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Das Theater in die Stadt tragen
'Wir bieten eine Vielfalt von Stoffen, ein Repertoire für alle Altersgruppen mit großen Auswahlmöglichkeiten': Theaterintendantin Nicola May.  Foto: Thomas Viering
03.02.2018 - 00:00 Uhr
ie deutsche Theaterlandschaft ist geprägt von festen Schauspielensembles und einem abwechslungsreichen Repertoirebetrieb. Das Baden-Badener Ensemble, das 2018 sein 100-jähriges Bestehen feiert, ist klein: Nur 18 Stellen gibt es, aber es ist tief in der Stadt verwurzelt, wie Intendantin Nicola May im Gespräch mit Sabine Rahner sagte. Die Regisseurin ist gerade in den Endproben zu "Sonny Boys", einer Erfolgskomödie, mit der das Jubiläum gefeiert und der irritierenden Frage "Wer ist wir?", die die Spielzeit überschreibt, eine weitere mögliche Antwort hinzugefügt wird.

Interview

BT: Frau May, warum braucht ein Theater eigentlich ein festes Ensemble?

Nicola May: Naja, da gibt es natürlich eine Vielzahl von Gründen. Wenn ich jetzt aktuell ins Badische Tagblatt schaue, da geht es gerade um die Aktion "Eine Stadt liest ein Buch", oder die Moderation des Fastnachtskonzerts der Philharmonie, oder die Arbeit des Kinderclubs im Theater - es sind überall auch Schauspieler involviert. Die Ensemblemitglieder sind über die eigentliche Arbeit auf der Bühne hinaus an vielem beteiligt, das sind wichtige identitätsstiftende Unternehmungen. Das Theater in die Stadt tragen, das ist nur mit einem Ensemble möglich. Und wir machen uns jetzt bei "Sonny Boys" zunutze, dass wir ein komplettes Ensemble haben, indem wir den "Filmset" in dieser Boulevardkomödie ganz groß ausstatten. Wir lassen die große, pulsierende Welt hereinbrechen und stellen in einer Szene alle Schauspieler und dazu noch möglichst viele Mitarbeiter hinter den Kulissen - Maske, Requisite, Kostüm - auf die Bühne. Diese Idee entstand auch im Gedenken an das 100-jährige Bestehen eines festen Ensembles am Theater Baden-Baden.

Auch für die künstlerische Arbeit ist ein festes Ensemble sehr wichtig: Es entstehen einerseits gewachsene Verbindungen untereinander und mit Regisseuren. Man kann andererseits sehr spezifisch auf die Stadt schauen, sich auf Themen konzentrieren und diese im Team weiterentwickeln. Jüngstes Beispiel dafür ist unser Faust. Wir haben den FaustI nach fünf Jahren wieder aufgenommen und in dieser Spielzeit den Faust II dazu gemacht, und das mit demselben Team und denselben Protagonisten. So etwas ist nur mit einem Ensemble möglich, das über Jahre miteinander arbeitet.

BT: Es fällt auf, dass viele Schauspieler schon lange hier sind, zum Teil schon 2004 mit Ihnen gekommen sind.

May: Ja, zu Beginn meiner Zeit hat sich diese Truppe gebildet, die sehr schnell zusammengefunden hat und da entwickeln sich immer noch neue Dinge, da ist immer noch Dynamik drin. Es gibt eine Verwurzelung innerhalb des Teams und mit der Stadt. Ich weiß, dass manche Häuser schneller wechseln. Dieses Team ist eine Besonderheit bei uns in Baden-Baden, und ich finde, es ist etwas sehr, sehr Schönes. Man kennt sich gut, man weiß, wie man bestimmte Dinge herstellen kann, man kommt weiter. Dazu haben wir aber durchaus immer wieder Wechsel. Wir brauchen natürlich auch neue Impulse, so hatten wir zum Beispiel vor zwei Jahren einen ganzen Schwung neuer junger Kollegen bekommen, die mischen das Ensemble auf, ebenso wie das Gastschauspieler tun. Nur im eigenen Saft schmoren ist auch nicht das Richtige. Aber diese Kombination aus festem Kern und einer Beweglichkeit drumherum - die gefällt mir ganz gut.

BT: Wie sieht denn das ideale Ensemble für Sie aus?

May: Mein ideales Ensemble wäre erstmal ein bisschen größer, so dass der einzelne Schauspieler weniger machen muss. Die Theater übernehmen durch ihre Arbeit heutzutage viele Funktionen im Bildungsbereich und als Ort der gesellschaftlichen Auseinandersetzung. Dazu gehören Projekte, wie wir sie eingangs besprochen haben, und auch kleine Produktionen, mobile Angebote für Schulen etwa. Die Schauspieler in unserem Ensemble sehen sich da als Teil der Stadt und machen all diese Dinge gerne. Aber manchmal entsteht auch Sorge, sich zu verzetteln. Jede Rolle verlangt ja eine Kreativität, eine Hingabe, und der Darsteller muss ökonomisch mit seiner Kraft umgehen.

Abgesehen von der Quantität wird sicher in Zukunft auch Diversität ein Thema werden - ein Ensemble sollte die ganze Gesellschaft abbilden. Und die wird immer vielfältiger.

Es gibt übrigens eine ganz alte Theaterregel, wie ein Ensemble idealerweise besetzt sein sollte - die heißt, man muss "Kabale und Liebe" besetzen können. Da hat man das junge Paar, die "proletarischen" Alten, den feinen Patriarchen, den Intriganten und so weiter - da sind alle Typen abgedeckt.

BT: Können die Schauspieler beim Spielplan mitreden?

May: Grundsätzlich mache ich den Spielplan mit der Dramaturgie zusammen. Ob man das transparenter, nach beiden Seiten durchlässiger machen kann - das ist jetzt eine Überlegung, über die ich gerade vor kurzem mit den Ensemblesprechern geredet habe. Es wäre einerseits sinnvoll, denn man identifiziert sich noch stärker mit einem Spielplan, in den man sich selbst eingebracht hat. Aber insgesamt ist das ein so kleinteiliges, mühevolles Geflecht, einen Spielplan zu erstellen, dass ich noch überlege, welche Form eigentlich sinnvoll ist.

BT: Offenbar laufen schon die Verhandlungen für die Verlängerung der BKV-Verträge mit dem Land. Was erhoffen Sie sich?

May: Ich wünsche mir, dass es weiterläuft, natürlich, so wie bisher. Ich nehme gerne auch mehr Geld, klar! Ehrlich gesagt kann ich mir nicht vorstellen, dass es nicht weitergeht, schon weil es in meinen Augen rausgeschmissenes Geld wäre, die Verträge nicht zu verlängern. Viele Festkosten bleiben auf jeden Fall. Wenn man genau in den Haushaltsplan schaut, sieht man, dass ein gewisser Teil von unseren Zuschüssen vonseiten der Stadt auch wieder an die Stadt zurückgeht, beziehungsweise sehr eng mit anderen Ämtern und Leistungen verzahnt ist. Was wir wirklich fürs Programm ausgeben, ist nicht so übermäßig, da würde ein Bespieltheater nichts sparen, denke ich. Auch ein Bespieltheater braucht Technik, jemanden, der das Programm macht, Werbung und so weiter. Vonseiten des Landes wäre es ja so, dass wir als Stadttheater zwar weniger Geld bekommen müssten, aber doch immer noch einen ganzen Batzen, halt von einem anderen Ministerium. Alles in allem glaube ich an die Vernunft der Akteure. Denn was man zerschlagen würde, ist unverhältnismäßig zum Ertrag.

Ganz abgesehen von der Kunst. Das Theater ist ein ganz wichtiges Angebot für Menschen, die hier leben und oder die hierher kommen. Wir bieten eine Vielfalt von Stoffen, ein Repertoire für alle Altersgruppen mit großen Auswahlmöglichkeiten - unschätzbar wertvoll für eine Stadt.

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