Mit Gebärdensprache durch Eis und Schnee

Mit Gebärdensprache durch Eis und Schnee

Von Stefan Jehle

Baiersbronn - Er genieße die Ruhe hier, die Landschaft, es gebe weit und breit keinen Autoverkehr, sagt er. Benno ist unterwegs mit einer Gruppe von 15 Menschen, auf einer Schneeschuh-Wanderung, in den Höhen des Schwarzwalds. Seine Aussage macht stutzig: denn Benno ist gehörlos, er macht sich verständlich mit Gebärden.

Einzelne Worte kann er auch in Lautsprache äußern - seinem Gegenüber von den Lippen lesen, wenn er Zeit hat sich auf die Person einzustellen. Auf 1000 Metern, nahe der Schwarzwaldhochstraße, kann er sich dabei ganz auf die Natur konzentrieren. Was wirkt wie ein Widerspruch, wird nach etwas Nachdenken klarer: auf dem Grinden-Wanderweg, der vom Schliffkopf zum benachbarten Ruhestein führt, muss er nicht auf Ampeln achten, nicht auf den hektischen Verkehr - so wie in Heidelberg, woher er kommt. Hier bestaunt er die von Sturm und Schnee zur Seite geneigten Fichten - die traumhaft anmutende Winterlandschaft.

Konzentriert schaut er dabei auf die Hände, die Mimik, die Mundbewegungen von Svenja Fox. Die Umweltpädagogin arbeitet im Nationalpark Schwarzwald, sie erklärt mit Gebärdensprache die Besonderheiten der Landschaft. Warum man nicht vom Weg abgehen solle. Warum seltene Tierarten ihre Ruheräume brauchen. Das Angebot ist so ziemlich einzigartig.

"Winterwildnis entdecken", so lautet der Programmtitel, mit dem für die rund vier Stunden dauernde Führung geworben wird. In Klammer dahinter die drei Buchstaben DGS - die für "Deutsche Gebärdensprache" stehen. Das ist eine seit 2002 gesetzlich anerkannte Sprache für rund 80 000 Gehörlose in Deutschland - und die dabei den Lautsprachen ebenbürtig ist. Es ist nach Angaben der Nationalparkverwaltung die einzige Führung dieser Art in einem deutschen Schutzgebiet. Mit der Besonderheit: Svenja Fox spricht mit den Gehörlosen ohne Dolmetscher. Sie beherrscht die Gebärdensprache schon seit der eigenen Schulzeit. Erlernt hatte sie diese im Rahmen einer Projekt-Arbeit, die in ihrer damaligen Schule Pflicht war für das 8. Schuljahr.

Seit 2016 bietet Fox Führungen in Gebärdensprache an, rund 30 Mal war sie mit Gruppen schon auf Grinde-Hochflächen, den beinahe baumfreien Feuchtheiden auf abgeflachten Buntsandstein-Höhenrücken nahe dem Schliffkopf. Sie wanderte mit den Menschen in den Bereichen des Bannwaldgebiets, bei der Badener Höhe, oder beim Ruhestein. Erklärte das ähnlich einem Krater aus einer Waldsenke hervorlugende Naturschutzgebiet Wilder See. Auch der Borkenkäfer ist häufig Thema.

Fox ist konzentriert bei der Sache, was an diesem Tag, angesichts der vielleicht drei oder vier Grad unter dem Gefrierpunkt, nicht ganz einfach erscheint. Sie spricht ihre Gebärden ohne Handschuhe: damit sie sich eindeutig ausdrücken kann. Und sie wirkt routiniert - etwa 20 Jahre ist es her, dass sie selbst sich erstmals mit der Gebärdensprache befasste, diese erlernte: zuerst in Frankfurt. Sie "sei eine Berliner Schnauze", hatte ihr kürzlich jemand bei einer Führung scherzhaft vorgehalten.

Auch an diesem Tag ist das der Fall. Dazu muss man wissen: die Gebärdensprache hat eigene Dialekte. Svenja Fox hat ihre Kenntnisse während des Studiums in Berlin nochmals neu aufgefrischt. So ist etwa die Hand-Gebärde für das Wort Garten in Berlin eine andere als im Süden. Im Norden reibt man sich kurz an der Nase - im Süden ist es eine Art Schaufelbewegung, ausgeführt mit beiden Händen: das wirkt fast wie ein Schaffe, schaffe, Häusle baue...

Die Führungen sind gefragt: Interessierte kommen nicht nur aus dem Südwesten angereist, sondern auch aus Bayern, aus dem Süden von Hessen. Der Nationalpark Schwarzwald gilt in Sachen Inklusion und "barrierefreien Angeboten" als eine Art Vorreiter und "Vordenker" in ganz Deutschland.

Anfangs hatte Svenja Fox die Führungen simultan in Gebärden- und in Lautsprache abgehalten - was eine hohe Aufmerksamkeit und Konzentration erforderte. Mittlerweile gebärdet sie nur noch.

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