"Es gibt keine Tablette des Vergessens"
Markus Diegmann (rechts) sammelt Unterschriften für die Abschaffung der Verjährungsfrist bei Kindesmissbrauch. Auch Wise-Guys-Sänger Eddi Hünecke unterstützt ihn. Foto: Tour41
17.05.2018 - 00:00 Uhr
Karlsruhe - Als Kind Opfer sexuellen Missbrauchs geworden, hat sich IT-Experte Markus Diegmann nach einem Zusammenbruch 2013 und dem Abrutschen in die Erwerbsunfähigkeit eine neue "Überlebensstrategie" gesucht. Der Gladbecker gab seine Wohnung auf, verschenkte Hab und Gut. Seit 2017 tourt er im Wohnmobil - unterstützt von Freunden und Bekannten - durch Deutschland, um Unterschriften für die Abschaffung der Verjährungsfrist bei sexuellem Kindesmissbrauch zu sammeln. Am 18. und 19. Mai wirbt der 52-Jährige von jeweils 9 bis 18 Uhr auf dem Karlsruher Marktplatz dafür. Mit Diegmann sprach BT-Redakteur Nico Fricke.

BT: Herr Diegmann, Sie nennen Ihr Projekt "Tour 41". Was verbirgt sich hinter dieser Zahl?

Markus Diegmann: Ich habe mir die Kriminalstatistik "Mikado" vorgenommen, die sich mit Kindesmissbrauch befasst. Demnach gibt es im Schnitt 41 angezeigte Missbrauchsfälle - jeden Tag.

Interview

BT: Wieso haben Sie sich auf diese Tour begeben?

Diegmann: Nach einer Therapie in Dresden habe ich es in meiner Wohnung nicht mehr ausgehalten. Ich bin in der siebten Woche vorzeitig nach Hause geschickt worden, weil die Krankenkasse den Kostenübernahmebescheid bis dahin noch nicht an die Klinik geschickt hatte. Ich wurde einfach nach Hause gekehrt - mit all den nun offen gelegten traumatischen Erinnerungen. Das hat mich kaputt gemacht. Ich habe die ersten Wochen auf der Terrasse geschlafen. Es musste eine Veränderung her. Daraus ist der Wunsch entstanden: Ich zieh' ins Wohnmobil. Dann kam die Idee für diese Tour.

BT: Sie kämpfen dafür, die Verjährungsfrist bei sexuellem Missbrauch von Kindern abzuschaffen. Warum ist das so wichtig?

Diegmann: Ich habe auf meiner Reise wohl weit über 7000 Betroffene kennengelernt, und alle haben das gleiche Problem: Das Trauma bricht erst aus, wenn der Körper sagt: Du bist jetzt bereit dafür, das zu ertragen. Solange das nicht der Fall ist, verdrängen wir das. Das geht mit einem permanenten hohen Stresslevel einher. Denn das ist ja harte Kopfarbeit, die Erinnerungen fernzuhalten. Der eine kompensiert das mit Arbeiten, der andere stürzt ab und landet auf der Straße. Da gibt es die unterschiedlichsten Folgestörungen.

BT: Die Verjährungsfrist liegt...

Diegmann: ...zwischen fünf und 30 Jahren. Das entscheidet der Staatsanwalt je nach Schwere der Tat. Das ist ein Unding. Wer das nicht selbst erlebt hat, kann doch keine Schwere festlegen.

BT: Eine Frist von 30 Jahren ist aber nicht lang genug für die Opfer, Anzeige zu erstatten?

Diegmann: Richtig. Denn meistens kommt das erst ans Licht, wenn man sein eigenes Leben reflektiert. Dazu benötigt es dann noch einen Trigger, einen Auslöser. Bei mir war das meine Kündigung in den USA. Ich habe dort meinen Job verloren. Das hat in mir solch eine Panik hervorgerufen, dass bei mir das Trauma ausgebrochen ist. Damals war ich 46.

BT: 30 und noch mehr Jahre später: Da sind die Täter ja oft schon alte Männer. Geht es Ihnen mit Ihrem Anliegen um die Bestrafung oder um einen weiteren wichtigen Schritt bei der Bewältigung?

Diegmann: Ich persönlich habe kein großes Wutempfinden. Das ist bei anderen Betroffenen anders. Für mich ist aber wichtig, dass ich mit meiner Situation leben kann. Und es muss jemand dafür verantwortlich gemacht werden, der das verbrochen hat. Dadurch, dass man uns das kindliche Urvertrauen genommen hat, müssen wir im ganzen Leben immer alles durch eigene Erfahrungen lernen. Es reicht nicht, wenn uns jemand sagt: Das ist soundso. Wir können nur in Schwarz-Weiß denken, sind sogenannte Borderliner. Und diese Persönlichkeitsstörung ist nicht heilbar.

BT: Als Sie begonnen haben, Ihre Kindheitserlebnisse aufzuarbeiten, konnten Sie nicht mehr in Ihr altes Leben zurückkehren.

Diegmann: Für mich kam nach den geschilderten Erfahrungen in Dresden die Erkenntnis: Es gibt keine Tablette des Vergessens. Und kein Therapeut weiß, wie wir wirklich empfinden. Man muss für sich selbst einen eigenen Weg finden. Diese Aufgabe hat jeder Betroffene. Ich bin im Grunde in meine alte Überlebensstrategie zurückgesprungen: Ich habe immer alles mit Arbeit kompensiert. Ich habe in den Staaten 80, 90 Stunden die Woche gearbeitet. Ich habe dort den Umgang mit Redaktionssoftware geschult und in Zeitungsverlagen Arbeitsprozesse optimiert. Ich war der Erste, der da war und der Letzte, der gegangen ist. Ich habe mich mit Arbeit zugeschüttet. Mein ganzes Leben hatte immer nur mit Stress zu tun. Sobald Ruhe eingekehrt war, musste etwas Neues folgen, um wieder unter Druck stehen zu können.

BT: Sie haben über viele Jahrzehnte Ihre schlimmen Kindheitserfahrungen verdrängt?

Diegmann: Man hat es immer im Bauch. Nicht in Gedanken und Bildern. Aber man merkt: Du musst immer unter Volldampf stehen. Daher habe ich auch so viele Berufsabschlüsse. Sobald ein Fluss in den Alltag kam, wusste ich: Ich muss wieder etwas ändern.

BT: Missbrauch findet häufig im familiären Umfeld statt. War das bei Ihnen auch so?

Diegmann: Bei mir war der erste Täter auf der Kirmes an der Schießbude, damals war ich fünf. Ein Jahr später ging es mit einem Mieter im Haus weiter. Ich habe wieder angefangen, in die Hose zu machen. Mein Vater hat mich dafür verprügelt und bloßgestellt. Später gab es noch einen dritten Täter: Der beste Freund meines Vaters zog bei uns ein. Mit 15 habe ich mich endlich befreien können.

BT: Ihre Vergewaltiger wurden nicht zur Rechenschaft gezogen?

Diegmann: Nein, alle drei nicht. In den 90ern habe ich mal versucht, Anzeige zu erstatten. Doch die Taten galten als verjährt... Da bin ich erstmal in ein tiefes Loch gefallen, bis ich mich wieder in die Arbeit gestürzt habe.

BT: Wie reagieren die Menschen in deutschen Fußgängerzonen auf Sie? Machen sie eine großen Bogen, weil sie mit dem Thema Kindesmissbrauch nicht konfrontiert werden wollen?

Diegmann: Es kommen sehr viele auf mich zu - vor allem sehr viele Betroffene. Ich beobachte aber auch: Viele junge Eltern sehen mich zwar, biegen dann aber schnell ab, als wollten sie das Thema nicht wahrhaben. Es ist aber regional unterschiedlich. Ganz schlecht war es in Mayen: Da hatte ich ganze 23 Unterschriften in zwei Tagen, in Darmstadt waren es 160. Das beste Ergebnis hatte ich bislang in Aachen mit 1055 Unterschriften. Da gab es aber auch eine große mediale Vorberichterstattung. In Würzburg tauchten mal Rechtsradikale an meinen Stand auf. Sie wollten mein Thema zu ihrem machen. Das war sehr abstrus.

BT: Sie haben eben die jungen Eltern angesprochen.

Diegmann: Die eine große Mitwirkungspflicht haben, um ihre Kinder stark zu machen. So wie alle, die Kinder auf ihrem Lebensweg begleiten: Erzieherinnen, Pädagogen... Schon im Kindergarten muss den Kindern beigebracht werden: Wenn dich einer anfasst, darfst du laut werden! Wir gehen im August erstmals für eine Präventionsmaßnahme in eine Gesamtschule. Wir wollen das Thema in der Gesellschaft etablieren.

BT: Wir?

Diegmann: Die "Tour 41" mache ich alleine, seit November gibt es aber einen eingetragenen Verein mit Helfern, die mich unterstützen. So ist auch eine indirekt betroffene Frau mit im Vorstand, deren Bruder sich genau 41 Tage nach seinem Coming-out das Leben genommen hat, weil er keine schnelle Hilfe gefunden hatte. Es fehlt in Deutschland an Akuthilfe. Es gibt zwar das Hilfetelefon sexueller Missbrauch - (0800) 2255530 - das ist aber nur zu den "Ladenöffnungszeiten" erreichbar. Ein Trauma sucht sich leider die Zeit nicht aus. Für Kinder, die erwachsen geworden sind, ist die Psychiatrie der falsche Ort. Dort werden sie eher retraumatisiert und unter Medikamente gestellt.

BT: Durch das Bekanntwerden besonders schlimmer Fälle sexuellen Missbrauchs von Kindern ist das Thema seit Jahren in den Medien präsent. Hat sich damit die Situation für die Opfer, was Hilfemöglichkeiten angeht, nicht verbessert?

Diegmann: Nein. Überhaupt nicht. Auch deswegen bin ich auf die Straße gegangen. Mein Ziel ist auch der Aufbau von Akutanlaufstellen, in denen Opfer erstmal aufgefangen werden, um ihnen neue Perspektiven zu eröffnen. Depressive nehmen sich das Leben, weil sie keine Perspektiven sehen. Es geht darum, Betroffenen einen geschützten Raum zu bieten und sie beispielsweise zum Arzt zu begleiten, damit sie die richtige Diagnose bekommen. Dann geht es darum, den richtigen Therapeuten zu finden. Das schafft ein depressiver Mensch alleine nicht. In der Akuthilfe muss stabilisiert, jedoch noch nicht therapiert werden.

BT: Wie viele Unterschriften haben Sie bislang gesammelt?

Diegmann: Etwas über 30000.

BT: Eine Million ist Ihr Ziel. Das wird noch dauern.

Diegmann: Richtig. Die Tour ist meine persönliche Überlebensstrategie. Es ist nicht einfach, sieben Tage die Woche mit dem Thema zu leben. Ich komme aus der Geschichte auch gar nicht mehr raus. Aber die Tour ist auch das, was mich am Leben hält.

www.tour41.net

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