Wähler wollen offenbar mehr Kretschmann

Wähler wollen offenbar mehr Kretschmann

Von Brigitte J. Henkel-Waidhofer

Stuttgart - Da reibt sich mancher Demoskop die Augen. Dass Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) hohe Zustimmungswerte über Parteigrenzen hinweg hat, ist bekannt. Jetzt aber wurde die Frage nach einer dritten Amtszeit des inzwischen 70-Jährigen gestellt - und heraus kam eine nie dagewesene Zufriedenheit.

Sogar 60 Prozent der Linken-Anhänger im Land sind dafür, dass Kretschmann weitermacht. Dabei sieht sich der immer mehr als Erklärer einer "neuen Idee des Konservativen" und dessen, "worauf wir uns verlassen wollen".

FDP-Fraktionschef Hans-Ulrich Rülke nannte die Veranstaltung "eine unglaublich dreiste parteipolitische Instrumentalisierung der Berliner Landesvertretung". Dem großen Interesse tat das keinen Abbruch. Das Streitgespräch, zu dem der Ministerpräsident Grünen-Chef Robert Habeck eingeladen hatte, war überbucht. Habeck plädierte für mehr "Mut zu radikalen Antworten". Bei seinem Gegenüber wird er damit in diesem Leben nicht mehr landen. Dem ist der präsidiale Regierungsstil längst zur zweiten Natur geworden, ebenso wie die Gewohnheit, Baden-Württemberg kurzerhand als "mein Land" zu titulieren. Der Ex-Studienrat kann sich sogar leisten, was bei vielen anderen als Überheblichkeit ankäme.

Ziemlich verdattert jedenfalls reagierten CDU-Landtagsabgeordnete, als auf ihrer Berliner Fraktionsklausur Einzelheiten des neuesten Infratest-dimap-Trends bekanntwurden. Bei einer Direktwahl des Ministerpräsidenten würden 29 Prozent der Unions-Anhängerschaft den CDU-Landesvorsitzenden Thomas Strobl wählen, aber 58 Prozent Kretschmann.

Angesichts solcher Zahlen können alle Appelle des Hoffnungsträgers Habeck, die Partei müsse "radikaler" werden etwa bei so grundlegenden Themen wie Klimaschutz oder Demokratie, nur abprallen. Kretschmann hat sich eingegraben in die Überzeugung, mit einer "Politik des Und" viel weiterzukommen als mit einer "Politik des Oder". Also lautet die Devise "Bewahren und Erneuern".

Damit tritt er gerade in Baden-Württemberg in die Fußstapfen von einem, dem ähnliche Wahlerfolge nie vergönnt waren: Erhard Eppler, SPD-Vordenker und Landtagsfraktionschef von 1976 bis 1980, hatte die Vokabel "wertkonservativ" in die Debatte eingeführt und abgegrenzt von "strukturkonservativ". Kretschmann versucht nun, den "wertgebundenen Konservatismus" wiederzuentdecken, will "zwischen technologischem Fortschritt und humaner Tradition, zwischen Freiheit und Sicherheit, zwischen Solidarität und Selbstbestimmung" vermitteln. Dies und anderes verfängt sogar und gerade bei der SPD-Klientel: 70 Prozent befürworten eine dritte Amtszeit. In der Union wiederum wird bei allen gegenseitigen Solidaritätsbekundungen hin und her überlegt, wie Kretschmann beizukommen ist. Der wäre fast 73 im nächsten Landtagswahlkampf. Aber, wie ein Christdemokrat beim Fraktionsabend in der Berliner Landesvertretung berichtet, "wir wissen, dass Hinweise auf sein Alter gar nichts bringen". Zumal das sein Image des vertrauenswürdigen, leicht gebeugten Welterklärers sogar noch unterstreicht. Und an dem basteln die Strategen im Staatsministerium fleißig weiter. Zum Beispiel in Form eines Kretschmann-Buchs, das wenige Tage vor der Frankfurter Buchmesse erschien. Titel: "Worauf wir uns verlassen wollen".

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