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Meister der Emotionen
19.06.2018 - 00:00 Uhr
Von Christiane Lenhardt

Die kanadische Choreografin Crystal Pite war die große Überraschung des Tanzabends. Das Nederlands Dans Theater hat ihr Konferenzraum-Drama "The Statement" über Machtspiele und Einschüchterungsversuche im Big Business mit ins Festspielhaus Baden-Baden gebracht - und mit dieser exzellenten Compagnie einen tänzerischen Wahnwitz für zwei Paare im strengen Managerlook geschaffen, die sich mit Drive und Sogkraft immer weiter derangieren.

Die vier Solisten des NDT ringen anschaulich miteinander am großen Konferenztisch wie auf einem Schlachtfeld unter dem bedrohlich näher rückenden Riesenleuchter. Sie krümmen und winden sich panisch, versuchen sich gegenseitig mit großen Gesten und Coolness einzuschüchtern, ziehen sich im Wortsinne über den Tisch und schleichen umeinander herum wie Tiger um die Beute. Von "Blutvergießen" und "Krieg" ist die Rede. Über allem steht die Frage, ob man "on record" sei, ob man sich vertrauen könne. Der Zuschauer erfährt nicht, worum es genau geht, wird aber beredt im Krisenszenario gehalten, mittels eingespielter Dialogfetzen aus dem Off (aus dem Theaterstück von Jonathan Young) und vor allem mit expressiver Ballettsprache.

Mit diesem ungewöhnlichen Tanztheater-Stück der ehemaligen Tänzerin bei William Forsythes früherer Frankfurter Compagnie hat das Nederlands Dans Theater einen exzellenten Spagat zwischen Gegenwartstheater und geschmeidiger moderner Tanzsprache hingelegt. Pites erstaunliches Stück hat das Zeug zu einem veritablen Publikumsrenner, dessen bezwingende Bewegungssprache einhergeht mit verführerischer Schönheit und dem Anspruch, bedrückende Relevanz zu haben.

Ballett-Hommage an den Alten Bahnhof

Die hochdramatischen und überaus geschmeidigen, eleganten Tänzerinnen und Tänzer aus Den Haag stellen in ihrem vierteiligen Ballettprogramm an zwei Abenden ihre individuelle Klasse mit einer vielseitigen Ausdruckspalette heraus: in Stücken von hochemotionalem Wahnwitz, von wunderbar heiteren Momenten und schwermütigen Heimsuchungen, von romantischer Leichtigkeit und niederdrückender Einsamkeit. Allesamt Meister der Emotionen, die sie traumhaft und albtraumhaft im Halbdunkel der Festspielhausbühne in Szene setzen.

Zunächst das geisterhafte "Shut Eye" für zwei Paare und ein Männerensemble von NDT-Direktor Paul Lightfoot und Hauschoreografin Sol Leon: Es ist ein Kammerspiel in einem abgedunkelten Raum mit einer einzigen Tür und Treppen aus der Tiefe des Orchestergrabens, aus denen dunkle Gestalten schattenhaft fließend emporschreiten. Zur expressiven Musik des Isländers Olafur Arnalds aus Klassik und elektronischen Impulsklängen wie pochende Herzen spielt das halbstündige Ballett mit Anklängen an Edgar Allan Poes Horrorliteratur. Die moderne Schauergeschichte ist mit den eher freundlichen Schattenmännern aber weniger gruselig als wuselig.

Geisterhafte Begegnungen von Wiedergängern mit schwingenden Vogelarmen, flatterhaft zitternden Händen, gerundeten Rücken, eindringlichen Blicken und Mündern, die sich zu lautlosen dämonischen Schreien öffnen, sorgen für magische Verführung in Erinnerungen aus längst vergangenen Zeiten. Ein weißes Paar schwelgt in einem romantischen Pas de deux, der zwischendurch zum zeitlupenhaft ausgeführten Nahkampf wird. Männergruppen spiegeln sich, und hereinfallende Lichtbahnen werfen riesenhafte Schatten an die Wand, die schwarzen Einzelgängern gegenteilige Wege weisen. "Shut Eye", das mit einem Zitat des Malers Paul Gauguin ("Ich schließe meine Augen, um zu sehen") spielt, fächert eindringlich imaginäre Beziehungen auf und bleibt am Ende doch rätselhaft.

In Marco Goeckes Kurzballett "Woke up Blind" dominiert der Gleichklang. Kleine Ensembles wechseln sich ab mit Duos, die in schöne Arabesken mit schwingenden Armen und in geschmeidige, großangelegte Figuren münden. Dem ehemaligen Choreografen des Stuttgarter Balletts ist in seiner eleganten Fantasie eine heiter-melancholische Traumtänzerei wie mit Fred Astaire auf der Fifth Avenue gelungen.

In "Singulière Odyssée" von Lightfoot/Leon zu Zuggeräuschen und Max Richters Komposition "Exiles" (Vertriebene) flattern Singles und Paare diagonal durch eine holzgetäfelte Ankunftshalle, durch Türen vorne links und hinten rechts herein, gestenreich mit schwerem Gepäck beladen - so wie später das bunte Herbstlaub: einer schönen Metapher für all die unterschiedlichen Schicksale, die es an einen solchen Knotenpunkt weht und nach aufgewühltem Bewegungsdrang auch wieder hinausträgt. Die elegische Hommage an die Vergangenheit des historischen Alten Bahnhofs, der im Festspielhaus prachtvoll aufgegangen ist, beendete den wundersamen Tanzabend sonntags.

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