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Frischer Lorbeer als Treibriemen
04.05.2018 - 00:00 Uhr
Dem Übersetzer Michael Walter, der entscheidende Jahre seiner Jugend in Baden-Baden verbrachte, wird am 6. Mai in Offenburg der Europäische Übersetzerpreis verliehen. Zu diesem Anlass hat der im Rebland lebende Übersetzer Hans Wolf mit seinem Berufskollegen und Freund aus Jugendtagen für das Badische Tagblatt ein Interview geführt.

BT: Michael, Du hast entscheidende Phasen deiner Jugend hier in Baden-Baden verbracht, bist auf dem MLG zur Schule gegangen und hast dort auch dein Abitur gemacht. Wo hast du deine Kindheit und frühe Jugend zugebracht?

Michael Walter: Zur Welt kam ich 1951 in Wiesbaden, bin also - obwohl ich mich Hermann nicht nennen darf - ein echter kurfürstlicher Hesse. Mit drei Jahren wurde das zarte Gewächs verpflanzt in das rauere Klima von Oberndorf am Neckar. Im Sommer '63 dann der Umzug nach Baden-Baden. Meine erste Erinnerung an Baden-Baden ist der blü-hende Magnolienbaum in der Lange Straße vor dem ehemaligen Hotel "Zum Bock". Nach dem schwäbischen Krähwinkel bedeutete Baden-Baden für mich: bright lights, big city. Fünf Lichtspieltheater, ich konnte mein Glück kaum fas-sen...

BT: Schön, dann lassen wir das Licht mal ein bisschen spielen - La Lumière, "Aufklärung" im spezielleren Sinn hast du dann vermutlich in der genannten Lehranstalt gefunden.

Walter: Ein Licht ging mir dort erstmalig bei der Lektüre von Kafka auf. Da ahnte ich, was Literatur sein kann und war angezündet.

BT: Zur Literatur kommen wir gleich. Zweimal hat Familie Walter, wenn ich mich recht entsinne, die Baden-Badener Adresse geändert. Wohnhaft warst du zuletzt in der Wetzel-straße - einer Anlaufstelle nicht zuletzt für jeden, der irgend mit der hiesigen Rock- & Bluesszene zu tun hatte...

Walter: Es war immerhin der ständige Treffpunkt unserer Band, die mehr Inkarnationen durchlief als Vishnu selbst. Ich war Trommler bei Slash, Classical Guess, Blues Eternity und zu guter Letzt Leviathan. Aufgetreten sind wir unter anderem im "Löwen" Lichtental, im Kurhaus, im Theater, im renommierten Sinkkasten im fernen Frankfurt und natürlich immer wieder im legendären Club Raphael. Gründungsmitglied war unter anderem Christian Wagner, der spätere Regisseur des "Rockpalast". Überhaupt eine quicklebendige Szene.

BT: Wie ging es nach dem Abitur weiter? Gab es lesens- und lebensprägende Lektüren?

Walter: Arno Schmidt hat wie kein anderer Autor die Lektüre meiner Adoleszenz bestimmt. Ich verdanke ihm nicht nur die schönsten Leseerlebnisse und Literaturkenntnisse, sondern auch Freundschaften. Das anschließende Studium der Philosophie und Anglistik - zuerst in Mannheim, dann in Freiburg - schloss ich mit dem Magister ab und ergo ohne rechte Berufsaussichten.

BT: Womit wir uns fast schon in den Anfangsgründen deiner späteren Laufbahnen bewegen. Ich vermute mal ganz dreist, du bist da nicht "Auf fremden Pfaden" gewandelt, sondern hast dir von maître Schmidt den Weg weisen lassen - oder hat dich die schöne Kunst des Übersetzens als Kunst-an-sich gereizt?

Walter: Übersetzer bin ich schier zufällig geworden, keinesfalls aus Inklination. Arno Schmidt trifft hier kaum eine Schuld, obwohl der mich einmal unmissverständlich wissen ließ: "Der zweitanständigste Beruf ist der des Übersetzers. Der anständigste natürlich der des Schriftstellers." Die entscheidenden Stationen lauten - Edward Bulwer-Lytton: Das kommende Geschlecht, Lewis Carroll: Sylvie & Bruno, die Geschwister Brontë: Angria & Gondal, Edward Gibbon: Verfall und Untergang des römischen Imperiums und natürlich Laurence Sterne: Tristram Shandy.

Aber obwohl ich nun nach 40 Jahren Kärrnerarbeit auf etliche Bücherborde mit meinen translatorischen Erzeugnissen weisen und verkünden darf: Da steht's, was wir stemmten, war mir als Sprach-Scout auf diesen Kreuz- und Querzügen A bis Z - bei denen mich die in meinem Besitz befindlichen, oft erprobten Diktionäre und Polyglotten noch nie im Stich gelassen haben - doch nimmer das Glück zuteil, der Sicherung eines etwas beschaulicheren Lebensabends halber einen veritablen Schatz im Silben- und Wörtersee zu heben.

BT: Du hast bescheiden vergessen zu erwähnen, dass es im Walter'schen Sprachkosmos auch an Neuschöpfungen nicht mangelt. Das Wörtchen "Neusprech" etwa aus Orwells 1984, das längst zum Alltagsvokabular zählt, stammt ja ebenfalls aus deiner Übersetzerfabrik.

Walter: Schon richtig, es qualmt tüchtig aus den Schloten meiner Manufaktur, der Schornstein raucht, aber nicht als Sinnbild des Wohlstands und guten Auskommens. Klimperte freilich jedes Mal ein Kreuzerlein in meine piggy bank, wenn irgendwo irgendwer irgendwie "Neusprech" benutzt, dann wäre ich ein durchaus gemachter Mann. Die eigenen Kreationen da-rum aber gleich als Reliquarium voll heiliger Knochen anzubeten, käme mir nie in den Sinn.

BT: Nun, ein gelegentliches leises Klopfen auf die eigene Schulter kann dennoch nicht schaden. Draußen wird indessen nicht nur geklopft, sondern weidlich die Trommel gerührt: Ein weiterer Preis steht dir - ja nicht ins Haus, sondern in die bücherbestückte Wohnung; wenn ich richtig gezählt habe, ist es bereits der fünfte: der Europäische Übersetzerpreis Offenburg 2018. Was bedeutet dir solch öffentlich Lob und Preis? Lässt es dich leichter für die Zukunft planen?

Walter: Preis und Lob aus vollen Schüsseln suggerieren einem ganz natürlich die schöne Illusion einer wie auch immer gearteten "Importanz" und polstern das Ego ebenso wie den Kontostand. Doch fri-scher Lorbeer als Treibriemen kurbelt Schaffensdrang und -lust bei mir nicht mehr so gründlich an wie einst im Mai. Zeit also, mal wieder den Fuß vom Gas zu nehmen und aufs Dämpferpedal zu setzen. Genau das erlaubt mir jetzt das schöne Preisgeld. Einstweilen zumindest, denn dass Übersetzer die Sielen je ganz abstreifen und anschließend eine gesetzlich geregelte, passable Pension beziehen dürfen, sieht der Schöpfungsplan für unseren Berufsstand nicht so ohne weiteres vor.

BT: Du lebst seit fast vier Jahrzehnten in München. Gibt es Momente, in denen du Ba-den-Baden vermisst?

Walter: Ich komme ja mehrmals im Jahr nach Baden-Baden. Außerdem rufe ich, um etwaigen Entzugserscheinungen zu wehren, täglich die Webcam am Augustaplatz auf. Und wird der Sog der Vergangenheit und der Lichtentaler Allee dennoch unwiderstehlich groß, unternehme ich eine empfindsame Reise hierher, wie eben jetzt.

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