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Jeder Mensch hat seine Würde, selbst wenn er Stuss denkt
12.12.2017 - 00:00 Uhr
Von Nina Setzler

Einmal auf einem Richterstuhl Platz nehmen - auch für Nicht-Juristen bietet sich dazu bei der Sondervorführung des Stückes "Bestätigung" die Möglichkeit. Die mobile Produktion des Badischen Staatstheaters Karlsruhe wurde jetzt auf Einladung von Präsidentin Bettina Limperg im Schellingbau des Bundesgerichtshofs aufgeführt. Wer mit der freien Platzwahl weniger Glück hat, landet auf der Anklagebank des ehemals abhörsicheren und in tristem Grau-Grün gehaltenen Verhandlungssaals, in dem einst Spionageprozesse stattfanden.

Gemütlich zurücklehnen kann sich hier aber auch heute niemand, denn in Sarah Johanna Steinfelders Inszenierung des Ein-Personen-Stücks kommt jeder mal dran: Da müssen Zahlenreihen gebildet und der Name "Anders Behring Breivik" korrekt vorgelesen werden. Aber in dem Stück des britischen Autors und Performers Chris Thorpe geht es ja auch um die Auseinandersetzung mit dem anderen, um die Frage, wie man mit Menschen umgehen soll, die völlig andere Meinungen vertreten als man selbst. Also macht sich die politisch linksgerichtete Hauptfigur auf, um mit dem Betreiber einer rassistischen Website ein Gespräch auf Augenhöhe zu führen.

Er hat nämlich von Phänomenen wie Bestätigungsfehler und Heuristik gelesen, die verhindern, dass wir unsere eigenen Ansichten vorurteilsfrei beurteilen können, weil sie immer eine bereits vorhandene Weltsicht bekräftigen.

"Ich kann nicht außerhalb meines Verstandes stehen", sagt der Protagonist. "Ich als Linker bewerte einen Satz, der eigentlich schlau ist, als dumm, weil er von der anderen politischen Seite kommt." Demokratie verlange aber, Dinge auch aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten. Deshalb kämpft sich Jonathan Bruckmeier leidenschaftlich monologisierend und eindringlich mit den Zuschauern interagierend 75 Minuten lang durch Punk-Songs, Schimpfwörter und ins Wanken geratende Überzeugungen, um auch der anderen Seite Raum für Argumentation zu geben. Das beginnt verblüffend, als die beiden viele Gemeinsamkeiten entdecken, wird aber angesichts von Holocaust-Leugnungen zur mulmigen Gratwanderung: "Glen wirkt nicht gestört - aber er ist ein Nazi."

Der Eklat auf der diesjährigen Frankfurter Buchmesse macht das Stück von 2014 aktuell, es ist in keiner Weise bequem, aber sehr anregend und an vielen Stellen auch humorvoll. Bruckmeier fordert die Zuschauer auf, die Plätze zu tauschen und sich im Raum umzusehen. Perspektivwechsel. "Müssen wir jetzt anfangen, Nazis zu integrieren?", lautet eine Frage der Soundcollage aus den Straßen Karlsruhes, die das Stück beschließt und die anschließende Diskussionsrunde mit Theatermachern und Zuschauern eröffnet. "Ich verspüre mit zunehmendem Alter immer größere Unlust, mich in jedes Weltbild hineinzuversetzen", sagt Staatstheater-Intendant Peter Spuhler. "Muss man nicht einen Nazi als Nazi benennen, um Klarheit zu schaffen?" Juristen im Raum geben zu bedenken, dass das sehr graduell sein könne, man zwischen Rede und Tat unterscheiden müsse und jeder das Recht auf eine eigene Meinung, jedoch nicht auf eigene Tatsachen habe.

Ein Zuschauer sagt, man sollte das Problem, das man mit Andersdenkenden hat, kleinhacken, detailliert betrachten und im Einzelnen überzeugen. "Das unterstütze ich ganz intensiv", sagt BGH-Präsidentin Limperg. "Den Einzelnen erreicht man, indem man mit ihm spricht. Das Grundgesetzt gibt uns vor, dass jeder Mensch seine Würde hat - egal, was für einen Stuss er denkt." Und Jonathan Bruckmeier antwortet seinem Chef: "Du musst dich ja nicht in jeden reinversetzen, aber es ist wichtig, die Ängste des anderen wahrzunehmen und auf sie einzugehen." - Das mobile Theaterstück kommt auf Bestellung zu seinem Publikum.

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