"Weglaufen? Geht nicht!"

Lebensmut nicht verloren: Stefanie Ritzmann hat ihre Lebensgeschichte als Contergan-Geschädigte veröffentlicht. Foto: Jehle

Karlsruhe (sj) - Stefanie Ritzmann ist ein Opfer des Contergan-Skandals. Ihre Kindheit und Jugend verbrachte die Karlsruherin in Heimen. Die bei der Geburt noch jungen Eltern hatten sie einst weggegeben. Ritzmann war verheiratet, wünschte sich selbst Kinder, wäre am liebsten Opernsängerin geworden. Die langjährige Vorsitzende des Behindertenbeirats der Fächerstadt hat sich durchgekämpft zu einem selbstbestimmten Leben. Mit ihrer jetzt niedergeschriebenen Lebensgeschichte "Weglaufen? Geht nicht!" will sie Mut machen.

Für ein Kind wie sie war kein Platz in der Welt der Eltern. Die damals 21-jährige Mutter und der 24-jährige Vater - ein Unternehmersohn - hatten ihr erstes Kind rund zwei Wochen nach der Geburt in ein Säuglingsheim "abgeschoben". Stefanie war in Osnabrück zur Welt gekommen, mit viel zu kurzen Armen, hatte weder Ellenbogen noch Daumen. Beide Beine waren verkürzt, das rechte zudem länger als das linke - die Füße nach innen gedreht. Sie war ein Opfer des Contergan-Skandals. Das kurz zuvor auf den Markt gekommene Schlaf- und Beruhigungsmittel hatte zwischen 1958 und 1961 tausende verstümmelt geborene Kinder zur Folge. "Nach Hause kam ich zeit meines Lebens nur zu Besuch", sagt sie. Sie war doppelt "Opfer" - blieb es aber nicht.

"Die Zeit in den Heimen prägte mich und lehrte mich, zu kämpfen und selbstständig zu werden. Wäre ich zu Hause groß geworden, hätte es viele Begegnungen mit tollen Menschen und viele Erfahrungen nicht gegeben", resümiert sie heute. Der Weg für sie begann in einem privaten Säuglingsheim bei Münster; später, mit zwölf Jahren kam sie in die Stiftung "Friedehorst" in Bremen, machte dort den Hauptschulabschluss. Gegen den Willen des Vaters, aber mit Unterstützung ihrer Lehrer und des Pflegepersonals folgte die Ausbildung zur Bürokauffrau in Hannover. Dort lernte sie auch ihren Mann, einen Schreiner, kennen, und zog 1985 nach Karlsruhe.

In ihrer jetzt erschienenen Lebensgeschichte schildert Ritzmann berührend und mit vielen Details die Jahre der Kindheit, des Erwachsenwerdens, erzählt von Freundschaften mit Lehrern und Pflegepersonal - und der trotz familiärer Widrigkeiten bis zu deren Tod 2001 aufrecht erhaltenen ganz besonderen Beziehung zur eigenen "Omi". Da kommt auch zur Sprache, wie wenig die eigenen Eltern "der Problem-Tochter" Zärtlichkeit schenken konnten. Das Buch "Weglaufen? Geht nicht!" hat Ritzmann zusammen mit der Autorin und Filmemacherin Beate Rygiert verfasst.

Ihren Lebensunterhalt verdiente die zeitlebens auf einen Rollstuhl angewiesene heute 58-Jährige als Angestellte bei der Stadt Karlsruhe, im Schreibdienst der Sozial- und Jugendbehörde. Eine Stelle, die sie sich lange ersehnt hatte, 13 Jahre lang ausfüllte, bevor sie Ende 2002 in Frührente gehen musste: die Folgeschäden ihrer Behinderung waren zu gravierend.

In Karlsruhe lernte sie auch das Autofahren, bekam eines der ersten Fahrzeuge mit besonderer Lenkhilfe. Stefanie Ritzmann spielte Tuba und Trompete, sang in der Kirche der St.-Stephans-Gemeinde, war dort Lektorin. Besonderen Spaß hatte sie an Solo-Auftritten - hatte doch einst davon geträumt, Opernsängerin zu werden.

Eine neue Aufgabe nach dem Ausscheiden aus dem Berufsleben ergab sich im 2003 gegründeten Behindertenbeirat der Stadt, dessen Vorsitzende sie zehn Jahre lang war. Hier setzte sie sich beispielsweise für barrierefreie Zugänge ein. "Über alles das sollte nicht mehr nur geredet werden, man sollte es einfach machen", sagt sie.

In der Zeit in Karlsruhe hat sich Stefanie Ritzmann auch den ihr eigenen besonderen Humor mit Hang zur Selbstironie angeeignet. Ritzmann resümiert ihre leicht lesbare Lebensgeschichte - die für sie laut ihren Worten auch die Möglichkeit bot, "Frieden zu machen mit dem, was mich verletzte" - mit einem verblüffenden Satz: "Uns Contergan-Menschen musste es geben, damit sich für Behinderte im täglichen Leben etwas ändert." Stefanie Ritzmann und Beate Rygiert: "Weglaufen? Geht nicht!", 268 Seiten, Verlag Klöpfer&Meyer, 22 Euro.

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