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Einfachheit und Tiefe, Bewegtheit und Ruhe
26.05.2018 - 00:00 Uhr
Von Georg Patzer

Mit Macht braust und stürmt sie heran, dreht sich in einem kraftvollen Wirbel, einmal, zweimal, stürzt sich dann auf den Felsen. Wird zurückgeworfen, fällt hintenüber, dreht sich noch einmal. Rennt wieder gegen den Felsen an. Vergeblich: Er hält stand, fest, aufrecht, unerschütterlich. Mit nur vier Strichen hat Julius Bissier eine dramatische Szene erschaffen, links das tobende Meer, rechts der steinerne Grund. "aufprallende Woge 39" heißt das Tuschebild, das er 1939 gemalt hat.

Bewegt sind fast alle seine Bilder, die meist keinen Titel tragen, sondern oft nur ein Datum. Das großformatige "29.4.57" scheint sich wie wild zu drehen: In Fetzen fliegen die Außenränder um eine runde Mitte, wie ein Feuerrad pulsiert die schwarze Tusche, verwischt sich außen durch die rohe Geschwindigkeit des Drehens. Und in der Mitte ruht etwas, das fast wie ein chinesisches oder japanisches Schriftzeichen aussieht. Fast.

1919 kommt nach einer Ausstellung, in der von dem noch jungen Freiburger Maler Bissier die eher traditionellen Ölgemälde "Tulpe" und "Hl. Hieronymus" zu sehen sind, der Ethnologe und Kunstwissenschaftler Ernst Grosse auf ihn zu und macht ihn darauf aufmerksam, dass etwas Ostasiatisches in seinem Werk zu sehen sei. Das ist für Bissier der entscheidende Anstoß für sein weiteres Werk. Er löst sich nach und nach von der Neuen Sachlichkeit, die für ihn zu statisch wurde, und entdeckt die Tusche für sich. Und entwickelt konsequent einen abstrakten Stil, der Einfachheit und Tiefe miteinander verbindet, Bewegtheit und Ruhe. In kraftvollen, oft breiten Strichen schuf er mit schwarzer Tusche eine erstaunliche Farbigkeit: Bilder, die von innen her zu vibrieren scheinen. Die zwischen symbolhaften Zeichen, expressiver Gefühlswelt und konzentrierter Innerlichkeit changieren.

Eine schön komponierte Ausstellung im Augustinermuseum zeigt Bissiers Werdegang von den frühen Ölbildern über die kraftvollen monochromen Tuschebilder bis zu den wieder farbig werdenden abstrakten Bildern, die er am Ende seines Lebens in Ascona schuf. Gleich am Anfang werden japanische Objekte aus der Sammlung Grosse gezeigt, Teeschalen, Wassergefäße, No-Masken, daneben stehen einige Teeschalen aus Ton und Holz von Bissier selbst. 1893 in Freiburg geboren, studierte er kurz und ohne Abschluss Kunstgeschichte in Freiburg und Kunst in Karlsruhe und wurde Zeichenlehrer. Seine Begegnungen mit Willi Baumeister, Constantin Brancusi und Oskar Schlemmer führen ihn zur Abstraktion, aber auch zur verstärkten Beschäftigung mit chinesischer Kultur: Er liest die klassischen Schriften, das Daodejing und das Yijing. 1939 zieht er nach Hagnau, 1961 nach Ascona. Nach dem Krieg war die abstrakte Kunst wiederentdeckt worden, Bissier wurde berühmt, bekam Preise, nahm an der dritten Documenta teil.

Zwar erinnern viele seiner Bilder an japanische Schrift, aber Bissier hat sie nie gelernt. Er hat sich inspirieren lassen, griff Motive auf und formte sie neu: wie die asymmetrischen Anordnungen auf japanischen Bildern oder die bildbestimmende Leere, das weiße Nichts, das eine ganz eigene Perspektive erzeugt. Immer wieder taucht der Lotos auf, ins Abstrakte überführt. Von der chinesischen Holzdruckfolge der "Zehnbambushalle" aus dem 17. Jahrhundert besaß Bissier ein Faksimile. Auf einigen seiner Bilder ist das Wort "Tao" zu erkennen. Schreibt aber darin A und O wie "Alpha" und "Omega", denn zeitlebens hat sich Bissier auch mit der mittelalterlichen Mystik beschäftigt. Aber im Wortsinn lesbar sind seine Bilder nicht, sie bleiben impulsiv und direkt. Sie weisen nicht über sich hinaus, sondern sind pure Malerei. Bis 23. September.

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