Otellino gegen den fiesen Jago

Otellino gegen den fiesen Jago

Von Sabine Rahner

Alles muss man selber machen: Würde Otellino nicht so mutig fragen und nachforschen, ginge der Vater wahrscheinlich wieder nach Afrika zurück und stattdessen zöge Jago bei ihm und seiner Mutter Desdemona ein. Jago ist zwar der beste Freund des Vaters, aber er meint es nicht ehrlich, das spürt Otellino deutlich. Gut, dass er so viele Freunde hat: Zusammen mit ihnen enttarnt er Jago als Lügner und Betrüger und erreicht sogar, dass sein Vater endlich die innere Ruhe findet, von seinen Erlebnissen in Afrika zu erzählen.

Es gibt bei den Osterfestspielen Baden-Baden seit ihrem Beginn 2013 die schöne Tradition einer Kinderoper. Sie lehnt sich an die große Oper im Festspielhaus an, dauert aber nur eine Stunde und ist für das junge Publikum so umgearbeitet, dass der inhaltliche Kern erkennbar wird. In diesem Jahr gibt es Verdis "Otello", da geht es um unangenehme Dinge wie Eifersucht und Neid, um das Gefühl, zurückgesetzt zu werden und nicht mehr wichtig zu sein. Das sind Gefühle, die auch Kinder kennen.

In "Der Kleine und Otello" wird der Feldherr zum Blauhelm-Soldaten, der ganz verändert vom Einsatz zurückkehrt. Er ist jetzt immer so ernst und reizbar. Symbolisch wird das an einem zerbrochenen Blumentopf deutlich, den Otello grundlos zerschmettert. Dabei ist die Familie so friedlich, das Haus in Claudia Weinharts Ausstattung so hübsch, das Kind so glücklich und erwartungsvoll. Eigentlich ist alles gut, aber unterschwellig lauert etwas Unheimliches und das macht Otellos kleinem Sohn Otellino Angst.

Librettistin Tina Hartmann hat die Intrigen-Geschichte eingedampft und für Kinder nachvollziehbar gemacht. Jago ist auch hier der Bösewicht, aber er ist gekränkt, weil die kleine Familie - die er bisher beschützt hat - ihn nicht mehr braucht, seit Otello zurück ist. Nun schauen alle nur noch auf den bewunderten Helden, und Jago steht im Abseits.

Der Komponist Aurélien Bello hat es geschafft, die meisten der eindrucksvollsten "Nummern" der Verdi-Oper wie den schmetternden Tenorauftritt von Otello oder Jagos fieses "Credo", aber auch Desdemonas traurig-schönes Lied von der Weide vereinfacht zu arrangieren. Und als Verbindung hat er neue, atmosphärisch dichte Musik komponiert, ohne dass irgendwo ein Bruch hörbar wird.

Im Orchestergraben spielen ausdrucksstark zwölf Mitglieder der Berliner Philharmoniker - wenige Streicher, Flöte, Oboe, Klarinette, Fagott und Horn, dazu Marimba und Harfe. Die musikalische Leitung ist bei Raphael Haeger, im Hauptberuf Schlagzeuger der Philharmoniker, in guten Händen.

Großartig gelungen ist in Mareike Zimmermanns detailgenau ausgearbeiteter Inszenierung schon Otellos stürmische Landung am Strand, bei der zwei Kinderchöre - der Karlsruher Lutherana-Kinderchor und die Vokalhelden Berlin - angstvoll zusammengedrängt die Gefahr verdeutlichen. Otellos Schiff taucht ja inmitten eines heftigen musikalischen Gewittersturms auf. Da donnert es gewaltig aus dem Orchestergraben heraus, und der Wind heult im vollbesetzten Theater ums Premierenpublikum.

Gleich zweimal singen die souveränen Kinder ihr Ständchen zu Desdemonas Geburtstag - den Chor hatte Verdi einst zwischen zwei hochdramatische Passagen eingefügt, damit sich das Publikum auch mal bei etwas Harmlos-Schönem entspannen kann. Bei der Wiederholung gelingt es den cleveren Kindern, den gemeinen Jago ablenken. So kann Otellino unbemerkt das Familienalbum zurückerobern. Jago hatte ja schon seine eigenen Bilder hineingeklebt, als ob er der Familienvater sei. Mit diesem Beweisstück überzeugt Otellino endlich auch den Vater vom schlechten Charakter des angeblichen Freundes. Jago rauscht davon, und damit ist der ganze Ärger verraucht.

Auch in diesem Jahr haben Berufsanfänger die Gesangspartien der Kinderoper übernommen, es sind Studierende oder gerade mit dem Studium fertig gewordene Absolventen der deutschen Musikhochschulen. Natalie Beck verkörpert den kleinen Otellino keck mit ihrer klaren, hellen Sopranstimme. Snaebjörg Gunnarsdottir entspricht mit ihrem vollen, runden Sopran genau Verdis Desdemona, sie überzeugt mit kultivierten Pianissimo-Stellen. Heldenhaft tritt Ferdinand Keller als Otello auf die Bühne: Mit soldatischer Verve pfeffert er sein "Mission erfüllt" in die Runde - damit wissen die kleinen Zuhörer jetzt auch, was ein Tenor ist. Dagegen hat es der Bariton Axel Wolloscheck als Jago schwerer - er ist mehr nervig als böse, soll wohl nicht allzu garstig rüberkommen. "Der Kleine und Otello" steht bis Ostermontag noch zweimal auf dem Programm, es besteht nur die Chance auf kurzfristig zurückgegebene Karten.

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