Raupe Nimmersatt sucht Bücherwurm

Raupe Nimmersatt sucht Bücherwurm

Von Sabine Rahner

Vorlesen ist nicht mehr selbstverständlich. Heute werden sogar die Kinderarztpraxen eingespannt, damit den Kleinsten eine "Leseimpfung" verpasst wird: Das ist ein Buchgeschenk zum ersten Geburtstag. Diese und ähnliche Aktionen stellte gestern Jörg F. Maas, der Geschäftsführer der Stiftung Lesen, in Baden-Baden vor. Anlass dafür war die Jahrestagung des Bundesverbands der Presse-Großhändler in Deutschland, einem Partner der Stiftung Lesen.

Lesegutscheine für Zehnjährige

Man konnte aus allen Reden und Grußworten im Kongresshaus heraushören, dass der digitale Wandel mit ungeheurer Geschwindigkeit und Wucht die ganze Branche durcheinanderwirbelt. Und auch die Lesegewohnheiten sind anders geworden - heute kommt es oft n darauf an, aus kunstlos zusammengestellten Kurznachrichten die wichtigsten Fakten herauszufiltern. Freude an der treffenden Formulierung, am ausgefeilten Stil, am konzentrierten Durchdringen eines längeren Textes steht nicht im Vordergrund. Die Lesekompetenz wird auch nicht mehr grundsätzlich im Elternhaus angelegt, sondern muss in vielen Fällen von Institutionen aktiviert und dauerhaft von außen trainiert werden.

Hier zeigte Jörg F. Maas vielfältige Beispiele der Stiftung Lesen, die sich vor allem an Adressaten wendet, denen der Gang in eine Bibliothek oder Buchhandlung eher nicht geläufig ist. Die Stiftung vergibt zum Beispiel Lesegutscheine an Zehnjährige, die damit selbstständig eine Buchhandlung aufsuchen können. Oder sie hat - nach einigem Zögern, wie Maas voranschickte - einer Co-Operation mit McDonalds zugestimmt, wo es dann zum "Happy Meal" nicht nur Plastikspielzeug gibt, sondern wahlweise eben ein Buch. Die Stiftung schickt prominente Vorleser in die Schulen, die vorzugsweise nicht aus dem Literaturmilieu kommen, sondern aus populären Bereichen, die weiteren Bevölkerungsteilen bekannt sind.

Fehlendes Vorlesen im Kleinkinderalter beeinträchtige die individuelle Entwicklung und setze die Chancen von Kindern deutlich herab, so Maas, der allerdings nicht nur vom "Bildungsnotstand" sprechen wollte, sondern auch den daraus erwachsenden volkswirtschaftlichen Schaden zu bedenken gab. Denn wer schon als Kind nur notdürftig mit Schriftlichem umgehen kann, wird es als Auszubildender auch schwer haben.

Entsprechend wirbt die Stiftung Lesung recht poppig für einzelne Bücher: "Cinderella" wird in einer Anzeigenreihe als Klatschbericht aus royalen Häusern angekündigt, und die Raupe Nimmersatt hat hier die ideale "Friss-mehr"-Diät entdeckt... In großem Stil verteilt die Stiftung auch altersgerechte Zeitschriften an Schulen, um weitere Leseanreize zu setzen.

Von der frühen Lesekompetenz führt bei diesem Branchentreffen ein direkter Weg zu Pressevielfalt und Pressefreiheit, auch diese sehen die Insider in Bedrängnis. Die breite Vielfalt von Zeitungen und Zeitschriften sei aber für eine Demokratie ein unverzichtbares kulturelles Gut, betonten alle Redner. Die Branche müsse sich nicht nur dem demografischen und digitalen Wandel stellen, sondern auch auf veränderte soziale Gewohnheiten reagieren. So gebe es immer weniger Möglichkeiten für potenzielle Kunden, an einem gut bestückten Zeitungs- und Zeitschriftenregal überhaupt vorbeizukommen - auch das eine Folge der neuen Einkaufsgewohnheiten.

Im Fluss scheint auch der Bundesverband Presse-Grosso selbst zu sein, der seinen jährlichen Branchentreff spätestens 2020 nicht mehr im Kongresshaus "an der schönen Oos", sondern in einem anderen Umfeld ausrichten will, wie der Vorsitzende Frank Nolte gestern sagte.

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