http://www.initiative-wertvolle-zukunft.org/wvz2016/erbschaft/
"Migrant" aus Niedersachsen sorgt für Unruhe
23.05.2018 - 00:00 Uhr
Von Larissa Schwedes

Bad Wildbad - Das Töten geschah dort, wo die Idylle perfekter kaum sein könnte. Kühe grasen am Wegesrand, meterhohe satt-grüne Tannen säumen den Ort. Nebel hängt am Morgen in den Wipfeln. Bad Wildbad im Schwarzwald erwacht. Das Blut der 44 Schafe, die in der Nacht zum 30. April Opfer einer Wolfsattacke wurden, ist längst versickert. Ruhig und glasklar plätschert die Enz den Abhang entlang, auf dem Schäfer Gernot Fröschle seine Tiere weiden ließ. Viele Tiere starben in jener Nacht durch Wolfsbisse, andere stürzten sich aus Panik in den Fluss und verletzten sich.

"Mir war direkt klar: Das war der Wolf", erinnert sich Fröschle. Er hat das blutige Werk am frühen Morgen entdeckt. Wenige Tage später bestätigt eine offizielle Genanalyse seinen Verdacht.

Ein Wolf aus Norddeutschland ist offenbar im Schwarzwald heimisch geworden. Bereits im November hatte "GW852m", wie der Wolf in den Akten heißt, in der Gegend drei Schafe gerissen. Deshalb gilt er nicht mehr als durchziehender Gast. Die Konsequenz: Bad Wildbad wird zum ersten Wolfsgebiet im Südwesten.

Für die Halter von Schafen und Ziegen ist das Segen und Fluch zugleich. Zwar bekommen sie vom Land 90 Prozent der Kosten für Schutzzäune bezahlt, haben allerdings - anders als bisher - keinen Anspruch auf Entschädigung für gerissene Tiere, wenn sie diese nicht ausreichend schützen. Was das Umweltministerium für das Gebiet mit rund 60 Kilometer Durchmesser und dem offiziellen Namen "Förderkulisse Wolfprävention" sonst noch vorsieht, soll in diesen Tagen bekanntwerden.

Gernot Fröschle nennt die geplanten Fördermittel einen "Sparwitz". Früher war die Familie des Bio-Hofs stolz auf ihre offenen Ställe. Jetzt hat er an allen Ställen Absperrseile mit Elektrospannung angebracht. Jedes Mal, wenn er die Tiere nun füttert, muss danach alles neu gesichert werden. Er beklagt: "Wir kriegen Zuschüsse, aber die reichen nicht aus." Niemand wisse, ob ein rund ein Meter hoher Elektrozaun den Wolf wirklich abhalte, oder ob dieser nicht doch darüber springt.

Weiter die Straße hinunter rupfen ein paar Hundert Schafe, von Passanten unbeeindruckt, Gras von der Wiese. "Es hat mich gewundert, wie gut die das weggesteckt haben", sagt Fröschle über die Tiere, die die Wolfsattacke überlebt haben. Nur auf Hunde reagieren die Schafe noch schreckhaft, erzählt seine Frau. Die Weide, die sich zwischen Bäumen und bunten Bauernhäusern erstreckt, ist engmaschig umzäunt. Dem roten Zaun ist nicht anzusehen, dass seine Streben auch in der hintersten Ecke unter mindestens 3000 Volt Spannung stehen. Dafür sorgt seit ein paar Tagen ein großer Power-Akku in einem metallischen Sicherungskasten, der den Strom durch die Erde in den Zaun fließen lässt - eine Leihgabe des Landes. Akute Notfallhilfe.

Die Familie verdient Geld damit, dass ihre Schafe Weiden abgrasen. Für den Schutz vor dem Wolf bedeutet das: Ständig muss die Familie Zäune abbauen, Schafe umsiedeln und anderswo alles wieder aufbauen. Auf und ab, fast jeden Tag.

"Das ist eine Heidenarbeit, da tun einem alle Knochen weh", weiß Michael Nödl vom Badischen Landwirtschaftlichen Hauptverband. Er sieht die Tierhalter vom Land allein gelassen. "Die zusätzliche intensive Arbeit bleibt am Tierhalter hängen. Die muss er komplett aus eigener Tasche zahlen", beklagt der stellvertretende Geschäftsführer des Verbands. Er vermutet, dass sich die Halter von Weidetieren in den nächsten Jahren Stück für Stück aus der Region zurückziehen und auf lukrativere Landwirtschaft setzen werden.

"Weidetiere und der Wolf - das passt nicht zusammen". Davon ist mittlerweile auch Fröschle überzeugt. "Ich bin kein Abschussfanatiker", betont der Schäfer. Lange habe er im Gegensatz zu vielen Kollegen an andere Lösungen geglaubt. Mittlerweile hält er den Abschuss für sinnvoll. In einem gemeinsamen Schreiben fordern mehrere Landnutzerverbände, den Wolf ins Jagdrecht aufzunehmen und ihn, wenn er auffällig wird, "schnell und unbürokratisch" abzuschießen. Auch die FDP-Fraktion im Stuttgarter Landtag will das.

Nach dem Bundesnaturschutzgesetz darf der Wolf nicht abgeschossen werden. "Erst wenn es einem Wolf gelänge, wiederholt ausreichend gesicherte Herden anzugreifen, oder wenn er für Menschen gefährlich zu werden droht, könnte die Ausnahmeregel vom Tötungsverbot im Bundesnaturschutzgesetz greifen", erklärt Umweltminister Franz Untersteller (Grüne) nach dem Wolfsangriff. Geht es nach dem Willen von Regierung und von Naturschützern, soll das Projekt "Förderkulisse Wolfprävention" ein friedliches Nebeneinander von Wolf, Mensch und anderen Tieren ermöglichen.

Menschen wünschen mehr Informationen

Die Fläche von Bad Wildbad (Kreis Calw) besteht zu mehr als 90 Prozent aus Wald - geradezu paradiesische Verhältnisse für den Wolf. In den Kurpark mit seinen akkuraten Blumenbeeten und Pavillons dürfte er sich so schnell wohl nicht verirren. Aber Thema ist er auch dort. "Angst bekommen habe ich schon, als ich das in der Zeitung gelesen habe", sagt eine Seniorin aus dem benachbarten Bad Liebenzell. "Wir wandern viel, auch unter der Woche, wenn nicht so viel los ist. Ist der Wolf für den Menschen gefährlich? Ich weiß es nicht."

Mehr Informationen wünscht sich auch der Bürgermeister der Stadt, Klaus Mack. Dass seine Stadt zum Wolfsgebiet werden soll, hat der CDU-Politiker aus der Zeitung erfahren. "Die sitzen in Stuttgart auf der Halbhöhe und wollen uns erklären, wie wir unsere Heimat gestalten sollen", beklagt Mack. Werden sich mehr Wölfe ansiedeln? Worauf muss sich der 11000-Einwohner-Ort einstellen? Der Politiker erwartet klare Ansagen aus Stuttgart und Berlin. Und Fakten von Experten.

An der Hauptstraße liegt das Hotel "Zum Goldenen Lamm", beim Bäcker gegenüber hängt eine goldene Brezel und über dem Eingang eines sandsteinfarbenen Baus prangt in goldenen Lettern das Wort "Rathaus". Bad Wildbad ist ein stolzer Kurort. Die Sorgen, dass der Wolf Touristen abschrecken könnte, halten sich bisher in Grenzen. "Wenn zwei abspringen, kommen eben drei neue", sagt der Leiter der Touristen-Information.

Urban Axtmann ist einer von denen, die keine Angst haben. Mit seiner Familie wandert der Badener auf dem Baumwipfelpfad inmitten der Schwarzwaldtannen. "Es gibt Leute, die machen sich wegen allem in die Hose. Die dürfen sich dann aber auch nicht ins Frankfurter Bahnhofsviertel trauen", sagt Axtmann. "Da lauern mehr menschliche Wölfe als hier im Wald."

Vom höchsten Punkt des Pfades sehen die Nadelbäume aus wie ein großer, dunkelgrüner Teppich. Wo "GW852m" gerade durchs Dickicht läuft, lässt sich von hier oben nicht ergründen. Vom Trubel um seinen Zuzug dürfte der neue Waldbewohner nichts ahnen.

BeiträgeBeitrag schreiben 



Das könnte Sie auch interessieren

Bad Wildbad
Bad Wildbad bald Wolfsgebiet

22.05.2018
Bad Wildbad bald Wolfsgebiet
Bad Wildbad (lsw) - Baden-Württembergs Umweltminister Franz Untersteller (Grüne) will Bad Wildbad noch im Mai zum ersten Wolfsgebiet des Landes erklären. Das bedeutet für Schaf- oder Ziegenhalter, dass das Land Kosten für Zäune zu einem Großteil übernimmt (Symbolfoto: dpa). »-Mehr
Gaggenau
--mediatextglobal-- Rund drei Dutzend Menschen kommen in der Sofienstraße zusammen, um gemeinsam alte Lieder zu singen. Foto: Rohwer

22.05.2018
Frohe Lieder unter der Linde
Gaggenau (tom) - Wer dieser Tage die Eichelbergstraße in Bad Rotenfels entlang fuhr, wurde an der oberen Einmündung der Sofienstraße möglicherweise Zeuge einer Premiere: Der Kunstverein Baden-Baden/ Gaggenau hatte zum "Offenen Singen unter der Linde" eingeladen (Foto: Rohwer). »-Mehr
Muggensturm
--mediatextglobal-- Schwedische Tischtennis-Legende: Der siebenfache Olympia-Teilnehmer und Ex-Weltmeister Jörgen Persson. Foto: pr

16.05.2018
Champions Tour in Muggensturm
Muggensturm (red) - Drei Jahre nach dem gefeierten Showkampf der Saive-Brüder kommt der ehemalige Weltranglistenerste Jean-Michel Saive wieder nach Muggensturm. Doch diesmal hat er nicht seinen Bruder Philippe, sondern europäische Topspieler mit im Gepäck (Foto: pr). »-Mehr
Rastatt
--mediatextglobal-- Insgesamt erkämpften sich die Rastatter und Bühler Kämpfer fünf erste Plätze, sechs zweite und einen dritten Rang. Foto: pr

15.05.2018
Erfolgreiche Kampfsportler
Rastatt (red) - Erfolgreich zeigten sich die Sportler des Kampfsportteam Bühl-Rastatt beim Pokalturnier "Blackforest Open", das dieses Jahr in Bad Wildbad stattfand. Insgesamt heimsten die Rastatter und Bühler Kämpfer fünf erste Plätze, sechs zweite und einen dritten Rang ein (Foto: pr). »-Mehr
Bühl
--mediatextglobal-- Eine berührende Maiandacht gestaltet ´ProVokal´ in der Pfarrkirche St. Peter und Paul.  Foto: wv

15.05.2018
Berührende Maiandacht
Bühl (wv) - Den Leitgedanken "Maria, Mutter der Barmherzigkeit" deu tete die gut besuchte Maiandacht aus, die der gemischte Chor "ProVokal" in der Pfarrkirche St. Peter und Paul einfühlsam mit Chor- und Gemeindegesang, Gebeten und Meditationen gestaltete (Foto: wv). »-Mehr
Ort des Geschehens
Größere Google Karte
www.volksbank-baden-baden-rastatt.de/bt
Umfrage

Mit einem Bündel von Maßnahmen will die Bundesregierung die hohen Mietkosten dämpfen, die viele Bürger besorgen. Fürchten Sie, sich in Zukunft Ihre Wohnung nicht mehr leisten zu können?

Das ist schon der Fall.
Ja.
Nein.
Ich bin in keinem Mietverhältnis.

www.los-rastatt.de
Wetter in Mittelbaden


© Badisches-Tagblatt.de    Impressum | AGB | Nutzungsbedingungen | Datenschutz   
1