Pfiffig und unpathetisch

Pfiffig und unpathetisch

Von Karl Georg Berg

Es müssen nicht immer Bachs Weihnachtsoratorium oder Händels "Messiah" musikalisch vor dem Christfest sein. Auch im Festspielhaus Baden-Baden haben neben regelmäßigen Aufführungen der großen "Weihnachts-Klassiker" auch ungewöhnliche Programme im Advent ihre Tradition. In dieser stand nun auch der Auftritt des Tenors Daniel Behle mit der Berliner Lautten Compagney unter Wolfgang Katschner. Musik von Bach kam am Nikolausabend gar nicht vor, aus dem "Messiah" gab es als eines der instrumentalen Intermezzi die Pifa, die Hirtenmusik aus dem ersten Teil.

"Von Engeln und Hirten" stand über dem ausgesprochen interessant und ansprechend konzipierten Programm, das neben einigen bekannten deutschen Advents- und Weihnachtsliedern vor allem bei uns kaum gängige aus Spanien, Katalonien, Frankreich, Dänemark, England und den USA brachte. In denen war dann in der Tat vor allem von den Engeln und den Hirten auf dem Feld bei Bethlehem die Rede. Eingewoben waren allerhand Instrumentalwerke aus Renaissance und Barock, die im bewährten Stil der Lautten Compagney in effektvoller Einrichtung mit speziellem Percussions-Anteil vorgetragen wurden.

Das Berliner Ensemble gehört zu den innovativsten Musikgruppen im Bereich der Alten Musik - und geht in seiner Arbeit immer wieder weit darüber hinaus. So wurden von der Lautten Compagney schon erfolgreich barocke Musik mit minimalistischer von Phil Glass kombiniert - und bei dem gerade mit einem Opus Klassik ausgezeichneten Konzert- und CD-Projekt "War & Peace 1648:1918" steht neben Musik aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges solche aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Das Weihnachtskonzert mit Daniel Behle war ebenfalls kein reines Alte-Musik-Programm. Die Lieder zum Advent und zur Weihnacht waren teilweise aus späteren, romantischen Zeiten - und die Arrangements des Schweizer Cellisten und Komponisten Bo Wiget setzten die historischen Instrumente durchaus unüblich ein. Allein die Mischung mit Streichern, Posaune, Dulzian (ein Fagott-Vorgänger), Zink und Blockflöte, dazu die Generalbassgruppe und das schon erwähnte Schlagwerk, war ausgesprochen bunt und erlaubte ein farbenreiches Klangbild. Besonders "O Heiland, reiß die Himmel auf" am Beginn des zweiten Teils deutete die bildstarke Poesie sehr plastisch und über alle Stilgrenzen hinaus aus.

Entsprechend reizvoll und spannend war die Erwartung auf jedes neue Stück des Abends, denn immer gab es Überraschungen und unvorhersehbare Lösungen. Eine feste Größe war natürlich der sehr kultivierte, immer klare und lineare sowie absolut unpathetische Gesang von Daniel Behle. Der viel gefragte Tenor, der im Festspielhaus schon einen grandiosen Loge in Wagners "Rheingold" sang, in Bayreuth derzeit David und Walther von der Vogelweide ist und vor Kurzem in Dortmund als Lohengrin debütierte, den er gestern Abend wieder sang, steht am Übergang zu neuen Partien. Der Wohlklang seiner Stimme und sein Stilgefühl sind, wie sein jüngster Auftritt in Baden-Baden zeigte, davon unberührt.

Behle gab den mal stimmungsvollen, mal tänzerisch-pfiffigen Weihnachtsliedern aus Europa eine reizvolle Gestalt. Zusammen mit den originellen Versionen der Lautten Compagney sorgte das für eine animierende musikalische Vorfreude aufs Fest.

Apart waren auch die Instrumentalstücke, bei denen - wie in vielen Liedern - das tänzerische Element prägend war. Die Modelle der Ciaconna und Passacaglia waren dabei bestimmend. Das von Wolfgang Katschner an der Laute angeführte Ensemble spielte einmal mehr mit Feuer und Elan - und auch diesmal hatte der Percussionist Peter A. Bauer seinen großen Solo-Auftritt. Und wie meist fehlte dabei der exponierte Einsatz der Maultrommel nicht.

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