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Kundiger Beobachter der Welt
12.04.2018 - 00:00 Uhr
Von Gunther Hartwig

Berlin - Einen wie ihn gab es vorher nicht in den Führungsetagen der deutschen Politik - und nach ihm auch nicht mehr. Jetzt wird Joschka Fischer 70 Jahre alt. Der ehemalige Außenminister und Frontmann der Grünen lebt im aktiven Ruhestand - ohne Amt, aber gut beschäftigt.

Der Krieg ist sein Lebensthema. Oder besser die Frage: Wie verhindert oder beendet man Kriege? Als Joseph Fischer, der im schwäbischen Gerabronn geborene Sohn einer aus Ungarn vertriebenen Metzgerfamilie, Ende der 60er Jahre in seiner Wahlheimat Frankfurt am Main politisiert wurde, erhob sich seine Generation gegen die amerikanische Militärintervention in Vietnam. Auch der Start der rot-grünen Koalition wurde im Frühjahr 1999 überschattet von einem Albtraum - dem Kosovo-Krieg mit deutscher Beteiligung. Und heute sorgt sich Fischer wie kaum ein anderer um die fragile Lage in Ostasien und dem Nahen Osten. "Brandgefährlich" nennt er die "nukleare Doppelkrise" um das Atomabkommen mit dem Iran, den Konflikt zwischen den USA und Russland.

Selbst wenn sich Fischer als Staatsmann längst in Pension befindet, ist er unverändert "im Film". Der Mann, der es einst ohne Schulabschluss und Berufsausbildung zum "Turnschuhminister", obersten Diplomaten der Republik und Vizekanzler brachte, hält alte Kontakte aufrecht und trifft sich ein paar Mal im Jahr mit seinen Ex-Kollegen aus Frankreich, Großbritannien und Skandinavien zum Meinungsaustausch in einer illustren Runde ("Madeleine's Ex-Mins"), die von der früheren US-Außenministerin Madeleine Albright angeführt wird. Die aus Tschechien stammende Demokratin war die einflussreichste Freundin und Förderin Fischers nach dessen Amtsantritt im Auswärtigen Amt.

Wahl Trumps als Schock erlebt

Gegenwärtig sind es wieder mal die transatlantischen Beziehungen, die Fischer umtreiben, die Nachricht vom Wahlsieg des Republikaners Donald Trump hat er als Schock erlebt. Sein jüngst erschienenes Buch trägt den Titel "Der Abstieg des Westens" und handelt von der Rolle Europas in einer neuen Weltordnung, die von China, Indien, den USA und Russland dominiert wird. "Der europäische Nationalstaat", erklärt der vormalige "Minister des Äußersten" in einem Interview mit dem "Tagesspiegel", sei "zu klein, um da mitzuhalten. Wenn wir als Europäer nicht in neue Abhängigkeiten geraten wollen, müssen wir sehr viel enger zusammenrücken." Doch die Gegenwart der EU wird erst einmal vom Brexit verdunkelt und dem anhalten Streit um die Flüchtlingspolitik.

Und wie lauten Fischers Rezepte gegen den Abstieg des Kontinents und die latente Kriegsgefahr im Nahen Osten? Europa brauche eine "große Erzählung", heißt es in seinem Buch. Der Geschäftsführer der Beratungsfirma "Joschka Fischer & Company" mit einem repräsentativen Büro am Berliner Gendarmenmarkt läutet nicht gerade das "Ende des Westens" ein, wie er es auch schon getan hat in seinen regelmäßigen Zeitungskommentaren oder Gastvorträgen überall auf der Welt. Aber er konstatiert, dass der Gründungsimpuls der Europäischen Union ("Nie wieder Krieg!") in diesen Zeiten nicht mehr ausreicht: "Die neue Erzählung muss in der Welt von Morgen spielen. Nach dem Motto: Nie wieder allein, nur gemeinsam."

Für die sich zuspitzende Situation in Syrien hat Fischer keine simple Friedenslösung parat. Anders als damals im Kosovo sei die Lage "politisch weitaus schwieriger". Er sieht nicht, "dass europäische oder westliche Mächte dort mit Militär etwas Positives beitragen können". Im Rückblick erscheint die von Rot-Grün verantwortete Beteiligung der Bundeswehr am Balkan-Krieg wie eine ebenso unpopuläre wie notwendige strategische Meisterleistung im Rahmen der westlichen Allianz, auch wenn es SPD und vor allem Grüne fast zerrissen hätte.

Fischer, einst als Sponti am "Revolutionären Kampf" gegen Imperialismus und Militarismus aktiv, musste sich als Außenminister den Vorwurf der "Kriegstreiberei" anhören - von eigenen Leuten, und auf dem Kosovo-Sonderparteitag der Grünen am 13. Mai 1999 in Bielefeld traf ihn ein Demonstrant mit einem roten Farbbeutel am Hals.

Dass Fischer im Schulterschluss mit SPD-Kanzler Gerhard Schröder den Amerikanern 2003 die kalte Schulter zeigte und Deutschland am Feldzug gegen Iraks Diktator Saddam Hussein nicht teilnahm, trug ihm sogar den Respekt des politischen Gegners ein. Mit dem Nein zum Irak-Krieg habe Rot-Grün "die Ehre der Nation gerettet", während die damalige Oppositionsführerin Angela Merkel bereit für den Waffengang gewesen sei, stellte jüngst ein CDU-Ministerpräsident fest. Umgekehrt lobt Fischer die heutige Kanzlerin für ihre Entscheidung im September 2015, die Flüchtlinge aus Ungarn nach Deutschland einreisen zu lassen. Allerdings: "Ihr Fehler war, danach den Eindruck von Kontrollverlust entstehen zu lassen."

Manchmal mag es den kraftvollen Rhetoriker reizen, noch einmal in den innenpolitischen Ring zu steigen, auch wenn Fischer bestreitet, hinter den Kulissen als Ratgeber oder Strippenzieher weiter aktiv zu sein. Neulich hat er sich über seinen Zögling Cem Özdemir und dessen Attacke gegen die AfD im Bundestag gefreut, wie er überhaupt der Meinung ist, dass gegen die neuen Nationalisten "eine harte politische Auseinandersetzung geführt werden" muss. Aber diesen Job sollen jetzt die Jungen erledigen, er selbst beharrt darauf, "im Ruhestand" zu sein. Gewiss, er steht zahlungskräftigen Kunden aus der Privatwirtschaft als Dienstleister zur Verfügung - mit der geballten Erfahrung eines langen politischen Lebens.

Ein wenig Altersmilde umweht ihn

Aber ansonsten fühlt er sich bloß noch als gleichermaßen interessierter wie kundiger Beobachter der weiten Welt wie der näheren Umgebung. Im Sternzeichen des Widder geboren, ist der letzte "Rock 'n' Roller der deutschen Politik" gelegentlich als Privatmann bei seinem Stammitaliener im Berliner Grunewald anzutreffen. Dort sitzt er dann mit zerfurchtem Gesicht und wechselnder Laune, halb Buddha, halb Patron, und mustert jeden Gast, der hereinkommt. Offen bleibt, was er von den Leuten hält. Früher hat er sein Gegenüber selten verschont - Parteifreunde als "Weicheier" verulkt, Journalisten als "Schnarchnasen".

Inzwischen ist auch das Schandmaul Fischer in die Jahre gekommen, ein wenig Altersmilde umweht ihn. Wird der runde Geburtstag gefeiert, wollte jemand vom Jubilar wissen. Typisch Fischer, die Antwort des militanten Streetfighters außer Diensten: "Was gibt es da zu feiern? Überleben ist alles!"

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