Frauen stehen sich oft selbst im Weg

Sich nicht als Mann verkleiden: Coach Gabriele Fritsch rät ihren Kundinnen, auch in puncto Kleidung authentisch zu sein. Foto: Groß

Von Anja Groß

Oberkirch - "Wo willst Du hin?" - wenn Gabriele Fritsch Kundinnen coacht, ist dies ihre zentrale Frage. Und oft erlebt sie, dass Frauen diese im Gegensatz zu Männern gar nicht so leicht beantworten können. "Frauen denken oft, sie sind nicht gut genug ausgebildet", weiß die seit 20 Jahren selbstständige Beraterin, die spezielle Trainings für Frauen anbietet: Sie müssen sich schon 150-prozentig geeignet fühlen für einen beruflichen Aufstieg, sonst besuchen sie lieber noch ein Seminar, anstatt sich zu bewerben. "Männern reichen in der Regel 80 Prozent", berichtet sie, was auch Studien immer wieder belegen: Viele Frauen stehen sich in puncto Karriere selber im Weg.

Da müssten sich Frauen ein Stück weit verändern, fordert sie von ihren Geschlechtsgenossinnen. Denn dass es in Führungsetagen immer noch verhältnismäßig wenige von ihnen gibt, sei teilweise auch ein "typisch weibliches" Problem. "Frauen trauen sich oft zu wenig zu", das erfährt sie in Coachings und Seminaren immer wieder. Wobei sie einräumt, dass viele Mechanismen unbewusst ablaufen: "In gemischten Seminaren beobachte ich oft, dass den Frauen sofort die Protokollführung angetragen wird, weil sie ja die schönere Schrift haben, und viele fügen sich, obwohl sie beruflich auf derselben Ebene sind wie ihre männlichen Kollegen", nennt sie ein Beispiel. Zudem würden sich Frauen in Anwesenheit von männlichen Kollegen oft zurücknehmen, "viele lassen sich die Butter vom Brot nehmen und ihre Ideen klauen, ohne sich zu wehren, obwohl sie dieselbe Kompetenz haben", beobachtet sie häufig den Rückfall in die klassische Rollenverteilung. "Vielen ist das gar nicht bewusst - Männern wie Frauen", erntet sie oft großes Erstaunen, wenn sie diese Mechanismen anspricht.

Dabei wandelten gerade Frauen oft auf einem schmalen Grat, weiß Fritsch: "Wenn eine durchsetzungsstark ist, wird das oft als zickig wahrgenommen, bei einem Mann sagt man dann eher, der weiß eben, was er will." Und selbst für die, die das alles hinbekommen, gibt es dann im letzten Drittel auf dem Weg nach oben, wie Fritsch es nennt, noch ein Thema, an dem Frauen oft scheitern würden: "Da geht es nur noch um Kontakte und Netzwerke, nicht mehr um Qualifikation." Während viele Frauen sich darin verausgaben, noch eine Zusatzqualifikation zu erwerben, seien Männer da viel selbstbewusster und wüssten ihre Netzwerke zu nutzen. Zudem spiele natürlich bei Frauen mit Familie immer auch der Gedanke eine Rolle, wie die Kinder versorgt sind und wie sie Beruf und Familie unter einen Hut bringen können. "Dieses Thema höre ich bei Männern selten", stellt die 54-Jährige fest.

Keineswegs will sie aber besserwisserisch den Zeigefinger erheben. "Auch ich habe viele Fehler gemacht und daraus manchmal auch bittere Lehren ziehen müssen", sagt sie rückblickend. "Zu klein gedacht und agiert", nennt sie einen Fehler. Aus dem frauentypischen Sicherheitsdenken heraus habe sie zunächst versucht, aus Eigenkapital ihr Unternehmen Zeitfrei Communication aufzubauen. "Mein erster Kunde hat immer zu mir gesagt, Sie können doch hier nicht im Fiat Panda vorfahren, kaufen Sie sich mal ein ordentliches Auto", erinnert sie sich und lacht. Womit sie wieder bei ihrer zentralen Aufgabenstellung ankommt: Zunächst das Ziel definieren.

Daher rät sie allen Frauen, die sich selbstständig machen wollen, zunächst den Fokus auf die eigenen Stärken zu richten, und sich vor allem nicht unter Wert zu verkaufen. Sich Beratung zukaufen, wo es nötig ist, beispielsweise von einem Steuerberater, sieht sie als weiteren Punkt. Und, ganz wichtig: Sich rechtzeitig zu spezialisieren und das Angebot nicht zu breit zu fächern, nur dann werde man auch als Experte beziehungsweise Expertin wahrgenommen.

So hat die studierte Betriebswirtin mit den Schwerpunkten Personalwirtschaft und Psychologie sich nach dem Schritt in die Selbstständigkeit 1998 - zunächst mit Büro in Haueneberstein, dann am Baden-Airpark, mittlerweile in Oberkirch - sich heute auf Führungskräfte spezialisiert. "Ich habe gemerkt, dass ich viel mehr erreichen kann, wenn ich bei den Chefs ansetze", sagt sie.

Ein großes Anliegen ist ihr zudem die Plattform "Woman Business Akademie", die sie 2003 gegründet hat. Ein spezielles Angebot für Unternehmerinnen, Angestellte, Wiedereinsteigerinnen, Existenzgründerinnen und alle Frauen, die sich Anregung und Unterstützung holen wollen oder einfach den Austausch suchen.

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