Wie Häuser zu smarten Kleinstkraftwerken werden

Wie Häuser zu smarten Kleinstkraftwerken werden

Von Volker Neuwald

Karlsruhe - Eigentlich ist es logisch: Gebäude, die heute errichtet werden, stehen normalerweise auch noch in 50, 60 oder 70 Jahren. Sie sollten also bereits beim Bau künftig geltenden Gebäudestandards gerecht werden, um aufwendige Sanierungen nach einigen zu vermeiden - Stichwort CO 2 -Neutralität. Doch wie sehr haben Kommunen und Bauträger diese Denkweise schon verinnerlicht?

Als eine Art "Generationenvertrag für die Gebäudesubstanz" beschreibt Diplom-Ingenieurin Michaela Schorpp die Herausforderung. Neue Gebäude seien so zu planen, dass sie die CO 2 -Emissionen der Altbauten neutralisieren - rein rechnerisch natürlich. "Die Jungen tragen und versorgen die Alten mit", wie bei einem Generationenvertrag, schreibt die Baden-Badenerin in der Mitgliederzeitschrift "Grüne Blätter" (2/2019). Schorpp ist Expertin für Klimaschutz- und Wirtschaftspolitik im Kreisverband Rastatt/Baden-Baden der Grünen.

Beim Regionalverband Mittlerer Oberrhein (RVMO) steht "klimaneutrales Bauen" schon längere Zeit auf der Agenda. "Vor allem im vergangenen Jahr ist viel passiert, das Bewusstsein wächst", lobt Verbandsdirektor Gerd Hager die Entscheidungsträger auf kommunaler Ebene. Früher sei er auf "ungläubiges Erstaunen" gestoßen, wenn er das Thema angesprochen habe. Heute machen sich die meisten Kommunen Gedanken.

Keine Quartiere

"von der Stange"

Das hängt natürlich auch damit zusammen, dass die gesetzlichen Vorschriften Schritt für Schritt verschärft und zugleich Ziele vorgegeben werden. So soll Deutschland mit der "Energieeffizienzstrategie Gebäude" bis 2050 einen nahezu klimaneutralen Gebäudebestand verwirklichen. "2050 ist bald", meint Hager trocken.

Nach Angaben von Michaela Schorpp entstehen mehr als 30 Prozent der CO 2 -Emissionen rund ums Haus, etwa beim Bauen und beim Heizen, über Warmwasser und Strom. Klimaneutralität sei gut, noch besser sei aber: Mehr erneuerbare Energie erzeugen als selbst verbraucht wird. "Plus Energie" heißt das im Fachjargon.

"Rund ein Drittel, in Privathaushalten sogar die Hälfte unseres Energiebedarfs, verwenden wir heute für Heizung und Warmwassererzeugung", heißt es in einem Leitfaden des hessischen Wirtschaftsministeriums. Vieles davon lasse sich einsparen, ohne an Komfort einzubüßen. "Mehr noch: Heute ist es technisch möglich, dass Gebäude Energie produzieren und als Plus-Energie-Häuser zum smarten Kleinstkraftwerk werden." Noch ist so eine Plus-Energie-Siedlung aber nicht "von der Stange" zu haben. Die Kommunen als Träger der Bauleitplanung sind gefragt, mit Pilotprojekten voranzugehen.

Dem pflichtet auch Hager bei: Entscheidungen dieser Tragweite könne man nicht einzelnen Bauherrn überlassen, das klappe nur mit Quartierkonzepten. "Wenn jeder eine Wärmepumpe vors Haus stellt, die dann dort vor sich hinbrummt, wird das nicht ausreichen", ist sich Hager sicher. Schorpp ergänzt: "Da die erzeugte Energie nicht immer genau dann anfällt, wenn sie benötigt wird, kommen Speicher zum Einsatz. Sie steuern die Energie verbrauchsgerecht." Das ist wirtschaftlicher und schafft Synergieeffekte.

Bereits bei der Planung muss das alles mitbedacht werden. Zu klären sind Potenziale für Solarenergie, Kleinwindkraft oder Geothermie, Selbstversorgungsgrad, Speicherkapazitäten und die Wirtschaftlichkeit des Gesamtkonzepts. Festschreibungen des Plus-Energie-Standards müssen im Bebauungsplan, in städtebaulichen Verträgen und in Kaufverträgen erfolgen. Energiegenossenschaften kommen als Betreibermodell in Frage. Hager betont, dass Einigkeit im Quartier bestehen müsse. "Nicht jeder für sich, sondern alle miteinander. Aber man muss sich halt verstehen im Quartier, das kann manchmal anstrengend sein." Vor allem auch, weil es tragfähige Lösungen für den ruhenden Verkehr geben muss - der idealerweise unter die Erde verbannt wird.

Ländlicher Raum kann Vorzüge ausspielen

"Ein Neubaugebiet als Plus-Energie-Siedlung zu konzipieren ist wesentlich günstiger, als ein bestehendes Quartier im Nachhinein umzurüsten", heißt es im hessischen Leitfaden. Der ländliche Raum kann seine Vorzüge ausspielen: Dort steht mehr Dachfläche für Solaranlagen und mehr Gartenfläche für oberflächennahe Geothermie zur Verfügung.

Michaela Schorpp berichtet von sehr großer Resonanz auf den Text in der Mitgliederzeitschrift. Grüne Kommunalpolitiker hätten bei aktuellen Bebauungsplanverfahren erfolgreich den Energie-Plus-Standard gefordert und dafür fraktionsübergreifend Mehrheiten erhalten.

Die Kommunalpolitische Vereinigung der Grünen und Alternativen Räte (GAR) in Baden-Württemberg plant im kommenden Jahr Schulungs- und Qualifizierungsveranstaltungen zum Thema.

zurück
1