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Unsere Frau beim Vatikan
31.03.2018 - 08:09 Uhr
Rom - Die Botschaft beim Heiligen Stuhl ist keine typische diplomatische Vertretung. Dort geht es kaum um Konsularisches. Und der Heilige Stuhl, wie der Staat Vatikanstadt und die katholische Kirche als Subjekt des Völkerrechts heißen, ist kein Staat wie jeder andere. Die Deutsche Botschaft beim Heiligen Stuhl findet sich in Rom nicht beim Vatikan, sondern in einem noblen Stadtviertel nahe dem riesigen Park der Villa Borghese. Die Residenz, in der Botschafterin Annette Schavan (CDU) Gäste empfängt, liegt gleich daneben. Schavan (62) scheint sich dort sehr wohl zu fühlen. In ihrer Residenz berichtete sie im Gespräch mit Emanuel K. Schürer über ihren Alltag, ihre Eindrücke von Papst Franziskus und ihre Zukunftspläne.

Interview

BT: Frau Schavan, zunächst die allgemeine Frage: Wie blicken die Italiener derzeit auf Deutschland?

Annette Schavan: Die Beziehungen zwischen Italien und Deutschland sind heute so, wie sie auch die letzten Jahrzehnte geprägt haben. Italien ist und bleibt für die Deutschen ein Sehnsuchtsland. Und Deutschland ist für die Italiener wie eine Respektsperson. Auch wenn Sie Deutschland nicht immer mögen, so haben sie doch großen Respekt vor den Leistungen unseres Landes. Es ist alles in allem eine sehr gute bilaterale Beziehung, die sich vor allem im kulturellen Bereich zeigt. Wer etwas erfahren will über kulturelle Höhepunkte Europas, der kommt nach Italien. Dieses Land erschließt einem erst Europa. Gleichzeitig sind vor allem junge Italiener von der kulturellen Lebendigkeit und Vielfalt Berlins ganz angetan. Deutschland und Italien befinden daher in einer engen Partnerschaft. Wir sprechen viel über deutsch-französische Beziehungen. Dabei sollte uns aber bewusst sein, dass Italien als Dritter im Bunde möglichst oft eingebunden werden muss.

BT: Sie sind seit September 2014 Botschafterin Deutschlands beim Heiligen Stuhl. Was hat Sie hier in Rom am Anfang am meisten überrascht?

Schavan: Ich bin vor knapp vier Jahren mit einer großen Neugier auf die Weltkirche nach Rom gekommen. Ich wollte verstehen, wie es im Vatikan tatsächlich zugeht. Nach nun fast vier Jahren kann ich sagen: Nirgendwo gibt es so viel Erfahrung mit der globalen Welt wie in der katholischen Kirche. Nirgendwo sonst ist so viel Wissen über Gott und die Welt komprimiert in einer Institution und an einem Ort zu finden. Das macht diese Aufgabe hier so interessant.

BT: Was hat Sie hier am meisten überrascht, was hätten Sie anders erwartet?

Schavan: Ich habe mich über die Vielfalt der Aufgaben gefreut, die mit der Deutschen Botschaft beim Heiligen Stuhl verbunden sind. Ich erlebe und leite hier eine Botschaft, deren Gegenüber kein Staat und eine damit verbundene nationale Mentalität ist, sondern unser Gegenüber ist ein Partner, der auf allen Kontinenten der Welt verankert ist. Was damit an Weite, an Vielfalt, an vorausschauender Diplomatie verbunden ist, beeindruckt mich bis heute in besonderer Weise.

BT: Draußen am Gebäude ist auch ein Schild "Deutsche Botschaft beim Souveränen Malteserorden"?

Schavan: Unsere Botschaft hat seit kurzem eine Doppelfunktion: Im November 2017 hat Deutschland diplomatische Beziehungen mit dem Souveränen Malteserorden aufgenommen. Das ist ein deutliches Zeichen der Wertschätzung, dass der Malteserorden einer der wichtigsten Partner in der Flüchtlingshilfe ist und viel zum Verständnis der Lage von Flüchtlingen beiträgt. In Deutschland arbeiten über 50000 Ehrenamtliche in Einrichtungen des Malteserordens.

BT: Muss man hier als Botschafterin beim Vatikan besonders gläubig oder wenigstens römisch-katholisch sein?

Schavan: Weder noch. Eigentlich sollte man gerade nicht katholisch sein. Als 1954 die diplomatischen Beziehungen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und dem Heiligen Stuhl aufgenommen wurden, hatte man sich darauf geeinigt, dass der deutsche Botschafter möglichst evangelisch sein solle. Damals nahm man an, Katholiken könnten in einen Loyalitätskonflikt kommen, wenn sie die Bundesrepublik Deutschland beim Heiligen Stuhl vertreten müssten. Das wird heute nicht mehr so gesehen, aber dennoch gibt es in der Geschichte der Deutschen Botschaft beim Heiligen Stuhl nur wenige Botschafter, die katholisch sind. Die Frage ist aber nicht, ob jemand katholisch oder gläubig ist, sondern ob ihm zugetraut wird, ein guter Diplomat oder eine gute Diplomatin zu sein.

Renaissance der Theologie

BT: Wie viele Menschen arbeiten hier in der Botschaft?

Schavan: Insgesamt haben wir 24 Mitarbeiter in der Kanzlei am anderen Ende des Grundstücks und hier in der Residenz. Das Besondere und Schöne an dieser Botschaft ist, dass die Botschafterin von der Residenz aus nur durch den Garten gehen muss, um zu ihrem Büro zu kommen - ganz ohne den Trubel des italienischen Verkehrs.

BT: Mit welchen Themen sind Sie gerade aktuell beschäftigt? Was ist zwischen der Bundesrepublik und katholischer Kirche alles zu regeln?

Schavan: Die Deutsche Botschaft beim Heilige Stuhl informiert die Bundesregierung, den Bundespräsidenten und die Bundeskanzlerin über aktuelle Entwicklungen und neue Projekte im Vatikan. Das ist die klassische Aufgabe einer Botschaft. Ein wichtiger Teil der diplomatischen Beziehungen zwischen dem Heiligen Stuhl und Deutschland beziehungsweise den Bundesländern, betrifft dabei Fragen aus dem Bereich Bildung und Wissenschaft. In der katholischen Kirche gibt es weltweit 4000 katholische Universitäten und 150000 katholische Schulen. Das macht deutlich, über welch großes Netzwerk und kulturprägenden Bereich die katholische Kirche verfügt. Gerade jetzt - und damit bin ich aktuell stark befasst - wird viel diskutiert über theologische Fakultäten. Theologie gehört zur Tradition der europäischen Universität. Gleichzeitig geht die Zahl der Studierenden stark zurück. Nun ist die Zeit gekommen, dass die Theologie als Gesprächspartner für andere Fakultäten und über die innerkirchliche Klientel hinaus zukunftsfähig wird. Hierzu bereite ich momentan eine Veröffentlichung vor. Es ist ein spannender Prozess, der zu einer Renaissance der Theologie in der Öffentlichkeit führen kann. Dazu trägt nicht zuletzt Papst Franziskus bei, weil er eine Sprache spricht, die die Menschen verstehen. Er führt eben kein theologisches Selbstgespräch, bei dem man nur andächtig lauscht, aber nichts versteht.

BT: Franziskus hat einiges bewegt?

Schavan: Unsere Aufgabe der Deutschen Botschaft ist auch die Übersetzung der Vorhaben des Papstes in die Wirklichkeit von Deutschland, Europa und der Welt. Es ist das, was das Zweite Vatikanische Konzil beraten und beschlossen hat. In den letzten fünf Jahren hat Papst Franziskus zahlreiche Impulse zur Erneuerung gesetzt. Papst Franziskus ist überzeugt von einem Gott, der erneuert. Daneben befassen wir uns mit religionspolitischen Fragen, wie etwa die ökumenische Frage, wie verschiedene Glaubensrichtungen miteinander ins Gespräch kommen können. Oder die Frage, wie die Religionen ihre Aufgabe als Friedensstifter wahrnehmen können. Für uns als Land der Reformation ist besonders interessant, dass der Papst im Bereich der Ökumene voranschreitet und zu mehr Einheit zwischen den Konfessionen ermutigt. Dazu gibt es immer wieder Gespräche in den verschiedenen Ministerien des Vatikans, Konferenzen und auch Veranstaltungen hier in der Botschaft.

BT: Wie oft treffen Sie den Papst? Wer sind sonst Ihre Ansprechpartner aufseiten des Vatikans?

Schavan: Ich treffe den Papst durchschnittlich ein- bis zweimal im Monat. Im Übrigen sind die Kardinäle an der Spitze der Dikasterien unsere Ansprechpartner, das sind übersetzt die Minister mit ihren verschiedenen Behörden und Mitarbeitern. Besonders interessant ist dabei die Weltläufigkeit der Kurie. Wenn wir mit den Ministerien für Ökumene, den interreligiösen Dialog oder die Sozialethik zu tun haben dann sprechen wir mit einem Kardinal aus der Schweiz, einem aus Paris und einem aus Ghana. Da spürt man die Internationalität dieser Weltkirche. Daneben pflegen wir einen intensiven Austausch mit Ordensoberen oder der evangelischen Gemeinde in Rom.

BT: Wie erleben Sie Papst Franziskus persönlich?

Schavan: Ich erlebe ihn als Menschen, der innerlich äußerst entschieden und kraftvoll ist. In der Begegnung mit ihm erlebt man eine große Aufmerksamkeit für den jeweiligen Gesprächspartner. Er ist ein Papst, der nicht auf Strukturwandel setzt, sondern der die Herzen der Menschen ansprechen möchte. Ein Papst, der immer wieder an unsere Verantwortung für unsere Mitmenschen und Umwelt appelliert. Er ist ein großer Freund der Wissenschaft und fördert sehr die Päpstliche Akademie. Er sagt den Wissenschaftlern aber auch: Bedenkt die Folgen Eures Tuns. Schaut Euch die Welt in ihrer Zerbrechlichkeit an und fragt Euch, was die Wissenschaft tun kann, um die Probleme der Welt zu lösen. Bei den Besuchen der deutschen Ministerpräsidenten, die alle eine Privataudienz bekommen, wird zudem deutlich, dass er Menschen ohne jeden Vorbehalt begegnet und den offenen Austausch sucht. Das spüren seine Besucher. Er hat eine besondere Art, auf Menschen zuzugehen. Alle Politiker, die selbst immer viele Menschen treffen, kommen aus den Gesprächen mit ihm und sagen: Das ist eine besondere Begegnung für mein Leben gewesen.

Zeit mit viel Dynamik in dieser Weltkirche erlebt

BT: Haben Sie Papst Benedikt XVI. auch schon getroffen, seit Sie hier sind?

Schavan: Ich habe den Papst emeritus besucht, als ich hier in Rom ankam. Ich habe ihn zudem mit Gästen getroffen und ihm persönlich zu seinem 90. Geburtstag gratuliert. Das gab jedes Mal die Gelegenheit, Erinnerungen aus Deutschland auszutauschen. Er hat ein phänomenales Gedächtnis und nach jedem Gespräch mit ihm geht man mit dem Gefühl nach Hause, wieder etwas gelernt zu haben. Ich erinnere mich noch daran, wie er mir als Rheinländerin den Unterschied zwischen Schwaben und Bayern erklärt hat.

BT: Wie viel Zeit verbringen Sie in Rom, wie viel noch in Deutschland?

Schavan: 95 Prozent meiner Zeit bin ich in Rom, die übrigen fünf Prozent in Deutschland. Wer hier lebt, den drängt es nicht dauernd auf den Flughafen.

BT: Treffen Sie Kanzlerin Merkel noch gelegentlich?

Schavan: Natürlich treffe ich die Bundeskanzlerin hin und wieder. Sie ist in der letzten Zeit mehrfach bei Papst Franziskus gewesen. Insgesamt gab es in den vergangenen Jahren so manche Gelegenheit hier und auch in Deutschland für gemeinsame Treffen.

BT: Im Sommer wird Ihre Amtszeit hier enden, war zu lesen. Stimmt das und können Sie schon eine Art Bilanz Ihrer Zeit hier in Rom ziehen?

Schavan: Ich werde meine Zeit als Botschafterin der Bundesrepublik Deutschland beim Heiligen Stuhl am 30. Juni dieses Jahres beenden. Zu diesem Zeitpunkt werde ich vier Jahre hier in Rom gewesen sein. Eine Zeit, in der ich viel Dynamik in dieser Weltkirche erlebt habe. Es ist ja in Europa und auch in Deutschland nicht immer spürbar, wie dynamisch sich der Rest der Welt, insbesondere asiatische Länder, entwickelt oder wie in Südamerika Bischöfe ganz neue Wege gehen und dem Papst konkret vorschlagen, viri probati (bewährte, verheiratete Männer) zu Priestern zu weihen. Von dort kommt also die Initiative, neue Wege zum Priesteramt zu öffnen, während man bei uns manchmal nur noch über Seelsorgeeinheiten spricht. Es scheint, dass andere Regionen die Aufforderung des Papstes "Fürchtet Euch nicht vor dem Neuen" aufmerksamer gehört haben als wir. Zur Bilanz für mich gehört auch die Erfahrung mit einem Papst, der zutiefst fromm und zutiefst politisch ist.

BT: Werden Sie wieder nach Deutschland ziehen, und was haben Sie dort vor?

Schavan: Nach meiner Rückkehr nach Deutschland werde ich nach Ulm ziehen. Baden-Württemberg ist meine Heimat, Ulm ist die Stadt, für die ich lange im Deutschen Bundestag saß. Dort fühle ich mich wohl und dorthin gehe ich wieder zurück. Im Sommer werde ich aber zunächst viel am Bodensee sein und dann Vortragsreisen nach Schanghai, in die USA und andere Länder unternehmen. Darauf freue ich mich schon jetzt, denn bislang konnte ich diese Vortragstätigkeit nur vereinzelt nebenher ausführen.

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