und links auf die Wange, daher wahrscheinlich die DNA", erklärt er.

Die reuige Angeklagte: "Ich wollte mich mit der Falschaussage wohl vor mir selbst rechtfertigen, weil ich mit einem fremden Mann mitgegangen bin. Das Ganze tut mir sehr leid."

Neben dem leeren Bundeszentralregister wertete Amtsrichterin Annette Beese die Zustimmung der Hotelfachfrau zu den zivilrechtlichen Forderungen des Nebenklägers als strafmildernd. Damit muss die jetzt schon Verschuldete mindestens 6808 Euro Schmerzensgeld und Schadensersatz für Anwaltskosten, zu wiederholende Semester und eine nicht angetretene Reise an den Studenten zahlen. Außerdem trägt sie die Kosten des Verfahrens und der Nebenklage.

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