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Informel im Schwarzwald
15.12.2017 - 00:00 Uhr
Von Georg Patzer

Nach 1945 mussten auch die Künstler neu anfangen. Zwölf Jahre lang waren die Modernen unterdrückt worden, ihre Bilder verboten oder verbrannt. Zwölf Jahre lang wussten sie nicht, wie sich die Kunst nach 1933 international weiterentwickelt hat. Das war eine große Last, aber auch eine große Chance, denn jetzt waren sie frei. Frei, neue Formen zu entwickeln, neue Inhalte, neue Techniken. Waren auch befreit vom Zwang der Diktatur. Machten sich nach den düsteren Erfahrungen Gedanken, wie man einen neuen Menschen schaffen kann.

Natürlich schauten deutsche Künstler nach Frankreich, nach Amerika. In Karlsruhe gab es direkt nach dem Krieg die erste Ausstellung mit Bildern des abstrakten Expressionismus: ausdrucksstarke, gestisch hingehauene Bilder, die sich scheinbar nicht um die Tradition kümmerten, sondern mit Wucht Gefühle spontan ausdrückten. Inhaltlich dem deutschen Expressionismus nahe, gingen sie formal neue Wege, nämlich ganz informelle. "Informel" hieß dann auch die neue Kunstrichtung, die Mitte der fünfziger Jahre ihren Höhepunkt hatte.

Zwanzig Jahre später beginnt der Industrielle Dieter Grässlin, der eine Feinwerkfabrik in St. Georgen im Schwarzwald hatte, zusammen mit seiner Frau Anna diese Kunst zu sammeln. Ein Bildhauer aus Rottweil, Erich Hauser, hatte ihn auf die Künstler der Gruppen ZEN 49 in München, Gruppe 53 in Düsseldorf oder Quadriga in Frankfurt hingewiesen, deren Werke damals noch billig waren.

Im hauseigenen Museum werden sie heute allerdings nur selten und nie in größerem Zusammenhang gezeigt. Nach dem Mittelrhein-Museum in Koblenz präsentiert nun die Städtische Galerie Karlsruhe einen kleinen Ausschnitt aus der Sammlung Anna und Dieter Grässlin, ergänzt mit Werken aus der eigenen Sammlung. Denn hier in Karlsruhe hat sich aus der puren Abstraktion die Neue Figuration entwickelt, für die die badische Hauptstadt dann später berühmt wurde, von HAP Grieshaber, der in Karlsruhe kurze Zeit lehrte, bis Horst Antes geht diese Entwicklung.

Im ersten Lichthof der Galerie im ZKM-Gebäude werden großformatige Werke gezeigt: Rupprecht Geiger wurde mit geometrischen Arbeiten bekannt, hier ist unter anderem eine große runde blaue Form zu sehen. Peter Brünings Arbeiten zeigen rhythmisierte Formen, die eine große Bewegtheit suggerieren, sie schweben in einer nebligen Atmosphäre, sind transparent und gleichzeitig präsent. Karl Otto Götz entdeckte für sich die Wisch- und Rakeltechnik, mit der er seine Art von "Action Painting" von der reinen Spontaneität bis zur geplanten, vorher skizzierten Dynamik weiterentwickelte.

Karl Fred Dahmen schuf abstrahierte düsterbraune "Landschaften" von imposanter Kraft und Lebendigkeit, beeinflusst vom Bergkohlenbau seiner Aachener Heimat. Von Bernard Schultze sind nicht nur skulpturale Bilder zu sehen, die weit in den Raum greifen und in die manchmal Pflanzenteile und Textilien eingearbeitet sind, sondern auch eine Skulptur, die mit ihren wilden Tentakeln zu leben scheint.

Kunstentwicklung im Südwesten

In einem Nebenraum sind unter anderem Werke von Carl Buchheister und Gerhard Hoehme zu sehen, der Allen Ginsbergs Skandalgedicht "Howl" von 1955 zum Anlass für eine künstlerische Auseinandersetzung genommen hat: eine musikalisch-malerische Arbeit, die in einer Vitrine ausliegt, das Gedicht ist auch zu hören, von Ginsberg rezitiert.

Den Abschluss der kleinen Schau bilden Werke von Künstlern aus der Sammlung der Städtischen Galerie, die die Entwicklung im deutschen Südwesten geprägt haben: HAP Grieshaber, Georg Meistermann, Hans Baschang, Lothar Quinte oder Herbert Kitzel - sie alle gingen eigene Wege vom Informel, der aber immer ihre Basis blieb. Es ist eine schöne Ausstellung, die leider durch den beschränkten Platz die Entwicklungslinien sowohl der einzelnen Künstler als auch der Kunstgeschichte, die sie angestoßen haben, nur andeuten kann.

Der Katalog (19 Euro) führt da etwas weiter und erzählt auch die Geschichte der Sammlung Grässlin. Die Schau ist bis 11. März 2018 zu sehen; im Begleitprogramm gibt es am 24. Januar, 18 Uhr, ein Gespräch mit der Frankfurter Galeristin Bärbel Grässlin, eine der Töchter des Sammler-Ehepaars. Sie spricht über den "Hang zur Kunst" in ihrer Familie. Ihre Schwester Karola Kraus, einstige Direktorin der Staatlichen Kunsthalle Baden-Baden, ist heute Direktorin des Museums moderner Kunst Stiftung Ludwig in Wien.

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