Von Hitler abgeschrieben oder eine zufällige Parallele?

Von Hitler abgeschrieben oder eine zufällige Parallele?

Von Werner Kolhoff

Berlin - Die Parallelen sind frappierend. Aber hat Alexander Gauland wirklich bei Adolf Hitler abgeschrieben, als er am Wochenende in der "FAZ" einen Gastbeitrag zum Populismus veröffentlichte? Oder ist es nur ein ähnlicher Gedanke, der, wie alle Gedanken, nicht patentgeschützt ist? Wieder einmal gibt es heftige Debatten um den Fraktions- und Parteichef der AfD.

Eine Rede Adolf Hitlers vom 10. November 1933 vor Siemensarbeitern in Berlin wirkt wie eine Blaupause für den FAZ-Text. Gauland habe Hitler zwar nicht direkt plagiiert, sagte der Berliner Historiker Wolfgang Benz gegenüber dem Zeitung "Tagesspiegel", aber sich an das historische Vorbild "angeschmiegt". Es werde offenbar, "dass der eine so denkt wie der andere".

Hitler hatte 1933 im Kern gesagt, dass eine "kleine wurzellose Clique" von Leuten, "die heute in Berlin leben, morgen genauso in Brüssel sein können, übermorgen in Paris und dann wieder in Prag oder Wien... (Zwischenruf: "Juden")" den Kontakt zum normalen Volk verloren habe. Das sei "an seine Heimat gekettet" und "gebunden an die Lebensmöglichkeiten seines Staates, der Nation".

Gauland schrieb ganz ähnlich von einer "globalisierten Klasse", die "zum Jobwechsel von Berlin nach London oder Singapur" ziehe und sozial unter sich bleibe. Ihr gegenüber stünden die Mittelschicht und Menschen mit niedrigen Löhnen, "die als Erste ihre Heimat verlieren, weil es ihr Milieu ist, in das die Einwanderer strömen". Dieser Riss erkläre die wachsende Fundamentalopposition von links und rechts gegen die politischen Eliten. Gauland lobte ausdrücklich Linken-Politikerin Sahra Wagenknecht mit ihrer Sammlungsbewegung "Aufstehen": "Frau Wagenknecht hat das begriffen."

Bewusste Anleihen beim Nazi-Diktator stritt der AfD-Chef strikt ab. "Ich kenne keine entsprechende Passage von Hitler", sagte er. Der frühere SPD-Chef Sigmar Gabriel griff den AfD-Politiker gleichwohl scharf an. Gauland sei gebildet genug, um die Folgen seiner Argumentation für die Demokratie zu kennen, "aber offenbar gewissenlos genug, um dieses Wissen zu ignorieren". Allerdings vermutete Gabriel, dass ein Redenschreiber der Fraktion den Text verfasst habe. Was auch ein Skandal sei. "Rechte Sprachklempner werden aus Steuermitteln des Bundestagsetats bezahlt", schimpfte der Ex-SPD-Chef, ohne freilich dafür einen Beleg zu nennen.

Möglicherweise aber ist es doch nur ein ähnliches Gedankengebäude. Der Autor Michael Seemann wies gestern darauf hin, dass er vor zwei Jahren in einem Zeitungsbeitrag ausgerechnet für den "Tagesspiegel" die Gedankenwelt der AfD analysiert und dabei sehr ähnlich formuliert habe wie jetzt Gauland. "Oha, es sieht so aus, als hätte Alexander Gauland fast wörtlich bei mir abgeschrieben", twitterte Seemann. Auch der offenbar etwas vergessliche Gabriel hat schon mal massive Elitenkritik geübt. Ende letzten Jahres warf er in einem Gastbeitrag im "Spiegel" sogar der eigenen Partei vor, sich zu sehr in der "postmodernen Globalisierung" wohl zu fühlen.

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