"Künstlichkeit interessiert mich"

'Künstlichkeit interessiert mich'

Von Georg Rudiger

"Wenn der Vorhang aufgeht, dann muss es krachen", sagt Anno Schreier in einem Radiointerview. Der Karlsruher Komponist (Jahrgang 1979) setzt nicht auf experimentelle Spieltechniken, sondern arbeitet mit einer eher traditionellen Tonsprache, in der auch Dur-Akkorde und weit gespannte Kantilenen vorkommen dürfen. Ähnlich wie seine Lehrer Manfred Trojahn und Hans-Jürgen von Bose zählt er nicht zur Avantgarde, sondern bezieht sich in seiner Musik immer wieder auf die Tradition - auch ironisch gebrochen wie in seiner frühen Oper "Kein Ort nirgends" (2006), in der er die Protagonisten mit unterschiedlichen Stilen charakterisiert: von rossinischer Koloraturartistik bis zu kühlen Zwölftonreihen.

Mittlerweile ist Schreier einer der gefragtesten Opernkomponisten überhaupt. "Die Stadt der Blinden" (2011/Opernhaus Zürich) und "Hamlet" (2016/Theater an der Wien) unterstrichen seine musiktheatralische Begabung. Bei einem Treffen in einem Café in Baden-Baden erzählt Schreier von seinem Leben als Komponist, das gar nicht so anders ist als das eines Büroangestellten oder Handwerkers.

Er wartet nicht bei Sonnenuntergang auf Inspiration und macht auch nicht in einem Schaffensrausch die Nacht zum Tag, sondern verlässt jeden Nachmittag seine Karlsruher Wohnung und geht in sein Atelier, das in einem anderen Stadtteil liegt.

"Meistens arbeite ich parallel an verschiedenen Sachen. Ich schaue mir die Stellen an, an denen ich weiterschreiben kann - manches lasse ich auch liegen und komponiere beispielsweise erst den Schluss; und überlege mir dann, wie ich kompositorisch dort hinkommen kann", sagt er. Ein Schreibtisch, ein Computer, eine dampfende Kanne Tee, ein E-Piano und ein Stehpult, an dem er von Hand seine ersten Skizzen schreibt - mehr braucht Anno Schreier nicht zum Komponieren. Auch den Druck vor der Abgabe einer Komposition möchte er vermeiden, sodass er bislang alle seine Werke rechtzeitig fertig brachte.

Und warum schreibt er vor allem Opern? "Es gibt ja keine verbindliche musikalische Sprache mehr wie im 18. oder 19. Jahrhundert mit den klaren Tonsatz-Regeln. Heutzutage muss man sich für jede Komposition eine neue musikalische Sprache erarbeiten. Und das finde ich bei der Oper leichter als beispielsweise bei einem Streichquartett", sagt der Komponist, "in der Oper gibt es zunächst einen Stoff, dann einen Text und ver schiedene Szenen. In diesem Kontext fällt es mir leichter, Musik zu erfinden."

Kreativ innerhalb



bestimmter Grenzen

Diese Vorgaben, die Einschränkungen bedeuten, schätzt der Komponist. Es fällt ihm leichter, innerhalb bestimmter Grenzen kreativ zu sein. "Wenn ich die totale kompositorische Freiheit hätte, dann würde es mir schwerfallen, Entscheidungen zu treffen", erklärt Schreier seine ungewöhnliche Haltung. Aus diesem Grund interessiert er sich auch nicht für elektronische Musik, weil ihm die allein schon im musikalischen Material liegenden Möglichkeiten zu grenzenlos sind.

Am Samstag, 16. Februar, 19.30 Uhr, steht nun die Uraufführung seiner neuen Oper "Schade, dass sie eine Hure war" nach einem Stück von John Ford aus dem 17. Jahrhundert an der Deutschen Oper am Rhein in Düsseldorf an. "Es geht darin um ein inzestuöses Liebespaar und um eine Gesellschaft, die sich selbst zerlegt. Die Handlung ist mit klischeehaften Operngesten bestückt. Jeder spinnt eine Intrige", erklärt Schreier, "das Ganze ist extrem übertrieben und wird zu einem Totentanz der Oper. Diese Künstlichkeit, das Artifizielle interessiert mich sehr als Komponist. Oper als realistische Kunstform dagegen ist nichts für mich."

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