"Wir sind aufs Funktionieren angewiesen"

'Wir sind aufs Funktionieren angewiesen'

Von Thomas Trittmann (Text)

und Bernhard Margull (Fotos)

Ein Gast, der sich schon vor Jahren mit den Themen befasst hat, die vielen Menschen heute auf den Nägeln brennen: So stellte Christine Paeffgen (SWR) am Dienstagabend in der Rastatter Reithalle den Gast der Veranstaltungsreihe "Baden im Gespräch" vor: Professor Dr. Armin Grunwald vom Karlsruher Institut für Technologie (KIT), seines Zeichens Zukunftsforscher. "Baden im Gespräch" ist eine Gemeinschaftsveranstaltung der Partner Badisches Tagblatt, SWR Aktuell Karlsruhe und Volksbank Baden-Baden/Rastatt; moderiert wird sie von Paeffgen und BT-Chefredakteur Markus Langer.

Zukunftsforscher, die Bezeichnung hört Grunwald eigentlich nicht so gerne. Denn, so findet er, sie ist ein Widerspruch in sich. Schließlich, gibt er zu bedenken, könne man nur das erforschen, was da sei. Auf die Zukunft trifft das erkennbar nicht zu. Grunwald würde sich daher wohl eher als Technikfolgenabschätzer bezeichnen. Denn im Kern geht es nicht um den Blick in die Kristallkugel. Sondern um das - wissenschaftlich fundierte - Aufzeigen möglicher Zukunftsszenarien. Warum das nötig ist, beantwortet Grunwald so: "Wir können nicht, wie früher, Technik in die Welt setzen und schauen, wie es funktioniert. Dafür ist der Einsatz heute zu hoch. Deshalb machen wir Technikfolgenabschätzung."

Der 57-Jährige ist für diesen Job geradezu prädestiniert: Er ist Natur- und Geisteswissenschaftler in einer Person, nämlich Physiker und Philosoph. Grunwald, der nach eigenem Bekunden ein Faible für Theodor W. Adorno hat, forscht mit einem etwa 110-köpfigen Team in Karlsruhe, und er berät mit einem 14-köpfigen Team in Berlin. Er sagt es so: "Am KIT forschen wir, tauschen uns aus, publizieren. In Berlin machen wir wissenschaftsgestützte Beratung. Der Bundestag braucht Rat, und den stellen wir aus wissenschaftlicher Erkenntnis her." Dieses Mandat hat das Parlament gerade um fünf Jahre verlängert. Weitere Auftraggeber sind im Wesentlichen Bundes- und Landesministerien sowie EU-Institutionen.

Ein aktuelles Beispiel: Ein Stromausfall legt den Hamburger Flughafen lahm, so geschehen am 3. Juni. War mit so etwas zu rechnen, fragt Markus Langer. Grunwald antwortet mit Radio Eriwan: "Im Prinzip ja." Es sei im Gegenteil ganz erstaunlich, wie selten es in Deutschland zu solchen Ereignissen komme, wie stabil also die Stromversorgung sei. Wenn es tatsächlich einmal zu einem großflächigeren, längeren Ausfall komme, dann jedoch sei mit "üblen Folgen", mit "Todesfällen schon nach wenigen Tagen" zu rechnen. Ohne Strom kein Wasser, keine funktionierenden Krankenhäuser und vieles mehr.

Im Jahr 2011 haben die Wissenschaftler solche Szenarien durchgespielt und damit für großes Aufsehen gesorgt. Sogar zum Roman- und Filmstoff wurde das Ganze.

"Bricht das Internet zusammen, bricht die Wirtschaft zusammen", sagt Grunwald. "Wir sind aufs Funktionieren angewiesen", fügt er an, und sich das manchmal vor Augen zu führen, könne nicht schaden. "Wir leben von der Hand in den Mund. Es ist ja immer alles da." Vorratshaltung, das sei was für Oma und Opa gewesen. Doch wenn mal nicht alles da sei, dann gebe es schnell Probleme. "Das müssen wir uns bewusstmachen."

Reagiert die Politik auf solche Warnungen, wollen die Moderatoren wissen. Grunwald atmet tief durch. Manchmal sei es mühsam, manchmal dringe man auch gar nicht durch, vor allem in Wahlkampfzeiten. Aber es habe sich schon viel geändert im Bundestag. Noch 2002 habe man es zumeist mit älteren Herren zu tun gehabt, die bei vielen Themen einfach abgeschaltet hätten. "Inzwischen ist der Bundestag jünger und weiblicher, wissenschafts- und technikaufgeschlossener geworden. Da hat sich viel verändert. Trotzdem dauern manche Dinge lange, und manchmal passiert auch gar nichts."

Falsch findet der Wissenschaftler im Übrigen eine Frage, die Politiker manchmal stellen und die auf den ersten Blick auch naheliegend erscheint. Nämlich die: Treffen Ihre Prognosen denn auch zu? Denn eigentlich ist sein Ziel, dass sie nicht zutreffen. Beispiel gefällig? "2022 werden die letzten deutschen Atomkraftwerke abgeschaltet." Wenn man nun ein Szenario erstelle, in dem das deutsche Stromnetz kollabiere - dann sei das Ziel nicht, Recht zu behalten. Sondern das Ziel sei, politisches Handeln auszulösen, das den Kollaps verhindert. "Wenn dann gehandelt wird, und alles geht gut, kann man uns doch nicht eine falsche Prognose vorwerfen."

Trotzdem, sagt Grunwald auf Nachhaken von Paeffgen und Langer, komme es natürlich auch mal vor, dass man danebenliege. Zum Beispiel, erinnert er sich, habe man Ende der 90er, Anfang der 2000er Szenarien zur Energiewende entworfen, die das Potenzial der Erneuerbaren deutlich unterschätzt hätten.

Und auch privat hat sich Grunwald einmal komplett verschätzt, nämlich, als er die Zukunft seiner eigenen Profession höchst düster einschätzte. Um das zu erklären, holt er ein bisschen weiter aus. Die Technikfolgenabschätzung, sagt er, sei letztlich ein Kind des Kalten Krieges. Beide Großmächte hätten in den 50er, 60er Jahren Think Tanks gebildet, die sich mit Fragen des Lebens nach einem Atomkrieg befasst hätten. Der zweite Faktor seien wachsende Umweltprobleme gewesen, die spätestens 1962 durch Rachel Carsons Buch "The Silent Spring" (Der stumme Frühling) ins breite Bewusstsein der US-Öffentlichkeit gedrungen seien. Schließlich habe der US-Senat, maßgeblich angetrieben durch Ted Kennedy, ein Büro für Technikfolgenabschätzung gegründet. Es zählte 300 Köpfe - Grunwald: "Wir haben 14 in Berlin, man sieht den Unterschied in der Wertigkeit" -, bis die republikanischen Neocons unter Führung von Newt Gingrich 1995 den Laden dichtmachten. Das Büro wurde "gekillt", sagt Grunwald. "Ich dachte, das ist das Aus für die Technikfolgenabschätzung und bin ausgestiegen." Nur vorübergehend, wie man weiß. Er kam vor 19 Jahren nach Karlsruhe.

Doch wie ist heute sein Blick auf die Zukunft? "Ich habe eine gewisse Grundgelassenheit", sagt Grunwald, der allerdings nicht verhehlen will, dass ihm manche Entwicklung Sorgen macht. "Ich bin Jahrgang 1960. Meine Eltern kannten noch Not, doch wir haben die Erfahrung gemacht, dass alles immer besser wird." Wachsender Wohlstand, große sozialpolitische Fortschritte, Willy Brandt wollte mehr Demokratie wagen, zählt er auf. Dazu positive Entwicklungen auch im Ausland: Die Demokratie setzte sich durch, in Spanien, in Portugal, Griechenland, 1989 dann in Osteuropa. "Für mich war 1992 die Zäsur, die Jugoslawienkriege." Flüchtlingselend, 200000 Tote, und das alles "kurz hinter Wien": Das hätte er zuvor nicht für möglich gehalten. Und heute? "Ich mache mir Sorgen um die Demokratie, die eine ganz große Errungenschaft ist. Wir leben in Frieden und Freiheit zusammen, so unterschiedlich wir sind. Da ist doch großartig."

Sorgen sind wichtig, Angst ist destruktiv

Gleichwohl kann Grunwald nachvollziehen, dass sich mancher Zeitgenosse enttäuscht von der liberalen Demokratie ab- und Rechtspopulisten zuwendet. "Es wurde wohl zu wenig auf die Sorgen mancher Menschen gehört", glaubt er. Womit sich der Kreis zu seinem Fachgebiet schließt. Denn die Sorgen der Menschen aufzunehmen, sei das Ziel, hatte Grunwald gleich zum Auftakt der Talkrunde gesagt. Um zu verhindern, dass aus Sorge Angst wird. "Sorgen sind eine Ressource, sind etwas Gutes. Sie zeigen, dass Menschen sich Gedanken ums Gemeinwohl machen. Angst hingegen ist destruktiv. Angst lähmt."

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