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Eine Vollendung als Triumph
Blick ins Atrium: An der Wand ein Werk von Anselm Kiefer, rechts die rotierende Uhr von Alicja Kwade. Foto: Mertens
15.12.2017 - 00:00 Uhr
Von Markus Mertens

Genau besehen ist dieser Spätnachmittag am Mannheimer Friedrichsplatz die Vollendung eines Triumphes, der im Jahr 1907 seinen Anfang machte. Die Stadt Mannheim feierte ihr 300-jähriges Jubiläum, der Karlsruher Hermann Billing baute ihr das erste Museum und der Kunsthistoriker Fritz Wichert wurde der Gründungsdirektor eines Hauses der Kunst, das stets jenen besonderen Anspruch an Skulpturen und Malereien legte, die in ihren Hallen gezeigt wurden: von zeitloser Aktualität zu sein. Progressivität und Tradition gaben sich in der Quadratestadt von Beginn an die Hand - und doch gab es das unverkennbare Streben nach Höherem, nach Größe.

Mit gutem Recht erinnert der Oberbürgermeister der Stadt, Peter Kurz, an diesem Tag daran, dass schon vor über einem Jahrhundert Pläne existierten, die den Billing-Bau "nur als Auftakt viel größerer Ideen" begriffen. Allein: Der Erste Weltkrieg machte diese Hoffnungen zunichte. Wenn man so will, ist er nach 1 171 Tagen Bauzeit nun jene 13 000 Quadratmeter große Realität geworden, die offiziell der Bürgerschaft übergeben wird, ohne die es ihn so nie gegeben hätte.

Denn stolze 85 Prozent der bis heute 68,3 Millionen Euro teuren Kunsthalle kamen nicht etwa aus öffentlicher Hand, sondern neben der 50-Millionen-Euro-Großspende des Ehepaars Hans-Werner und Josephine Hector von privaten Geldgebern, die das Modell einer Public Private Partnership mit der Stiftung der Mannheimer Kunsthalle bis zur Perfektion durchdeklinierten. Deshalb muten die Worte von Manfred Fuchs, der sich als Stiftungsratsvorsitzender über die finanzgenaue Einhaltung der Vorgaben stolz zeigt, auch nur auf den ersten Blick nach Selbstlob an. Denn tatsächlich dürften solche Partnerschaften ein Pioniermodell zukünftiger Neubauten sein, wie man es kreativer kaum ausgestalten kann.

"Grand Opening" erst im Juni 2018

Doch in Wahrheit ist die neue Kunsthalle natürlich weit mehr, als die 13 000 Kubikmeter Beton und 2 000 Tonnen Stahl, die das Hamburger Büro Gerkan, Marg und Partner (gmp) zu jenem rechteckigen Prachtwerk voller Licht und atmosphärischer Magie geformt hat. Architekt Nikolaus Goetze betont an diesem Tag noch einmal, dass man "nicht ein zweites Museum wie in Bilbao" habe bauen wollen, "das auch gut auf Kunst verzichten kann, sondern eines, das sich in die Stadt einfügt." Tatsächlich war dieses Kunststück keine Kleinigkeit, ist der umgebende Friedrichplatz doch eine der bekanntesten Jugendstilanlagen Europas und mit dem Wasserturm als Zentrum ein echtes Wahrzeichen. Doch hat das Büro "gmp" seinen Bau mit einer Traufhöhe von 21,5 Metern nicht nur von der Dimension formgerecht an die Umgebung angepasst: Ein bronzefarbenes Edelstahlgewebe, das als Mesh wie ein zarter Vorhang von dem Gebäude herabhängt, leistet dem gegenüberliegenden Rosengarten auch ein prachtvolles Echo. Von innen zart scheinend und von außen mit 102 LED-Strahlern angeleuchtet, verkörpert der Neubau eine Majestät, die trotz allem nie erschlägt. Weil der Hector-Bau eben kein "Kunstkasten" wurde - wie Kritiker das immer wieder artikuliert haben - sondern im Gegensatz zum machtvoll-wuchtigen Mitzlaff-Bau, dem Vorgängerbau, ein Glücksfall organischer Baukunst: mit dem riesigen Tageslichtatrium, das mit 700 Quadratmetern Größe und 21 Metern lichter Höhe ein Zentrum belebter Sanftmut verkörpert. Mit den 13 Kuben, die zwischen 250 und 450 Quadratmetern Raum für verschiedenste Darbietungsformen von Skulpturen und Gemälden bieten werden. Aber auch und vor allem mit der Umarmung zwischen Neuem und Altem, das sich in der direkten Verbindung des Neubaus mit dem historischen Billing-Bau vervollkommnet.

Ohne Zweifel: Wenn sich heute zum ersten Mal für drei Tage die Tore der Kunsthalle öffnen, liegt Direktorin Ulrike Lorenz fast richtig, wenn sie sagt, dass es zunächst "Architektur pur" zu erleben gebe, "die mit Inhalt noch gefüllt werden muss." Doch greift daneben, wer sich über noch nicht fertiggestellte Klima- und Sicherheitstechnik ärgert, die es samt restlicher Kunst erst zum "Grand Opening" im kommenden Juni mit der ersten Jeff-Wall-Ausstellung zu erleben gibt. Denn der Hector-Bau regt uns - gerade, wie er jetzt ist - zu tiefem und ahnungsvollem Nachdenken an.

Ob die junge Künstlerin Alicja Kwade mit ihrer rotierenden Uhr "Die bewegte Leere des Moments" heraufbeschwört, Anselm Kiefer mit seinen riesigen Werken zwischen Leben und Tod Existenzielles erzählt, oder man nach der William-Kentridge-Installation "The Refusal of Time" von der French Terrace das Panorama auf den Wasserturm genießt: Dieses beseelte Gebäude ist zutiefst lebendig. Zeit, dass es auch unser Leben erfüllt.

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