"Klima-Debatte" junger Filmemacher

'Klima-Debatte' junger Filmemacher

Von Christiane Lenhardt

Heftiges Hintergrundrauschen beim Branchentreff der öffentlich-rechtlichen Sender (ARD, ZDF, ORF, Schweizer Fernsehen) in Baden-Baden: Die Fernsehschaffenden haben am Ende des Fernsehfilm-Festivals mehr Mut zur Innovation von den Sendern gefordert - doch eher Bewährtes ausgezeichnet. Bis auf Doppelsiegerin Julia von Heinz hat das Festival von den Preisgekrönten aber Absagen bekommen, nahmen Redakteure und Produzenten die Preise entgegen.

Den Fernsehfilmpreis der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste vergab die Jury um Christiane von Wahlert an den Schwarzwald-"Tatort - für immer und dich" (SWR) von Regisseurin Julia von Heinz - die bei dieser Gala im Kurhaus gleich zwei Glasrauten in Händen hielt; noch den Hans-Abich-Preis, den Ehrenpreis des Festivals, bekam.

Die 3sat-Zuschauer zeichneten das Drama "Stumme Schreie" (ZDF, Ziegler-Film) über eine Kindesmisshandlung aus. Den Sonderpreis der Jury für schauspielerische Leistungen holte der Österreicher Karl Markovics mit dem historischen Film "Das Wunder von Wörgl" (ORF), einen Sonderpreis für herausragende künstlerische Leistungen bekam Regisseur Dietrich Brüggemann für den "Tatort - Murot und das Murmeltier" (HR) zuerkannt, ein Versuch die "Tatort"-Ermittlungsroutine, frei nach dem sprichwörtlich gewordenen US-Film ("Täglich grüßt das Murmeltier"), zu durchbrechen. Drei "Tatorte" waren unter den zwölf Wettbewerbsfilmen.

Auch der Studierendenpreis ging an "Murot" über den "in Zeitraffer gefangenen Kommissar als Metapher für die Routine" - der 1 083. Ausgabe des "Tatorts" sei es gelungen, eine mitreißende Seherfahrung zu liefern, mit Tiefgang ohne pädagogische Überdeutlichkeit generationenübergreifend Zielgruppen anzusprechen und Hoffnungen für das Fernsehen von morgen zu geben, wie das Jurorenteam aus Filmhochschulen in Ludwigsburg, München und Babelsberg betonte; es verband seine Prämierung aber auch mit einer Manöverkritik am Klima einer Überheblichkeit - regte damit eine "Klima-Debatte" der ganz anderen Art über den Umgang der Fernsehverantwortlichen mit der jüngeren Generation an; sogar beim Festival hätte man nach Diskussionsbeiträgen gehört: "schlicht zu jung zu sein, um zu verstehen, worum es gerade ginge." Eine Einstellung, "die wir uns als Kunstschaffende und auch als Gesellschaft nicht leisten können", kritisierten die Studierenden, "dieses Klima darf die deutsche Fernsehlandschaft nicht prägen, wenn sie eine Zukunft haben will".

Für Experimente am Mittwoch-Filmabend

Abich-Preisträgerin Julia von Heinz hat in ihrer Dankesrede ("es geht ja um innovatives Fernsehschaffen bei dem Preis - und ich nehme es als Ansporn") die öffentlich-rechtlichen Sender als Errungenschaft der Demokratie gelobt und die Fernsehschaffenden als engagierte Förderer der jungen Filmemacher hervorgehoben, aber: "Manchmal könnte man meinen, sie verstecken das spannende und preisträchtige Programm zu nächtlicher Stunde, denn es passt oftmals nicht ins Programmschema und gefährdet die Quote", kritisierte sie die Sender, in denen immer noch "überwiegend weiße Männer zwischen 40 und 60" entscheidend seien.

Die in Ruhestand gegangene HR-Fernsehspielchefin Liane Jessen ("Murot-Tatort") und Abich-Preisträgerin von 2014, pflichtete ihr bei: "Schaffen Sie die Quote am Mittwochabend in der ARD ab", rief sie den Fernsehmachern entgegen. Viele Appelle gab es, außergewöhnliche Stoffe und filmische Experimente durch bessere Sendeplätze zu fördern, damit sie von einem breiteren Publikum gesehen werden und auch ein neues generieren könnten.

Insofern kam dem zum 20. Mal vergebenen MFG-Star der baden-württembergischen Filmförderung, für den diesmal nur Nachwuchsregisseurinnen nominiert waren, in mehrerer Hinsicht eine Schüsselfunktion zu. Der Preis ging an Nora Fingscheidts Debütfilm "Systemsprenger", der seit der Berlinale auf etlichen Festivals ausgezeichnet wurde. Jurorin Hermine Huntgeburth urteilte: "Ich habe einen großen Film gesehen - mit einer starken künstlerischen, menschlichen Handschrift." Das Drama um die neunjährige Benni, ein immer wieder abgewiesenes, verhaltensauffälliges Kind, das mit seiner Wut Pädagogen an seine Grenzen bringt, ist deutscher Oscar-Kandidat. Nach Baden-Baden konnte die Regisseurin nicht kommen, sie sei in den USA unterwegs, hieß es. Mit dem MFG-Star verbunden ist ein sechswöchiger Aufenthalt in der Feuchtwanger-Villa Aurora in Pacific Palisades, Los Angeles.

Akademiepräsident Hans-Jürgen Drescher schließlich bezeichnete den MFG-Star als bedeutende Fördermaßnahme des jungen Films, beschwor dabei gar den Geist von Woodstock, um die Sender aufzufordern, an der Erneuerung und Zukunftssicherung des Genres Fernsehfilm weiterzuarbeiten. Mut, visionäres Denken und Lust am künstlerischen Experimentieren seien Voraussetzungen für den zeitgenössischen Fernsehfilm. Nicht zuletzt, um die Jugend von den Serien der Streamingdienste weg auch mal zum Fernsehen zu lotsen.

Beim Schulprojekt von Festival und 3sat, an dem das Badische Tagblatt und die Bürgerstiftung Baden-Baden beteiligt sind, werden immerhin seit Jahren Schüler als Filmkritiker für den Fernsehfilm "sensibilisiert": Das soll weiter gehen, so der Akademiepräsident.

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