"Wie das Betreten einer leeren Bühne"

'Wie das Betreten einer leeren Bühne'

Von Rainer Braxmaier

Eigentlich ist der Bleistift das fundamentale Instrument, sich ein Bild von der Welt zu machen. Dabei denkt man an schnell hingeworfene Notizen, skizzenhafte Vorstudien für noch auszuführende Bilder, die in nachfolgenden Versionen reifen. Nicht so bei der in Frankfurt lebenden Zeichnerin Dorothee Rocke, die den gesamten Kosmos ihrer Kunst auf zwei Elemente reduziert hat: Ein Stück Papier, meist sogar in der klassischen Blattgröße DIN A4, und ein Graphitstift der Stärke 9 B, der weichsten Gradation, die im Handel verfügbar ist und die - je nach Druck auf die Unterlage - vom feinen Grau bis zum tiefen Schwarz alle Nuancen liefert, welche die Künstlerin für ihre Dramaturgie benötigt.

Daraus entstand eine der ruhigsten und dennoch nachhaltig wirkenden Präsentationen, die man im Alten Dampfbad in Baden-Baden je zu sehen bekam. Die neue zweite Vorsitzende der Gesellschaft der Freunde junger Kunst, Imogen Nabel, hat Dorothee Rocke in der Galerie von Linda Treiber im südbadischen Ettenheimmünster entdeckt und im Programm der Gesellschaft durchgesetzt. Damit ermöglicht sie dem Besucher kontemplative Momente von großer Tiefe, vorausgesetzt, man lässt sich von der schnellfolgenden Bilderflut, die unseren Alltag dominiert, wegbewegen zu diesen "Monokulturen im schwerelosen Raum", die sich fundamental mit den Möglichkeiten der Linie beschäftigen. Dorothee Rocke selbst hat eine schöne Beschreibung ihres Wirkens gefunden: "Zeichnen ist wie das Betreten einer leeren Bühne: Gehen, schreiten, sich drehen, zögern, stehen bleiben, die Ränder im Blick haben, die Richtung ändern ..."

Damit ist ein wichtiger Hinweis gegeben. Es geht nicht um die Abbildung von Inhalten, alle Bedeutungen resultieren aus dem bildnerischen Mittel selbst, dem Verhältnis der Linie zum umgebenden Raum, dem Rhythmus der Reihungen und Streuungen der Elemente. Das verlangt oft viel Geduld vom Betrachter, aber sie lohnt sich: Die Zeichen sind wohlgesetzt. Für den Rezipienten nicht erkennbar ist, dass die abstrakten Formeln oft von realen Figuren oder Begebenheiten ausgelöst werden. Nachvollziehbarer ist hingegen die Hinwendung der Künstlerin zur neuen Musik. Oft hört sie bei der Arbeit Werke von Pierre Boulez, Morgan Feldman oder John Cage. Sie illustriert nicht die Musik, sondern lässt sich von den Klängen zu Bildgedanken inspirieren. Manche Blätter erinnern tatsächlich an Partituren.

Dorothee Rocke, 69 Jahre alt, nahm früh Malunterricht, absolvierte vor ihrem Kunststudium an der Universität Mainz ein Sprachenstudium in Köln. In der Folge gewann sie mehrere Kunstpreise und erhielt Lehraufträge für Bildende Kunst. Ursprünglich Malerin, entzog sie ihren Bildern zunehmend die Farbe. 1993 kam dann der "Cut", wie sie selbst sagt. Fortan beschäftigte sich die Künstlerin ausschließlich mit dem Zeichnen, verzichtete auf große Formate und beherrscht mittlerweile die Kunst, auch auf kleinen Formaten ein großes Repertoire zu entwickeln.

In Baden-Baden sind neue Serien zu sehen, bei denen sie neben der Linie, die stets von "Echos" verwandter Strukturen begleitet werden, würfelartige kleine Blöcke einstreut, die oft einem linearen Rhythmus folgen und in ihrem tiefen "9B-Schwarz" konstruktive Akzente setzen, ohne aber den Umraum zu beherrschen. Der Bildraum, also die Leere, bestimmt immer die Hierarchie der Dinge, die in fein austarierten Schwerpunkten das Format durchfließen. Trotz der strengen formalen Konzepte ein geradezu kulinarisches Vergnügen - und eine Parallelwelt von großer Stimmigkeit. Die Ausstellung in der Gesellschaft der Freunde junger Kunst ist bis zum 7. Juli zu sehen.

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