Harfe lässt Raum für runden Sopran

Harfe lässt Raum für runden Sopran

Von Georg Rudiger

Eine einsame Harfe auf der Bühne des Festspielhauses Baden-Baden - ein ungewohntes Bild im Konzertleben. Meist steht das prachtvolle, goldene Instrument am Rand eines Symphonieorchesters und wird nur für wenige Momente gespielt. Dass es auch zur Liedbegleitung eingesetzt wird, kommt äußert selten vor. Dabei lässt das Instrument der Stimme mehr Raum als das Klavier. Auch dramatischere Passagen, Melodien, unterschiedliche Artikulationen, Flageoletts und auch klangliche Härten können auf dem Instrument eindrucksvoll realisiert werden - zumindest, wenn es von Xavier de Maistre gespielt wird.

Das Publikum staunte im Festspielhaus am Freitag bei einem Liederabend mit Diana Damrau und Xavier de Maistre nicht nur über die ganz leisen Töne, die dennoch bis zum hintersten Platz reichten, sondern gerade auch über den fast orchestralen Sound, den der Franzose der Harfe entlockte.

Diana Damrau hat de Maistre bei ihrem Salzburg-Debüt 2001 in Verdis "Don Carlo" kennengelernt, als er sie als "Stimme vom Himmel" begleitete. Seither sind fünf verschiedene Programme für Liederabende entstanden. Im Festspielhaus Baden-Baden beleuchten die beiden verschiedene Farben und Stimmungen der Romantik.

"Auf den Flügeln des Gesanges" von Felix Mendelssohn Bartholdy, mit dem der berührende Abend beginnt, hat wunderbare Leichtigkeit und Transparenz. Damrau erzählt nicht nur mit ihrem flexiblen Sopran kleine Geschichten wie bei "Suleika" oder dem dramatischeren "Des Mädchens Klage", sondern setzt auch Mimik und Gestik ein. Mit Sergej Rachmaninows Liedern wird es melancholischer.

Von Transparenz



bis sinnliche Tiefe

Die fließenden Arpeggien der Harfe suggerieren die Weite der russischen Landschaft. Die Natur spiegelt sich in der Seele wie im großen Melodiebögen spannenden "Notsch' petschal'na" (Trostlos ist die Nacht) oder dem vierten Lied "Sumerki" (Dämmerung), wo Damrau ihren wunderbar runden Sopran ein wenig dunkler färbt. Das den ersten Teil abschließende "Bakhchisaraysky fontan" (Der Brunnen von Bachtschissarai) von Wladimir Alexandrowitsch Wlassow ist in seiner Dramatik schon nah an der Oper.

Nach der Pause präsentieren die beiden Künstler nahezu unbekanntes französisches Repertoire wie die vier für den Salon geschriebenen Lieder von Reynaldo Hahn. "L'Énamourée" (Die Geliebte) singt Damrau mit sinnlicher Tiefe. Raffinesse und Eleganz, aber auch tiefe Melancholie durchziehen das Lied "Mai", das der in Venezuela geborene, nach Paris emigrierte Komponist noch in seiner Jugend komponierte.

Seine ganze Meisterschaft zeigt Xavier de Maistre im Solostück "Légende" von Henriette Renié. Aber bei aller Virtuosität wird das spanisch timbrierte Werk, das die Harfe manchmal wie eine Gitarre klingen lässt, durch die Gestaltungskunst des Interpreten nie zur reinen Zirkusnummer. Der für das Kind einer befreundeten Sängerin komponierte Zyklus "La courte paille" (Der kürzere Strohhalm) entstand drei Jahre vor Francis Poulencs Tod. Der Komponist wechselt zwischen ruhigen, schwebenden Gesängen und ganz kurzen, witzigen Liedern. Damraus wendiger Gesang ist perfekt für diese Miniaturen. Die Künstler erzählen groteske Kindergeschichten mit Fantasie und Witz, ehe sie in "Les Chemins de l'amour" (Die Wege der Liebe) mit einem Walzer in die Salons zurückkehren.

Große Begeisterung herrscht im Festspielhaus. Und mit "Vilanelle - J'ai vu passer l'hirondelle" von Eva Dell'Acqua gibt es eine so charmante wie spektakuläre Zugabe, in der Diana Damrau mit feinen Koloraturen und schwereloser Höhe, getragen von rauschenden Harfenklängen, einmal mehr ihre große Gesangskunst zeigt.

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