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Fortwährender Kampf gegen Mauern
06.06.2018 - 00:00 Uhr
Von Joachim Eiermann

Ein Konzert mit Roger Waters, das ist nicht nur monumental inszenierte Musik der britischen Supergruppe Pink Floyd und aus dem Solowerk ihres ehemaligen Bassisten. Waters ist auch politisch wie kaum ein anderer Künstler auf der Bühne aktiv. Er verurteilt in seinen Songs Kriegstreiberei und Umweltzerstörung, thematisiert Flüchtlingselend und Armut. Seine Pauschalkritik an der Palästina-Politik des Staates Israel und seine Mitwirkung in einer Organisation, die zu Boykott und Sanktionen gegen Israel aufruft, ließ die ARD jedoch davon Abstand nehmen, das Kölner Konzert live zu übertragen. Dem 74-Jährigen wurde vorgeworfen, ein Antisemit zu sein.

Neue Botschaft: "Bleibt menschlich"

Dagegen wehrt er sich am Montagabend in der Mannheimer SAP-Arena. Mit roten Lettern macht er in der Konzertpause seine Position deutlich: "Resist Anti-Semitism" (Widersetzt Euch dem Antisemitismus). Aber auch: "Resist Isreali Politics which discriminates Palestinians" (Widersteht der israelischen Politik, die Palästinenser diskriminiert). Der Davidstern, der noch bei der letztjährigen USA-Tour auf dem drohnengesteuerten Pink-Floyd-Ballonschwein nebst anderen Symbolen prangte und heftige Kontoversen auslöste, fehlt nunmehr. Stattdessen: ein neutraler Schriftzug mit der Aufforderung: "Stay human" (Bleibt menschlich).

Er wettert gegen die Populisten dieser Welt, allen voran Trump, der sich per Videotechnik mehrere Schmähungen gefallen lassen muss. Der Mann, der eine gigantische Mauer an der Grenze zu Mexiko errichten will, ist für Waters einer jener "Pigs" seines gleichnamigen Songs über Potentaten. Legendär ist sein Konzert nach dem Fall der Berliner Mauer mit zahlreichen Rock- und Popgrößen 1990 auf dem Potsdamer Platz.

Mauern treiben ihn um, diejenigen, die Menschen trennen. Vor zwölf Jahren sprühte er im Westjordanland auf die Wand einer israelischen Sperranlage: "We don't need no thought control" (Wir brauchen keine Gedankenkontrolle). Dabei handelte es sich um eine Textzeile aus dem Hit "Another Brick in the Wall", zu der Waters auf der Bühne zwölf Jugendliche singen und tanzen lässt. Sie tragen Häftlingskluft des US-Militärgefängnisses Guantanamo, die sie abstreifen. Auf ihren T-Shirts steht "Resist". Ein emotionaler, aber auch radikaler Moment.

Man ahnt, warum die Band 1985 zerbrach. Und warum die Ex-Kollegen mit ihrem polarisierenden Impresario nur noch ein einziges Mal zusammen als Pink Floyd auftraten: Das war 2005 beim Live-8-Benefizfestival in London. Gitarrist David Gilmour hatte die Band ohne ihren kreativen Kopf zusammen mit dem Drummer Nick Mason und dem Keyboarder Rick Wright weitergeführt. Seit Wrights Tod 2008 tourt Gilmour nur noch solo, bestreitet den größten Teil seiner Shows jedoch mit alten Pink-Floyd-Erfolgsnummern.

Waters Konzept bei der aktuellen "Us & Them"-Tour ist ähnlich, nur, dass sein Fokus fast ausschließlich auf von ihm verfassten Stücken liegt. Im Mittelpunkt der Mannheimer Show steht das in drei Teilen fast komplett gespielte Konzeptalbum "Dark Side of The Moon", ein Meilenstein des progressiven Rock aus dem Jahr 1973. Hinzu kamen weitere Klassiker des Band-Ouevres, darunter auch zwei lange Stücke aus "Animals" (1977), samt raumfüllend projizierter Fassade des imposanten Londoner Kohlekraftwerks Battersea mit qualmenden Schloten. Zwischen dessen Kaminen schwebte einst das Pink-Floyd-Schwein für das LP-Cover.

Überhaupt: Waters überbietet die schon seinerzeit monströsen Bühnenshows mit den Mitteln der heutigen Technik. Auf den großen Leinwänden seines Multimedia-Gesamtkunstwerks flimmern Videos zu den Songs und Naheinstellungen von der Bühne. Der Suround-Sound ist hervorragend, die Lichtshow überwältigend. Gegen Ende der Vorstellung schwebt über den Köpfen eine gigantische Laserpyramide, die effektvoll das Licht in Spektralfarben bricht.

Es ist die wohl perfekteste Reinkarnation der legendären Psychedelic-Rockband mit zehn Musikern. Die Gitarristen Dave Kilminster und Jonathan Wilson, letzterer auch als Sänger, verstehen es, den einstigen Pink-Floyd-Mann Gilmour zu ersetzen. Auch ansonsten alles wie gehabt: sphärische Keyboardteppiche, Trommelgewitter und die aus dem Rahmen fallende Ballade "The Great Gig in the Sky", bei dem die Backgroundsängerinnen Jess Wolfe und Holly Laessig als Solistinnen alles geben.

Damit das Konzert nicht gänzlich zur Retro-Veranstaltung wird, bringt Waters mehrere Stücke seiner erfolgreichen Solo-LP "Is This the Life We Really Want?" von 2017 zu Gehör. Ein reifes Alterswerk, das auch live gespielt im Kontext der Pink-Floyd-Songs bestehen kann. Krönende Zugabe, nachdem Waters in einer kurzen Moderation auch verbal den Vorwurf des Antisemitismus zurückweist, ist "Comfortably Numb". Mit einem letzten, brillanten Gitarrensolo Kilminsters klingt das zweieinhalbstündige Spektakel aus.

Die "Pink-Floyd-Festspiele" gehen weiter. Gründungsmitglied Nick Mason, der sich lange vergeblich mühte, die beiden Alphatiere Waters und Gilmour zu einer Reunion zu überreden, hat nun stattdessen seine eigene Band gegründet: "Saucerful of Secrets". Im Herbst wird er auch in Deutschland touren - mit völlig anderem künstlerischen Ansatz: Die Band konzentriert sich ganz auf die experimentelle Frühphase von Pink Floyd aus den 60er Jahren.

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