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Noch ein letzter Witz unter Tränen
Zhi Le Xu und Blythe Newman tanzen das tragischste Liebespaar der Theatergeschichte am Badischen Staatstheater Karlsruhe innig, keck und recht modern. Foto: Jochen Klenk
20.11.2017 - 00:00 Uhr
Von Christiane Lenhardt

Es ist eine der innigsten und psychologisch feinsinnigsten Bühnenversionen der legendären Liebesgeschichte in einem berückenden Kulissenzauber - viel Humor und Degengefechte inbegriffen: Dem Badischen Staatsballett ist mit Kenneth MacMillans Choreografie "Romeo und Julia" von 1965 - neu einstudiert im Bühnenbild und den Kostümen des jung gestorbenen englischen Designers Paul Andrews - ein großer Ballettabend gelungen. Andrews' opulente, farbenfrohe Renaissance-Kulisse Veronas, quasi an Shakespeares Originalschauplatz, entstand 1992 im Todesjahr MacMillans.

Damit huldigt die von Birgit Keil geleitete Karlsruher Compagnie dem britischen Meisterchoreografen Kenneth MacMillan, dessen 25. Todestag sich vor wenigen Tagen jährte. Ein Ballettschöpfer, mit dem die einstige große deutsche Primaballerina selbst beim Stuttgarter Ballett zusammenarbeitete. Vor MacMillans Version schuf der Stuttgarter Compagnie-Gründer John Cranko (1962) eine lebensnahe Interpretation des klassischen Prokofjew-Balletts von "Romeo und Julia" - Crankos Anspielungen auf die Absurditäten des Lebens und die Komik hinter der Tragik, so scheint's, sind in MacMillans Liebestragödie in Karlsruhe eingeflossen. Dazu hat dessen Witwe, Lady Deborah MacMillan, das Lichtdesign entworfen, zwischen dem warmen, strahlenden Süden auf der Piazza und kühlen dunklen Interieurs.

2006 stand MacMillans anspruchsvolles "Romeo und Julia"-Ballett schon einmal auf dem Spielplan des Badischen Staatstheaters. Jetzt gibt es etliche Rollendebüts für die behänden, auch darstellerisch brillanten Staatsballett-Tänzer.

Als würden nachts im Museum die monumentalen Renaissance-Gemälde lebendig, entsprängen ihnen die Figuren übermütig ins Hier und Jetzt - steht mit Zhi Le Xu und Blythe Newman ein recht modern agierendes Liebespaar im Großen Haus des Staatstheaters zwischen den Säulenarkaden der italienischen Palazzi. Sie scheinen sich selbst zu genügen, werfen sich unbekümmert in das Abenteuer der Liebe, mit Herz und jugendlicher Keckheit. Veronas Piazza wird beherrscht von einer Horde exzellent fechtender junger Wilder, die von klirrend klingenden Geigen der Badischen Staatskapelle unter der Leitung des Karlsruher Dirigenten Johannes Willig begleitet werden, als kämpften auch die Musiker im Graben den Kampf ihres Lebens. Zwischen diesen Polen - der Innerlichkeit und permanenter Kampfbereitschaft der verfeindeten Capulet- und Montague-Clans - funktioniert das Ballett als ein Spiegel menschlicher Zerbrechlichkeit und Getriebenheit.

Blythe Newman gelingt als zauberhafte Julia eine veritable Charakterstudie von kindlicher Keckheit zum widerspenstigen Teenager, der den von den Eltern aufgedrängten Bräutigam Graf Paris (Jason Maison) temperamentvoll in die Flucht schlägt - und unter zitternd aufgebotener Tapferkeit die Liebe zu Romeo bis in die letzte Konsequenz verfolgt. Neben ihr verblasst sogar der sympathische Zhi Le Xu, der mit seinen Freunden die Veroneser Gesellschaft gehörig aufmischt - und sich dabei geradezu mit Lust einen Fight mit den verhassten Capulets liefern. Neben dem wunderbar, zarten Pas de deux der Liebenden in der Balkonszene glänzen auch Romeos Freunde: der quirlige Benvolio (Pablo Octavio) und der provokante Mercutio, getanzt von Juliano Toscano.

Als blitzgescheiter Draufgänger, den Shakespeare als dritten Hauptdarsteller in seiner Tragödie angelegt hat, gelingt dem Brasilianer ein großer finaler Auftritt: wenn Toscano als Mercutio im Duell mit Widersacher Tybalt - Admill Kuyler mit machohafter Bühnenpräsenz - nach einem fast schon scherzhaft gesetzten Degenstich tötlich getroffen wird und das Publikum Veronas nicht weiß, soll es sein Sterben schon beweinen oder noch über den letzten Witz lachen.

Komödie und Tragödie fließen spielerisch mit tänzerischer Eleganz und temperamentvollen Variationen vor allem in den herrlichen Wimmelszenen auf der Piazza Veronas ineinander. Nicht zuletzt sind Bruna Andrade, Harriett Mills und Carolina Martins als drei Dirnen - im Gefolge von Romeos Montague-Gang - so erfrischend frivol und provokant, dass es ein Vergnügen ist.

Übermächtige Leidenschaft und selbstzerstörerische Kraft prägen den Schlussakkord des bekannten Trauerspiels, in dem Romeo in der Gruft der Geliebten noch seinen Widersacher Graf Paris ersticht, bevor er sich selbst richtet. Dunkel, unheimlich, niederschmetternd ist das zu späte Erwachen für die nur betäubte Julia. Den toten Geliebten zu Füßen gewahr werdend nimmt auch sie sich schließlich das Leben mit dem Dolch - und wirft sich mit großer Geste rücklings über ihr eigenes Totenbett, als wäre sie teil einer Schlacht gewesen. Diese Geschichte bleibt unversöhnlich. Der Jubel des Publikums aber ist gewiss.

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