"Beruf muss aufgewertet werden"

'Beruf muss aufgewertet werden'

Von Armin Broß

Baden-Baden - Der demographische Wandel hat enorme Auswirkungen - auch auf den medizinischen Sektor. Nicht nur die Versorgung mit Ärzten und Pflegekräften, auch die Leistungen von Gesundheitsfachberufen wie Physiotherapeuten gewinnen angesichts einer älter werdenden Gesellschaft immer mehr an Bedeutung. Schon seit Jahren wird in diesem Bereich vor einem Fachkräftemangel gewarnt - die Politik hat mit ersten Schritten darauf reagiert.

Wie groß ist der Fachkräftemangel bei Physiotherapeuten bundesweit?

Die Bundesagentur für Arbeit sieht einen entsprechenden Fachkräftemangel in fast allen Bundesländern (Stand Dezember 2017). Nur in Sachsen, Hessen und Niedersachsen spricht die Behörde lediglich von "Anzeichen für Fachkräfteengpässe". Erkennbar wird der Bedarf an Physiotherapeuten daran, dass es im Durchschnitt 151 Tage dauert, eine offene Stelle zu besetzen - das liege 48 Prozent über dem allgemeinen Durchschnitt, führt die Agentur aus. Weiteres Indiz: Die berufsspezifische Arbeitslosenquote liegt bei gerade einmal 0,9 Prozent.

Was sind die Ursachen?

Als zentrale Ursachen gelten die geringen Verdienstmöglichkeiten und Aufstiegschancen in diesem Beruf. Der Deutsche Verband für Physiotherapie (ZVK), der nach eigenen Angaben bundesweit rund 28000 Mitglieder zählt, nennt für einen Berufsanfänger ein ungefähres Monatseinkommen von 1800 Euro brutto. Durchschnittlich verdiene ein Physiotherapeut 2200 Euro im Monat, je nach Fortbildung. Allerdings gebe es regionale Unterschiede.

Marion Westermann, Schulleiterin Physiotherapie an der Bernd-Blindow-Schule in Baden-Baden, führt im BT-Gespräch weitere Probleme an: Lange Arbeitszeiten, lebenslange Fortbildungspflicht, zu geringe soziale Anerkennung des Berufs und die uneinheitliche Ausbildungssituation. "Der Beruf muss aufgewertet werden", fordert Westermann - nicht zuletzt mit Blick auf Länder wie Frankreich, die Schweiz oder Skandinavien, wo Physiotherapeuten ein höheres Prestige genössen.

Was hat es mit der Ausbildung auf sich?

Es gibt unterschiedliche Ausbildungsmöglichkeiten, wie Westermann erläutert: Eine dreijährige Ausbildung an einer berufsbildenden Schule, ferner eine dreijährige Ausbildung an einer berufsbildenden Schule plus begleitendes Studium und schließlich noch ein grundständiges Studium. Westermann plädiert für eine Vereinheitlichung, weil völlig unklar sei, welche Vor- und Nachteile die unterschiedlichen Ausbildungen brächten.

Ausbildung ist bisher in der Regel teuer

Kostet die Ausbildung Geld?

In der Regel ja. Beispiel Baden-Württemberg: 36 staatlich anerkannte Schulen für Physiotherapie werden auf der Homepage der Regierungspräsidien aufgelistet. Einige wenige Ausbildungsstätten seien an Kliniken angegliedert und somit schulgeldfrei, wie die Sprecherin des ZVK-Landesverbands Baden-Württemberg, Jenny Dusche, erläutert. Alle anderen seien private Berufsschulen und verlangten Schulgeld. Rund 15000 Euro fallen Dusche zufolge bisher für eine dreijährige Ausbildung an.

Allerdings sind die Dinge derzeit im Fluss, weil die Bundesregierung beschlossen hat, dass Ausbildungen in Gesundheitsberufen schulgeldfrei werden sollen. Auch dürften Auszubildende in Baden-Württemberg künftig von Änderungen des Privatschulgesetzes des Landes profitieren, durch die Schulgeld quasi gedeckelt wird.

Welche Folgen ergeben sich aus den schwierigen Berufsbedingungen?

Das Interesse bei potenziellen deutschen Berufsanwärtern sei "deutlich zurückgegangen", sagt Schulleiterin Westermann. Von den aktuell rund 150 Auszubildenden an ihrer Schule in Baden-Baden sei etwa die Hälfte aus dem Ausland, insbesondere aus Frankreich. Viele davon gingen später auch wieder zurück nach Frankreich, um den gelernten Beruf dort auszuüben. Westermann weiß ferner zu berichten, dass viele Absolventen aus finanziellen Gründen noch eine zweite Ausbildung machten - und geschätzte fünf bis zehn Prozent ihrer Schulabgänger würden dem Beruf sogar vollständig den Rücken kehren. Ergebnis: "Die Praxen haben Schwierigkeiten, Angestellte zu finden." Es werde Personal gesucht "ohne Ende".

Wie viele Physiotherapeuten gibt es überhaupt in Deutschland?

Der Deutsche Verband für Physiotherapie ZVK nennt auf seiner Homepage 192000 Physiotherapeuten (aktuellste Zahl von 2016) - darunter sowohl Angestellte als auch Selbstständige und sowohl in Vollzeit, Teilzeit oder geringfügig Beschäftigte. Umgerechnet auf Vollzeitstellen wären dies 136000. Die Zahlen sind in den Jahren zuvor stetig gewachsen von umgerechnet 124000 Vollzeitstellen 2012.

Sieht die Politik Handlungsbedarf?

Ja. "Angesichts unserer älter werdenden Gesellschaft wird die Versorgung mit Heilmitteln immer wichtiger", erklärt ein Sprecher des Bundesgesundheitsministeriums auf Anfrage. Politisch wurde bereits einiges getan. Zum einen sieht der Koalitionsvertrag der Bundesregierung "eine Abschaffung des Schulgeldes in allen Gesundheitsfachberufen" vor. Zudem werde auf ein "Gesamtkonzept zur Neuordnung und Stärkung der Gesundheitsfachberufe" abgezielt, teilt das Ministerium weiter mit. In der vergangenen Legislaturperiode wurde bereits mit dem Gesetz zur Stärkung der Heil- und Hilfsmittelversorgung (HHVG) beschlossen, eine spezielle Begrenzung beim Anstieg der Heilmittelpreise aufzuheben. "Krankenkassen und Verbände haben damit einen größeren Spielraum, um die Vergütung der Physiotherapeuten zu erhöhen", erläutert der Sprecher. Diese Regelung ist zunächst bis 2019 befristet.

Ferner wurden Modellvorhaben für sogenannte Blanko-Verordnungen eingeführt, die die Krankenkassen und Verbände in jedem Bundesland abschließen müssen. Die Physiotherapie wird dabei weiterhin von Ärzten verordnet, aber die Therapeuten bestimmen Auswahl und Dauer der Therapie sowie die Anzahl der Sitzungen. "Damit erhalten sie mehr Verantwortung und werden stärker in die Versorgung eingebunden", erklärt der Ministeriumssprecher.

Gibt es bereits positive Effekte?

Mit Blick auf die jüngsten gesetzlichen Änderungen, unter anderem durch das HHVG, sind laut ZVK-Landesverbandssprecherin Dusche "Gebührenerhöhungen ermöglicht worden, die im Durchschnitt um die 30 Prozent für die kommenden drei Jahre betragen." Und weiter: "Von dieser Erhöhung sollen vor allem auch die Angestellten in den Praxen profitieren, das heißt, ein Teil der Vergütungserhöhung sollte an diese Berufsgruppe weitergegeben werden, um sie im Beruf zu halten." Denn gerade die Abwanderung in andere Berufe stelle eines der größten Probleme dar.

Der Verband ZVK begrüßt auch, dass in Baden-Württemberg eine Übergangsregelung für Physiotherapie- und Logopädieschulen gefunden wurde. Hintergrund ist hier, dass die Landesregierung 2017 das Privatschulgesetz geändert hatte, wodurch das Schulgeld für sämtliche Privatschulen in Zukunft quasi gedeckelt wird, damit sozial Schwache nicht benachteiligt werden. Für viele Physiotherapie-Schulen hätte das existenzbedrohend sein können. Nun werden übergangsweise die Landeszuschüsse für diese Schulen erhöht, und es wird eine Neuregelung ab dem Jahr 2019 anvisiert.

"Weniger Restriktionen" gewünscht

Was bleibt an Forderungen aus den Reihen der Physiotherapeuten?

Die Themen Lohnerhöhungen und Schulgeldfreiheit stehen weiter auf der Agenda des Verbands ZVK, aber auch weniger Bürokratie und eine Reform der Ausbildungsinhalte. Schulleiterin Westermann würde sich generell "weniger Restriktionen durch die Krankenkassen" wünschen. Und sie verweist auf ein Beispiel aus dem europäischen Ausland: In den Niederlanden, so Westermann, könnten Physiotherapeuten selbst - ohne Umweg über einen Arzt - Behandlungen verordnen.

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