"Eines der allerersten gläsernen Gerichte der Welt"

'Eines der allerersten gläsernen Gerichte der Welt'

Karlsruhe - Das Bundesverfassungsgericht, seit 1951 in Karlsruhe ansässig, residiert seit Mai 1969 in fünf flachen Pavillons nahe dem Schlossplatz, dem benachbarten Botanischen Garten und der Kunsthalle. Geplant und gebaut wurde es von Paul G. R. Baumgarten, damals Architekt an der Hochschule der Künste in Berlin. Der Bau ist in seiner Art einzigartig, wird oft gerühmt für seine Transparenz.

Von 2011 bis 2014 wurde das Gebäude entkernt und umfassend saniert. Von heute bis Samstag wird im Rahmen des Karlsruher Verfassungsfests auch das 50-jährige Bestehen des "Baumgarten-Baus" gefeiert. Im Gebäude soll temporär eine Ausstellung zur Baugeschichte gezeigt werden.

BT-Mitarbeiter Stefan Jehle unterhielt sich mit Professor Wolfgang Grether, der einst als Leiter des Staatlichen Hochbauamtes Baden-Baden/Karlsruhe die Sanierungsarbeiten von 2011 bis 2014 leitete und sich auch mit den architektonischen Besonderheiten befasste.

Interview

BT: Herr Professor Grether, die flach ausgebreitete Gebäudegruppe verzichtet in ihren Formen auf jegliches Imponiergehabe - und hebt sich, sagen Architekturexperten, deutlich ab von palastartigen Gerichtsgebäuden aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert. Die Baugruppe sei dabei bemerkenswert unaufgeregt, moderat, erreichbar und offen.

Wolfgang Grether: Man muss ganz klar sagen: Das ist eines der ersten nicht monumental erscheinenden Gerichtsgebäude der Welt. Auch eines der ersten, vielleicht sogar das allererste gläserne Gericht der Welt. Das war hier total neu. Es ist ein Ausdruck der Zeit, als etwa in der damaligen Hauptstadt Bonn zahlreiche Regierungsgebäude gläsern waren, wie etwa der 1963 entstandene Bonner Kanzler-Bungalow. Es war doch sehr mutig, für ein Gericht solch ein Gebäude zu entwerfen.

BT: Und die Richter der damaligen Zeit haben das mitgetragen?

Grether: Mancher hatte sich damals gewundert, dass das Gericht selbst das alles mitmachte. Heute steht man dazu. Die Richterinnen und Richter sind das Gebäude nicht nur gewohnt, sie finden es positiv, nach allem, was ich weiß und mitbekam. Dass man sich zeigt, nichts verheimlichen will, ist schon bemerkenswert.

BT: Ein leitender Mitarbeiter des Denkmalamts beschrieb die Planung von Baumgarten einmal so: Dieser habe das Spannungsfeld zwischen Schloss, Botanischem Garten und Kunsthalle aufgenommen - und zwischen Schlossplatz und Botanischem Garten keine Grenze aufgebaut, sondern Auflockerung und Transparenz gesucht.

Grether: Es ist richtig: Das Gebäude des Badischen Hoftheaters, das an dieser Stelle lange Zeit stand (Anm.d. Red: Nach den Bombenangriffen 1944 blieb es eine Ruine), war einstmals eine richtig massive Bauflucht, wie eine Mauer zwischen Botanischem Garten und Schlossareal. Baumgarten hatte aber auch schon in seinem ursprünglich prämierten Entwurf für den Neubau des Theaters diese lockere Bauweise in Form von Pavillons vorgeschlagen. Auch dort war schon die Diskussion der Übergänge der beiden Grünräume sichtbar im Entwurf. Man suchte in den 1960er Jahren ganz bewusst nicht mehr den massiven, barocken Städtebau.

BT: Der rechteckige Atriumbau mit den Richterbüros - auch "Richterring" genannt - erinnert dabei auch manche gar an klösterliche Kreuzgänge. Er signalisiere Stille, Zurückgezogenheit und Konzentration. Geht es Ihnen auch so?

Grether: Wenn man die Flure sieht, die alle zum Innenhof orientiert sind, und die gläserne Fensterflucht, wirkt das wirklich wie ein Kreuzgang. Mindestens so bemerkenswert an den beiden Etagen ist es, dass diese aufgeständert sind, nicht direkt auf dem Boden stehen. Die beiden Senate sind da ja identisch, übereinander angeordnet: für jeweils acht Richterinnen und Richter, und deren Mitarbeiter. Der Richterring schwebt in gewisser Weise über allem, und hat die Ruhe in sich durch diesen Innenhof in der Mitte.

BT: Wie geht man denn an solch eine Aufgabe heran: Grundsanierung, Entkernung, Neuausrichtung der Hülle des Bundesverfassungsgerichtes, die Sie und ihr Team zwischen 2011 und 2014 umsetzten?

Grether: Das war am Anfang ein eher schwieriges Thema. Die Denkmalschutzwürdigkeit wurde ja von allen akzeptiert, nicht nur von uns, vom Bauamt. Sondern vor allem auch vom Gericht selbst: die Richterinnen und Richter fanden das Gebäude gut. Es war gewissermaßen ein Maßanzug für den Zweck. Zur Eröffnung 1969 gab es ja eine Reform: Das Gericht war damals neu strukturiert worden, zwei Senate mit jeweils acht Richtern wurden geschaffen. Das ist bis heute so geblieben: Der Maßanzug hatte also immer noch gepasst.

BT: Wenn Sie von Maßanzug sprechen: Ist der für heute noch stimmig?

Grether: Oft ist es ja so, dass bei Sanierungen das Raumprogramm geändert wird oder neue Nutzungsformen, mit anderen Grundrissen, angedacht und umgesetzt werden. Hier war klar: Das Programm passt, es geht mehr um die technische Sanierung. Vieles war nicht auf dem heutigen Stand: es hat reingeregnet, die Haustechnik war veraltet, es gab teilweise kein Isolierglas, im Sommer war es unerträglich heiß in den Innenräumen. Das äußere Erscheinungsbild sollte dabei unverändert bleiben.

BT: Ein neues Element sind abgehängte, wassergekühlte Deckenkonstruktionen. Was sind da einige wenige Besonderheiten, die Sie nennen können?

Grether: Richtig, die abgehängten Decken sind eine Neukonstruktion, da sie aussehen sollten wie die geschlitzten, hölzernen Akustikdecken von Baumgarten, aber gleichzeitig nun die Raumkühlung übernehmen müssen. Neu, mit technischen Forderungen von heute, sind große Teile der Fassade. Bei Einweihung 1969 gab es bei den großen Glasflächen noch keine Isolierverglasung. Die komplette Gebäudehülle wurde hinsichtlich des winterlichen und sommerlichen Wärmeschutzes optimiert.

BT: Dabei waren Sie und ihr Team ja auch teilweise richtig innovativ.

Grether: Es gab einige kleinere Forschungsprojekte: etwa die Leuchten im Sitzungssaal, die mussten fernsehtauglich und mit LED sein und in die von Baumgarten gestalteten Gehäuse passen. Da haben wir mit Herstellerfirmen verhandelt. Die historischen Stühle im Sitzungssaal wurden nachgebaut. Jetzt mit drei Zentimeter höher angelegter Sitzfläche, weil die Menschen heute im Durchschnitt größer sind. Insgesamt waren es bestimmt 50 bis 100 kleinere und größere Problempunkte.

BT: Insgesamt erinnert ja der "Baumgarten-Bau" an die Tradition des Neuen Bauens, ab den 1920er Jahren, die transparente Glasarchitektur ist auch Teil der Architektursprache des "demokratischen Bauens" - so wie der 1963 für Ludwig Erhard errichtete Kanzler-Bungalow. Oder als letztes großes Beispiel, der 1992 vollendete Bonner Bundestag des Stuttgarter Büros Günter Behnisch und Partner. Steht dieses Haus in dieser Tradition?

Grether: Von demokratischem Bauen würde ich jetzt nicht unbedingt sprechen, aber vielleicht als dem letzten Gebäude seiner Art der Bonner Republik, das noch in seiner Gestalt und Funktion erhalten ist. Und dabei doch eine deutlich andere Architektur darstellt als viele Nachfolgeprojekte in Berlin. Wenn man da beispielsweise das heutige Kanzleramt oder den Reichstag vergleicht: Da kann man schon sagen, das war eine andere Vorstellung von Architektur, die man damals hatte.

BT: Ist das also ein Ausdruck der damaligen Zeit?

Grether: Es ist ein typischer Bau für die 1960er Jahre, und das Besondere daran ist, dass er noch genauso funktioniert wie einst beabsichtigt. Dieses Gebäude war lange nicht so anerkannt, wie es eigentlich geschätzt werden sollte. Baumgarten wurde nicht so gewürdigt wie andere Architekten - etwa Egon Eiermann oder Erich Schelling. Von der Qualität, von den Details und von der Gestaltung ist es mindestens gleichwertig zu anderer damals gerühmter Architektur.

BT: Welchen Rang hat der denkmalgeschützte "Baumgarten-Bau" aus Ihrer Sicht?

Grether: Für Karlsruhe, und bezogen auf die 1960er Jahre, ist es für diese Zeit das mit Abstand herausragendste Gebäude. Es ist als sehr bedeutsam einzuordnen, nicht nur von der Nutzung her als Bundesverfassungsgericht - sondern auch von der Qualität der Architektur. Das ist für ganz Deutschland ein besonders markantes Gebäude der Baugeschichte.

BT: Kann man sich das heute noch wegdenken an dieser Stelle?

Grether: Kurz gesagt: Eigentlich nicht.

BT: In Karlsruhe wird ein neues "Forum Recht" geplant. Der Bundestag hat sich dafür ausgesprochen: was für eine Art von Architektur stellen Sie sich da vor?

Grether: Als Gründungsmitglied des Initiativkreises Forum Recht bin ich für die Grundlagenermittlung und die Vorbereitung des Bauprojekts zuständig. Wir haben vor, einen großen Architektenwettbewerb auszuschreiben, mit hoffentlich internationaler Beteiligung. Das wird für Karlsruhe sicherlich ein Meilenstein werden, weil es eine Art von Nutzung ist, die es in Europa bislang überhaupt nicht gibt. Ein Haus, mit einer ungewöhnlichen Thematik, in dem Fragen von Recht und Gerechtigkeit präsentiert und erörtert werden. Ich hoffe da sehr auf ein neues Aushängeschild für Architektur in Karlsruhe.

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