Dating-Show mit Hintersinn

Dating-Show mit Hintersinn

Von Nike Luber

Im "echten" Leben kann die Partnersuche mühsam sein. Wie gut, dass es die App "tinder" gibt. Mit ihrer Hilfe kann die Generation "Busy" bequem vom Smartphone aus nach geeigneten Kandidatinnen und Kandidaten suchen. Ein Foto, wenig Profil, wisch und weg oder wisch und match. Ist das alles wirklich so einfach? Ingmar Otto, Intendant des Kammertheaters Karlsruhe, hat darüber ein Stück geschrieben. "tinder. Das Musical" hat vor vollem Haus Premiere gehabt.

Otto mixt dafür munter verschiedene Zutaten. Erst einmal eine Prise Dating Show mit Zuschauerbeteiligung. Schnell wird klar: Raffaela und Thorsten gehören zum Theater, denn was mit ihnen angestellt wird, würden sich echte Theaterbesucher nicht gefallen lassen - oder doch? Um die Dating App "tinder" darzustellen, spielen fünf Musicaldarstellerinnen die "tinder"-Personifizierung Laura Love, von Ausstatter Michael Hofer-Lenz in identische schwarze Catsuits gesteckt. Als Laura Love versuchen sie, "tinder"-Nutzer zu verkuppeln - was schwieriger ist als gedacht.

Viele Lacher gibt es für die Typologie der Menschen, die man über "tinder" kennenlernen kann. Den gerade verlassenen Jammerlappen zeigt das Stück als Puppe, gebastelt aus Kleenex. Den Vertreter der Gattung Couch-Potato erlebt man als kartoffelsackförmige Stoffpuppe. Doch als Camilla endlich einen passenden Mann findet, fehlt ihr das Prickeln, und sie sucht weiter.

Manche suchen bei "tinder" nicht die Liebe fürs Leben, sondern einfach nur Sex. Die Verlesung entsprechender Anmach-Mails wirkt ebenfalls erheiternd, jedenfalls auf die Zuschauer. Natürlich braucht man ein paar Charaktere und deren mehr oder weniger glücklich verlaufende Liebesgeschichten, damit aus "tinder" ein Theaterabend wird. An vier Paaren dekliniert Ingmar Otto durch, wie man sich ver- und entlieben kann.

Eher als Running Gag kommen die Szenen mit der taffen Karrierefrau an, die sich heimlich über "tinder" vom "dominanten Dominik" zu Sado-Maso-Spielchen animieren lässt. Besagter Dominik entpuppt sich als der schüchterne Lehrling. Nebenbei gibt es hier böse kleine Momente aus der Arbeitswelt, zum Beispiel im Song "Bück Dich hoch".

Tasja und Erik passen eigentlich perfekt zusammen. Sie tanzen, sie sind glücklich. Für Erik könnte es immer so weiter gehen. Aber Tasjas Herz ist ein Tourist, wie es in ihrem Lied heißt. Sie serviert Erik ab und zieht weiter zum Nächsten, Anlass genug für Oliver Hoß in der Rolle des Erik für einen temperamentvoll servierten musikalischen Gefühlsausbruch: Bitte bleib nicht wie Du bist! Dazwischen erlebt man den schwungvoll gespielten Streit zwischen Jans Ex und Jans Freunden, da wird selbst um einen Kochlöffel erbittert gekämpft. Und sich über "tinder" wieder angenähert.

Dann sind da noch Sabine und Rainer, das Durchschnittspaar mit Teenagertochter. Die Ehe wurde zur Routine. Rainer verbringt immer mehr Zeit auf "tinder", an dem einzigen Ort in der Wohnung mit Privatsphäre, dem Klo. Immer mit derselben Masche, flirtet er in der virtuellen Welt parallel mit drei verschiedenen Frauen. Bis Sabine dahinter kommt...

Das Tempo des Stückes ist hoch, die Darsteller wechseln rasant Kostüm und Rolle, turnen Treppen und Leitern hinauf und herunter, und als Laura Love haben sie auch noch zu jeder Musiknummer eine eigene Gruppenchoreo (Choreografie: Patrick Nitschke). Lena Weiss, Cassandra Schütt, Daniela Tweesmann, Nele Neugebauer, Nina Links, Markus Schöttl und Oliver Hoß machen ihre Sache grandios. Jeder Ton und jeder Tonfall sitzt. Es gelingt ihnen, jeden Charakter in wenigen Sätzen und Gesten präsent zu machen.

Zum Unterhaltungswert des Musicals tragen die gut ausgewählten Musiknummern bei, die Stephan Ohm geschickt arrangiert und teilweise selbst komponiert hat. Hinter einem goldenen Vorhang ist die Band hervorragend zu hören. Alles da für einen entspannten Abend. Ottos Musical reißt collagenartig kurz an, was den Reiz und was die Gefahr von Dating Apps ausmacht. Entscheidend ist aber immer noch, welche Entscheidungen die Beteiligten selbst treffen.

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