Distanz und Künstlichkeit

Distanz und Künstlichkeit

Von Georg Rudiger

in Auftakt wie ein Aufschrei. Ohne jede Vorbereitung beginnt Giuseppe Verdis Oper "Otello" mit einer Sturmszene - mit Donner und Blitzen, die von den Berliner Philharmonikern unter Altmeister Zubin Mehta aus dem Orchestergraben in den Saal geschickt werden. Im Festspielhaus Baden-Baden ist bei der Eröffnung der Osterfestspiele diesem Schockmoment aber ein szenischer Prolog vorgeschaltet, für den Regisseur Robert Wilson zwei Grundthemen der Oper - Sturm und Tod - miteinander kombiniert.

Während Wind über Lautsprecher ins Festspielhaus braust, zeigt ein kunstvolles Video einen sterbenden Elefanten. Die rätselhafte Vorwegnahme des Todes von Otello, dem aus Afrika stammenden Oberbefehlshaber? Die Herkunft dieses "Mohren" ist jedenfalls für die Inszenierung nicht weiter wichtig. Stuart Skeltons Gesicht ist ebenso weiß geschminkt wie das der anderen Protagonisten.

Natürlich erzählt der US-amerikanische Regisseur, der am Haus schon "Aida" und den "Freischütz" in ästhetische Bilder übersetzte, keine Geschichte über Rassismus, sondern enthält sich wie in allen seinen Arbeiten jeder Aktualisierung des Stoffes. Auch in diesem "Otello" ist die Bühne ein weiter leerer Raum, der nur durch die Beleuchtung variiert wird. Es gibt keine Nähe zwischen den Handlungsträgern, keine Intimität und keine Interaktion.

Distanz und Künstlichkeit sind die Parameter, mit denen der Regisseur ein intensiveres Hören erschaffen möchte. Wie ein Schachspieler schiebt Wilson seine Figuren über die Bühne. In den ersten beiden Akten entfaltet dieses Musiktheater aber zu wenig Zauber. Die Kostüme (Jacques Reynaud, Davide Boni) werden zu Korsetten. Die spektakulären Lichtwechsel erscheinen beliebig, die Bewegungen manieriert. Wilson stellt die Figuren aus, statt sie zu charakterisieren. In seiner Berliner "Dreigroschenoper" hat er für jede Rolle eigene Bewegungen kreiert. Hier entwickelt er keine Ideen zur Individualisierung der Protagonisten.

Die Wärme kommt allein aus dem Orchestergraben. Zubin Mehta kitzelt keine Kontraste heraus, sondern ist eher ein Vermittler, der das eine aus dem anderen schöpft. Seine Kunst ist es, einen großen Bogen zu schlagen und Entwicklungen weiterzuführen. Diese Spannung aus dem Orchestergraben ist vor allem für Wilsons statische Inszenierung wichtig, die dann doch manches Mal in Schönheit stirbt, anstatt das Werk zu interpretieren.

Was verwundert, sind die Mängel im musikalischen Detail. Da sind der strahlkräftige, zu großen Tableaus aufgestellte Philharmonia Chor Wien (Einstudierung: Walter Zeh) und das Orchester nicht immer zusammen. Da gelingen manche Akkordwechsel nicht so perfekt, wie man das von diesem Orchester gewohnt ist. Ein falscher Violineinsatz ist vielleicht noch unter Konzentrationsmängel abzuhaken. Aber dass die Kontrabassgruppe in ihrem großen Solo im vierten Akt, bevor sich Otello dem Schlafgemach Desdemonas nähert, derart deutliche Intonationstrübungen aufweist, überrascht dann doch.

Die Tenorpartie des Otello gehört zu den schwierigsten überhaupt. Sie verlangt große Höhe und enorme Strahlkraft, aber trotzdem genügend Flexibilität in der Stimme. Stuart Skelton hat die Power, um einzelne Töne und auch Linien mit Leuchtkraft zu versehen und über dem Orchestertutti strahlen zu lassen. Aber der australische Tenor kommt an diesem Abend immer wieder an Grenzen, wenn ein Mezza voce gleichzeitig Qualitätsverlust bedeutet oder manche hoch liegenden Töne nicht gut gestützt sind und mitunter auch offen wegbrechen. Festspielniveau hat seine Interpretation jedenfalls nicht.

Sonya Yoncheva kann hier als vielschichtige Desdemona stärkere Akzente setzen. Szenisch zur Puppe gemacht, belebt sie jede Kantilene und kann auch die tiefen, dunklen Farben der Partie zum Klingen bringen. Ihre ungeschützten Pianissimo-Einstiege in der Höhe singt sie auf Nummer sicher, was ihnen die Magie ein wenig nimmt.

Vladimir Stoyanov, der kurzfristig für den verletzten Luca Salsi einsprang, ist ein auf Mephisto geschminkter Jago, der auch die verführerischen Töne umsetzen kann - wie ein Wolf, der Kreide gefressen hat. Mit seinem kernigen Bariton, mit dem er sein teuflisches Glaubensbekenntnis "Credo in un Dio crudel" härten kann, hat er aber auch die notwendige Durchsetzungsfähigkeit und dunkle Farben, die sich stark vom hellen Tenor Francesco Demuros (Cassio) abheben.

Federico Sacchi (Lodovico), Gregory Bonfatti (Roderigo), Giovanni Furlanetto (Montano) und Anna Malavasi als Jagos Gattin Emilia komplettieren das Solisten-Ensemble. Der Kinderchor des Pädagogiums Baden-Baden (Einstudierung: Uwe Serr und Anja Schlenker-Rapke) bewältigt seinen Auftritt im zweiten Akt souverän.

Nach der Pause entfaltet dieser kühle, distanzierte "Otello" dann doch mehr Intensität. Schon im dritten Akt wirkt Wilsons Bühnensprache schlüssiger, wenn er zu Otellos auflodernder Eifersucht Bruchstücke seines Palastes wie eine Treppe oder einzelne Säulen als Scherenschnitte vom Schnürboden absinken lässt und im roten Mond schon das blutige Ende antizipiert. Hier sind auch die Berliner Philharmoniker echte Gefühlsverstärker und bringen die Spannung zum Bersten.

Atmosphärisch dicht gelingt dann der Beginn der Holzbläser zum intimen vierten Akt in Desdemonas Schlafzimmer. Wie sich hier Englischhorn, Klarinetten und tief spielende Flöten mischen, mit welch großer Freiheit die Musiker hier agieren und sich trotzdem ihre Stimmen übereinanderlegen - das ist ein echtes Hörerlebnis!

Auch szenisch ist dieser ganz in Blau getauchte Akt am stärksten und der bewusst gesetzte emotionale Höhepunkt. Genial, wie der Wind des Beginns hier im flatternden Vorhang wiederkehrt, sodass Desdemonas "Ave Maria", das Sonya Yoncheva mit berückender Schlichtheit singt, durch die Unruhe auch von Sorge und Angst kündet. Otellos bedrohliches Näherkommen ist genau auf die Musik abgestimmt. Dass der fliehende Jago in Wilsons verlangsamter Bühnensprache mit mehreren 90-Grad-Drehungen wie eine aufgezogene Puppe in aller Seelenruhe davon schreitet, kann die Intensität der Szene nicht nehmen. Ganz lyrisch gelingt der Schluss, wenn sich Otello nach dem Mord an seiner geliebten Desdemona selbst das Leben nimmt. Der in hellblaues Licht getauchte Vorhang bewegt sich hier nochmals stärker im Wind, als würden die Seelen nun vereint zum Himmel steigen. Bis Ostermontag gibt es "Otello" noch dreimal.

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