Die Mauer ist weg - aber nur fast

Die Mauer ist weg - aber nur fast

Von Gunther Hartwig

Ein Dorf am Rande der Großstadt. Kopfsteinpflaster, die evangelische Barock-Kirche mitten im Ort, nebenan die Feuerwehr, der Alte Dorfkrug gegenüber, ringsherum schmucke Häuser, aufgeräumte Gärten und florierende Höfe. Vom Dorfanger mit der "Kaiser- und Friedens-Eiche" führt ein Fußweg gleich ins Grüne - Moorwiesen, Äcker, Wälder, Tümpel, Schilf. Nach ein paar hundert Metern ein unauffälliges Schild, grau-weiß: "Berliner Mauerweg". Radfahrer, die es übersehen haben, schauen sich suchend um: "Hier soll es doch gewesen sein!" Auswärtige Spaziergänger fragen unsicher nach: "Und das war mal der Todesstreifen?"

Ja, wirklich, in Lübars, dem ältesten Dorf Berlins, endete 10 316 Tage lang die westliche Welt. Der ländliche Flecken im Norden der Hauptstadt, Ortsteil des Bezirks Reinickendorf, lag an der Grenze zur DDR, bewaffnet bewacht, unüberwindbar. Heute, drei Jahrzehnte nach dem Mauerfall, fällt es zunehmend schwer, in dieser Idylle noch Zeugnisse der ehemaligen Demarkationslinie zu finden. Kein Zaun mehr, die Betonblöcke beseitigt, der Sperrgraben überwuchert. Die Natur hat sich den zuvor kahlen Abschnitt zurückgeholt, vermintes Gelände ist zum Naherholungsgebiet geworden.

In Berlin-Mitte der pure Kontrast. Am Checkpoint Charlie, dem "Ground Zero des Kalten Krieges" (Daniel Libeskind), steppt der Bär. Fliegende Händler, Imbissbuden, Hütchenspieler - der einstige Grenzübergang für Ausländer, Alliierte und Diplomaten ist zum Rummelplatz verkommen. Die Touristen stört das nicht. Zur Disney-World der deutschen Geschichte gehören ein Museum samt Devotionalienshop, das kreisrunde Mauer-Panorama des Künstlers Asisi, eine multimediale Blackbox ("The Wall") und eine virtuelle 3-D-Zeitreise ins zweigeteilte Berlin, alles in privater Hand.

Große Infotafeln und Riesenfotos künden von der fiebrigen Historie dieser legendären Kreuzung. Ende Oktober 1961 standen sich hier, am kürzeren Ende der Friedrichstraße, amerikanische und russische Panzer gefechtsbereit gegenüber. Nur ein Funke trennte die feindlichen Blöcke vom Dritten Weltkrieg. Doch heute suchen die Menschen aus aller Welt an diesem schillernden Schauplatz weniger den Nervenkitzel als einen flüchtigen Schnappschuss mit kostümierten Soldaten am nachgebauten Wachhäuschen der US-Army - zwei Euro kostet der Spaß pro Bild.

Lübars, das versteckte Grenznest, und Checkpoint Charlie, der laute Hotspot, sind die beiden Extreme auf dem 156,4 Kilometer langen Erinnerungsring rund um die Westhälfte der Stadt. Seit 2006 ist der Mauerweg für Radler und Skater befahrbar, meist dient der einstige Kolonnenweg der DDR-Grenztruppen als Route. Mahnmale, Gedenksteine und Stelen säumen die Strecke, von den ehedem 302 Wachtürmen sind nur noch vier als museale Zwischenstopps erhalten geblieben. Für die 138 Todesopfer, die bei Fluchtversuchen an der innerstädtischen Mauer starben, wurden Tafeln aufgestellt, einige davon oft dicht umlagert am Reichstagsufer. Erst am 3. April 1989 hob SED-Chef Erich Honecker den Schießbefehl auf.

Im Stadtzentrum hält eine Doppelreihe von Pflastersteinen mit Metallplatten im Boden die Erinnerung wach an jenes menschenverachtende Bollwerk des Kommunismus, das dessen oberster Architekt Walter Ulbricht bei Gründung so zynisch als "antifaschistischen Schutzwall" bezeichnete und von dem Erich Honecker noch Anfang 1989 tönte: "Die Mauer wird in 50 und auch in 100 Jahren noch bestehen bleiben." Ein halbes Jahr später begann nicht nur das schmähliche Ende der Ära Honecker - auch dessen Prognose über die scheinbar unbegrenzte Lebensdauer des "Bauwerks der Schande" sollte buchstäblich zerbröseln.

Das Finale der DDR wurde unwiderruflich eingeläutet am Abend des 9. November 1989. Kaum hatte SED-Politbüromitglied und Regierungssprecher Günter Schabowski den internationalen Medienvertretern auf einer turbulenten Pressekonferenz die neuen Ausreisebestimmungen verkündet ("Das tritt, nach meiner Kenntnis ist das sofort, unverzüglich."), überschlugen sich die Ereignisse. Die Ticker liefen heiß, Nachrichtenagenturen und Radiostationen meldeten kurz nach 19 Uhr die Sensation: "DDR öffnet Grenzen." Spätestens nach den Abendsendungen von ARD und ZDF gab es auch für die Ost-Berliner kein Halten mehr. Vor dem Schlagbaum am Kontrollpunkt Bornholmer Straße bildeten sich Menschentrauben, später stauten sich Hunderte von Trabis auf ihrer Jungfernfahrt von Prenzlauer Berg nach Wedding.

Hier, auf der "Bösebrücke" an der Nahtstelle von Ost und West, brachen zuerst die Dämme, völlig überforderte Grenzposten gaben um 23.30 Uhr endgültig ihren Widerstand gegen die andrängenden Massen auf: "Wir fluten jetzt!" Im Lagezentrum der West-Berliner Polizei hieß es knapp: "Übergang Bornholmer Straße praktisch offen. Von Ost nach West Menschenstrom ,wie die Ameisen'. Grenzer haben sich zurückgezogen." Die Nacht, in der das Wort "Wahnsinn" zur befreienden Parole wurde, hat die "Bösebrücke" zu einem herausragenden Symbol des Mauerfalls gemacht, zur zentralen Schleuse in die Freiheit. Und heute?

Zehntausende von Kraftfahrzeugen ergießen sich auf dieser Magistrale der Vereinigung jeden Tag in beide Richtungen. Auf der einen Seite, der West-Ost-Passage, steht einsam eine Eisenstele ("Berliner Mauer"), gegenüber ein längeres Stück jener Mauer, die drei Jahrzehnte zuvor genau an dieser Stelle plötzlich durchlässig geworden war. Wer sein Auto kurz vor der Brücke parkt oder gleich als Fußgänger kommt, erblickt nicht nur das Schild: "Platz des 9. November 1989", sondern auch eine Bronzeplatte mit der Aufschrift: "An der Brücke Bornholmer Straße öffnete sich in der Nacht vom 9. zum 10. November 1989 erstmals seit dem 13. August 1961 die Mauer. Die Berliner kamen wieder zusammen." Dazu ein Willy-Brandt-Zitat: "Berlin wird leben und die Mauer wird fallen."

Auch am berühmtesten Wahrzeichen Berlins, dem Brandenburger Tor, tanzten in der denkwürdigen Novembernacht die Menschen freudetrunken auf der breiten Mauerkrone - unter den Blicken entgeisterter Volkspolizisten. Aber erst 48 Stunden vor Heiligabend 1989 wurde dieses geschichtsträchtige Monument von DDR-Ministerpräsident Hans Modrow und Bundeskanzler Helmut Kohl gemeinsam "geöffnet" und dann allmählich von den auf der Westseite des Tores verankerten Betonsegmenten befreit. In diesem aufwühlenden Augenblick verschwendete wohl niemand auch nur einen Gedanken daran, wenigstens ein Stück der monströsen Grenze im Originalzustand zu erhalten, als Denk- und Mahnmal für jene Generationen, die nach 1989/90 geboren werden sollten.

Tatsächlich leisteten Bulldozer und "Mauerspechte" nach der Wende ganze Arbeit. Heute verharren nur noch Bruchstücke der Grenzbefestigung an ihrem authentischen Platz, Einzelteile der 3,60 Meter hohen Betonbarrieren wurden als Souvenir in alle Welt verfrachtet, lagern auf Deponien oder wurden recycelt. Das längste erhaltene Mauerstück ist zugleich das attraktivste - die "East Side Gallery" am Spreeufer zwischen Ostbahnhof und Oberbaumbrücke, 1 300 Meter lang, 101 verschiedene Bildmotive, von Künstlern aus aller Welt bemalt, inzwischen mehrfach restauriert, mit einem chemischen Spezialfilm versehen, um die Farben vor Witterung und ungebetenen Graffiti zu schützen.

Diese Freiluftgalerie zieht die Touristen seit Jahren ebenso magisch an wie andere Merkposten der innerdeutschen Spaltung - der Mauerpark, Ben Wargins "Parlament der Bäume", der Potsdamer Platz, die Glienicker Brücke am Wannsee, Kulisse des Agentenaustauschs zwischen Ost und West, der "Tränenpalast" am Bahnhof Friedrichstraße, der seinen Namen den rührseligen Szenen bei der Ausreise aus der DDR verdankt. Und natürlich die Gedenkstätte an der Bernauer Straße mit einem 200 Meter langen Stück erhaltener Mauer, inklusive Dokumentationszentrum, Trümmerresten gesprengter Wohnhäuser auf dem Todesstreifen und rekonstruierten Fluchttunneln.

Nur wer die Geschichte kennt, weiß auch Geschichten darüber zu erzählen. Wie der Landwirt Christian Qualitz aus Alt-Lübars. Dessen Vater dauerte es damals zu lange, ehe auch hier die Betonblöcke der vormaligen DDR-Staatsgrenze endgültig beseitigt wurden. Also schritt Bauer Qualitz am 16. Juni 1990 zur Selbsthilfe, fuhr mit seinem Sohn auf dem eigenen Traktor an die Mauer heran und bugsierte die verbliebenen Teile in den Panzergraben - die diensthabenden Grenzposten schauten verlegen zur Seite. Auch 30 Jahre danach ist der Qualitz-Trecker, ein MB-Trac, der längst nicht mehr produziert wird, noch immer im landwirtschaftlichen Einsatz, als etwas anderes Symbol der friedlichen Revolution.

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