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Der fliegende Doktor und das liebe Vieh
Steffen Kappelmann fliegt mit dem Gyrokopter zum Hausbesuch. Foto: Frank Herzog
04.11.2017 - 00:00 Uhr
Von Jürgen Schelling

Sachsenheim - Bevor sich Steffen Kappelmann in Sachsenheim nahe Stuttgart auf den Weg zum Einsatz als Veterinär macht, checkt er noch rasch den Ölstand des Triebwerks. Anschließend zieht er einen Helm auf und schwingt sich auf den Sitz. Seine Arzttasche verstaut er auf dem Platz hinter sich. Ab diesem Moment wird es ungewöhnlich. Denn jetzt startet er den Vierzylinder. Dieser treibt aber kein Motorrad an, sondern einen Propeller: Kappelmann macht sich mit einem modernen Tragschrauber auf den Weg.

Diese Drehflügler, auch Gyrokopter genannt, sind so etwas wie fliegende Cabrios. Allerdings wird der Rotor beim Tragschrauber anders als beim Hubschrauber nicht vom Motor angetrieben, sondern durch den Fahrtwind. Um dies zu ermöglichen, sitzt ein etwa 80 bis 100 PS starkes Triebwerk mit einem Druckpropeller in der Maschine, der für die nötige Vorwärtsgeschwindigkeit sorgt. Es gibt auch keine Verstellung der Rotorblätter im Flug wie beim Heli. Deshalb kann ein Gyrokopter nicht senkrecht starten und landen.

Tragschrauber haben seit ihrer offiziellen Zulassung in Deutschland 2003 eine unglaubliche Verbreitung erfahren. Die Gründe dafür sind vielfältig. So gehören sie in die Kategorie der Ultraleichtflugzeuge. Für diese ist eine Pilotenlizenz relativ preiswert und rasch zu erlangen. Die Motoren der Drehflügler verwenden Autobenzin anstelle des teuren Flugzeugsprits Avgas und brauchen nur etwa 18 Liter in der Stunde. Es gibt sie mit offenem oder geschlossenen Cockpit, als Ein- und Doppelsitzer. Am wichtigsten ist aber für viele, dass Tragschrauber relativ einfach zu steuern sind und auf extrem kurzen Pisten meist unter 70 Meter starten oder landen können.

Die Nachteile? Ein Gyrokopter darf in Deutschland nur maximal zweisitzig sein. Er fliegt langsam und ist beim Anrollen zum Start windanfällig. Anders als alle anderen ultraleichten Fluggeräte hat er kein Rettungssystem eingebaut, mit dem der Pilot im Notfall einen Fallschirm ausschießen könnte. Der Tragschrauber kann zwar nicht wie ein Flugzeug einen Strömungsabriss erleiden, wenn er langsam fliegt, aber er kann dennoch abstürzen. Etwa, wenn der Pilot die Betriebsgrenzen überschreitet und daraufhin der Rotor zu langsam dreht oder die Struktur der Maschine kollabiert, wie einige tödlich verlaufene Unfälle belegen.

Zeitvorteil auf dem Luftweg

Steffen Kappelmann nutzt sein ungewöhnliches Fluggerät als Arbeitsmittel. Er darf als Tierarzt im Dienst mit einer Sondererlaubnis auf insgesamt 27 Anwesen in der Region Stuttgart bei Landwirten landen, die Kunden bei ihm sind und Kühe halten. Jeden Hof darf er aber nur ganz wenige Male im Jahr anfliegen, außer bei Notfällen. Natürlich muss er sich ebenso wie alle anderen Piloten im Luftverkehr an feste Regeln halten.

So hat er ein Funkgerät an Bord, um bei besonderen Lufträumen wie etwa dem An- und Abflugbereich des Flughafens Stuttgart eine Genehmigung vom Lotsen zum Durchfliegen einholen zu können. Ebenso ist seine zweisitzige Maschine vom Typ MTO-Sport mit einem Transponder ausgerüstet, der ihn auf dem Radarschirm der Flugsicherung sichtbar macht. Vorgeschriebene Mindesthöhen hat er ebenso einzuhalten.

Bevor Kappelmann die Ausnahmebewilligung erhielt, wurde bei jedem der vorgesehenen 30 landwirtschaftlichen Betriebe überprüft, ob er dort anfliegen, aufsetzen und wieder abheben kann, ohne sich und andere zu gefährden. Nur bei drei Höfen klappte es nicht, weil dort entweder Hochspannungsmasten stehen oder die Autobahn zu dicht vorbeiführt. Zudem musste der Tierarzt von jedem Hofbesitzer eine Eigentümererklärung besorgen, um die Sondererlaubnis zu bekommen. Sie ist immer für ein Jahr gültig.

Für die von Kappelmann praktizierte Form der Fliegerei ist ein Gyrokopter optimal. Bereits 50 Meter Feldweg oder Wiese reichen ihm zum Starten. Noch viel kürzer ist die benötigte Strecke zum Landen, meist sind es unter zehn Meter. Sein Zeitvorteil auf dem Luftweg mit etwa 120 km/h Geschwindigkeit gegenüber der oft überfüllten Straße ist der Hauptgrund für den Tierarzt, um in den Tragschrauber zu klettern. Denn im Auto stehe er in der Metropolregion Stuttgart so häufig im Stau, dass er schon zu spät gekommen sei, um etwa bei einer trächtigen Kuh mit Komplikationen das Kälbchen zu retten.

Das ist seit dem Kauf des eigenen Gyrokopters anders. Das gebrauchte Fluggerät mit einem 100-PS-Boxermotor hat rund 40000 Euro gekostet und amortisiert sich dadurch, dass für Steffen Kappelmann nun mehr Tierarzt-Termine pro Arbeitstag in dem einige tausend Quadratkilometer großen Einsatzgebiet möglich sind. Zudem ist er in Notfällen schneller bei seinen vierbeinigen Patienten. Der nur 270 Kilogramm schwere Tragschrauber steht einsatzbereit auf einem Autoanhänger vor der Tierarztpraxis. Von dort geht's zum befreundeten Bauern im Nachbarort. Auf dessen Feldweg wird gestartet.

Die Landwirte haben sich daran gewöhnt, dass er manchmal vom Himmel kommt, um nach dem Vieh zu schauen. Anfangs, so erzählt Kappelmann, hätten es die Bauern noch für einen Scherz gehalten, wenn er am Telefon gesagt habe: "Heute komm' ich aus der Luft." Als er dann tatsächlich am Himmel auftauchte und zur Landung ansetzte, seien alle Familienmitglieder zusammengelaufen, um zuzuschauen. Mittlerweile ist sein Starten und Landen für die Landwirte nahezu Normalität. Sie finden vor allem gut, dass der Tierarzt im Notfall so rascher bei ihnen sein kann.

Auch der fliegende Doktor freut sich, dass er die Kühe auf den Höfen unkompliziert erreichen und termintreuer behandeln kann - zumindest, solange das Flugwetter auf seiner Seite ist. Denn bei Nebel, zu tiefer Wolkenuntergrenze oder auch bei Minustemperaturen im offenen Cockpit ist Gyrofliegen für ihn tabu. Dann kommt er mit dem Auto.

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