Sicherheitsdienst in der Notaufnahme

In den Notaufnahmen liegen die Nerven blank: Das Personal leidet unter verbalen und tätlichen Angriffen. Foto: dpa

Stuttgart/Rastatt (lsw/vn) - Aggressive Patienten machen nach Angaben der Baden-Württembergischen Krankenhausgesellschaft (BWKG) den Kliniken im Südwesten verstärkt zu schaffen. Die Gewalt gegen Mitarbeiter habe nach Berichten der Mitgliedskrankenhäuser in den vergangenen Jahren zugenommen, sagte eine BWKG-Sprecherin gestern. Vor allem bei Patienten unter Alkohol- oder Drogeneinfluss sei die Gewaltbereitschaft erhöht, ebenso wie bei psychisch kranken und dementen Personen.

Viele Kliniken im Land setzten inzwischen auf Sicherheitsdienste - auch wenn die Kosten nicht refinanziert würden. Der Einsatz betreffe in erster Linie Krankenhäuser in den Ballungsräumen, Unikliniken, große Kliniken im ländlichen Raum und psychiatrische Kliniken. "Aber auch einige kleinere Krankenhäuser im ländlichen Raum beschäftigen einen Sicherheitsdienst", sagte die Sprecherin. Genaue Zahlen lägen aber nicht vor.

Die Zunahme der Gewaltbereitschaft lasse sich in den Notaufnahmen beobachten. Häufig werde sie durch lange Wartezeiten und krankheitsbedingte Stresssituationen ausgelöst. Denn die Kliniken im Land kämpfen mit einem weiteren Problem: In die Notfallambulanz der Krankenhäuser sind seit 2010 jedes Jahr rund 50000 Menschen zusätzlich gekommen. "Inzwischen werden mehr als die Hälfte der ambulanten Notfälle von den Krankenhäusern behandelt", so die Krankenhausgesellschaft. 2015 waren es 1,23 Millionen Menschen.

Das Klinikum Mittelbaden berichtet von einer Zunahme verbaler Eskalation und einer immer geringer werdenden Toleranz gegenüber Wartezeiten. "Die Hemmschwelle sinkt", konstatiert der Direktor des Rastatter Krankenhauses, Dr. Andreas Eichenauer. Besonders betroffen: die Notaufnahme. "Wenn Patienten länger warten müssen und ungeduldig werden, kann es bei einem Hinweis auf die Hausregeln zur Eskalation kommen." Zehn bis zwölf Mal im Jahr muss auch die Polizei eingreifen - "das Revier ist zum Glück nur wenige Hundert Meter entfernt". Im vergangenen Jahr sei eine Ärztin gegen ihren Willen fotografiert und öffentlich an den Pranger gestellt worden, weil man mit der Behandlung nicht einverstanden gewesen sei.

Bereits seit 2014 bildet das Klinikum Mitarbeiter zu Deeskalationstrainern weiter. Zwölf sind es nach Angaben Eichenauers aktuell, in diesem Jahr sollen zwei weitere hinzukommen.

Die Kassenärztliche Vereinigung sieht unter anderem die Struktur außerhalb der Arzt-Sprechstundenzeiten als Grund für die wachsende Inanspruchnahme der Notaufnahmen. Diese Struktur sei für Patienten oft nicht zu durchschauen, sagte ein Sprecher. "Wann ist der Rettungsdienst zuständig und wann der ärztliche Bereitschaftsdienst? Wann muss der Notarzt kommen, wann muss ich in die Notaufnahme?" Als Lösungsansatz hatte sich die Vereinigung im vergangenen Jahr für eine Kostenbeteiligung der Patienten im Notfalldienst ausgesprochen. "Der Vorstand würde das nach wie vor begrüßen", sagte der Sprecher. "Es gibt aber keine Anzeichen dafür, dass so etwas kommt."

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