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Einigkeit Europas wäre wichtig
27.06.2018 - 06:40 Uhr
Baden-Baden - Multimedial, so lautet das Schlagwort in der neuen SWR-Chefredaktion, die seit 1. Mai aus Fritz Frey und Dr. Gabi Biesinger besteht - noch kommissarisch, ab 1. August dann auch offiziell. Die 49-Jährige, die hauptsächlich am Standort Baden-Baden lebt und arbeitet, kehrte nach sechs Jahren als Korrespondentin in London und Washington in die Kurstadt zurück. BT-Redakteurin Anja Groß hat mit ihr über spannende Zeiten hier wie dort gesprochen.

BT: Frau Biesinger, Sie haben als Korrespondentin in London die Brexit-Entscheidung und in Washington die Verwerfungen des ersten Regierungsjahrs von US-Präsident Donald Trump miterlebt. Hätten Sie beides für möglich gehalten?

Dr. Gabi Biesinger: Wenn man nur London anschaut, hätte man den Brexit nicht für möglich gehalten -, weil das so eine liberale Stadt ist. Vor allem auf dem Land hat man es aber erahnen können. Da sahen sich viele durch die Entscheidung, die ihnen da vor die Füße gelegt wurde, in der Lage, mal etwas zu bewegen. Plötzlich zählte jede Stimme gleich viel. London ist weit weg und die Entscheidungen, die dort getroffen werden, sind nicht immer sehr populär. Insofern war das zum großen Teil auch eine Denkzettelwahl. Dazu kommt, dass die Brexit-Befürworter eine sehr gute Kampagne gefahren haben, in der sie auch richtig schamlos gelogen und übertrieben haben, wie sie hinterher auch zugegeben haben.

BT: Da gibt es ja offenbar viele Parallelen zu dem, was in den USA passiert ist.

Biesinger: Auf jeden Fall. Dort hatten viele das Gefühl, Barack Obama kümmert sich um Frauen und Schwarze, aber nicht um die Arbeiter aus dem Mittleren Westen. Dass die nun ausgerechnet einem Immobilienunternehmer aus New York hinterhergelaufen sind, der ja auch nicht ihrer Klasse angehört, ist schon erstaunlich. Aber es ist Donald Trump wirklich gelungen, diese Anti-Establishment-Außenseiterrolle einzunehmen. Dazu kam die Unbeliebtheit von Hillary Clinton.

BT: In beiden Fällen lauteten die Prognosen von Experten und auch Journalisten anders. Warum gab es so wenig Gefühl dafür, dass sich da was zusammenbraute?

Biesinger: Wir vor Ort haben in Großbritannien schon irgendwann so ein Gefühl entwickelt. In Cornwall beispielsweise, einem Landstrich, der sehr stark an EU-Subventionen hängt, findet man an neuen Universitäten oder Digitalisierungsprojekten große Hinweisschilder, auf denen steht: "Das hat die EU gebaut" oder "Wurde mit EU-Mitteln finanziert". Aber das hat nicht verfangen. Die Leute in Cornwall fragten: Was hat denn die EU jemals für uns getan? Ich glaube, bei vielen Experten und Journalisten ist einfach der Wunsch der Vater des Gedankens gewesen, dass es nicht sein kann, dass wir in einer Zeit leben, in der wir doch eigentlich wissen, dass die EU den Frieden gebracht hat, dass wir in Europa nur zusammen weiterkommen.

BT: Wenn man sich anschaut, was in Europa aktuell passiert, fragt man sich aber zunehmend, ob das noch alle wissen.

Biesinger: Die Uneinigkeit darüber, was innerhalb Europas passiert, sowie das finanzielle Gefälle zwischen den Mitgliedsstaaten führen zu Friktionen. Dabei wäre es gerade jetzt, wo sich auch durch Donald Trump im Grunde die Weltordnung verändert, besonders wichtig, dass Europa mit einer Stimme sprechen kann.

BT: Die Briten scheinen langsam zu bemerken, dass sie einen sehr steinigen Weg gewählt haben. Halten Sie eine Umkehr noch für möglich?

Biesinger: Nein. Sie wollen den Brexit nicht rückgängig machen. Wenn man sich jetzt Umfragen anguckt, steht es immer noch fifty-fifty. Und es gibt keine überwältigende Bewegung, die sich für eine Umkehr einsetzt. Auch die Politiker, die auf Pro-EU-Kurs waren, haben sich jetzt wahrscheinlich aus Staatsräson hinter der Premierministerin versammelt.

BT: Und wie sehen Sie das in Bezug auf Trump?

Biesinger: Ich bin relativ fest davon überzeugt, dass Trump wiedergewählt werden wird, wenn nicht noch etwas Bahnbrechendes passiert oder die Demokraten einen sehr überzeugenden Gegenkandidaten aufbieten. Denn Trump löst ein Wahlversprechen nach dem anderen ein und zeigt mit seinen - wie viele ja oft finden - nervigen Tweets seinen Anhängern, was er liefert: Die Steuerreform, eine strenge Einwanderungspolitik. Er setzt "America first" durch, indem er lauter internationale Bündnisse fallenlässt, einen Handelskonflikt mit Europa beginnt, Verbündete verprellt - das muss ihm mal einer nachmachen.

BT: Inwieweit hat der Twitter-Präsident, wie er oft genannt wird, auch die Arbeit von Korrespondenten in Washington verändert?

Biesinger: Da ist eine große Getriebenheit, weil er ständig so viele neue Themen auf den Markt wirft, dass man manchmal gar nicht hinterherkommt. Anfangs wurde von den Redaktionen aus Deutschland auf jeden Tweet reagiert - erst nach und nach kamen wir dahin, stärker zu bewerten, bei welchen Themen es auch journalistisch geboten ist, diese aufzugreifen und einzuordnen.

BT: Man hat oft den Eindruck, viele Durchschnittsamerikaner sind eigentlich zufrieden mit seiner Politik, während die Europäer aufstöhnen. Gibt es da so etwas wie eine amerikanische und eine europäische Wahrnehmung?

Biesinger: Die USA sind sehr gespalten und es formiert sich durchaus auch Widerstand. Zu den Zwischenwahlen im Herbst beispielsweise kandidieren so viele Frauen wie nie zuvor - Trumps Regierung hat also zu einer unheimlichen Mobilisierung auf allen politischen Ebenen geführt. Menschen stellen fest: Wir müssen uns da einbringen. In dem Ortsteil von Washington, in dem ich gelebt habe, stellten Leute plötzlich Schilder auf "Wir sind froh, dass Du unser Nachbar bist - egal welcher Hautfarbe" oder einfach nur "Resist". Das gibt einem ein Gänsehautgefühl, weil man den Eindruck hat, in der eigentlich stabilsten Demokratie der Welt fühlen sich Leute aufgerufen, solche Botschaften öffentlich zu machen. Was die Zölle oder die Bündnissicherheit angeht, sind wir Europäer im Moment die Leidtragenden - und daher kommt die negative Wahrnehmungsebene.

BT: Auch in Deutschland hat sich ja einiges verändert, während Sie im Ausland waren. Was fällt Ihnen besonders auf?

Biesinger: Ich habe festgestellt, dass die Unterbringung von geflüchteten Menschen eine Aufgabe für Deutschland geworden ist. Jede kleine Gemeinde leistet ihren Beitrag dazu. Und das bringt die politischen Diskussionen mit sich, die im Moment sehr erbittert geführt werden. Als Angela Merkel damals sagte "wir schaffen das", war ich noch in Großbritannien. Damals kamen viele Menschen auf mich zu, die das toll fanden. Ein Brite, dessen deutsche Mutter während der Nazizeit nach Großbritannien geflohen war, sagte mir: "Ihr könnt wirklich stolz sein, dass ihr so eine verantwortungsbewusste Politikerin an der Spitze Eures Landes habt - so etwas haben wir hier nicht."

BT: Und waren Sie nicht überrascht über die neue Partei, die hierzulande die Parlamente erobert hat?

Biesinger: Das ist in der Tat eine gesellschaftliche Veränderung, aber das gehört zu so einer Herausforderung dazu. Wir Journalisten sind gefragt, das immer wieder einzuordnen - jeden in seiner Position infrage zu stellen, nicht nur die AfD.

BT: Sie hat unter anderem Anwürfe wie Lügenpresse oder das Infragestellen des Rundfunkbeitrags gesellschaftsfähig gemacht. Glauben Sie, dass das etwas verändern wird?

Biesinger: Ich habe in den USA mit der zunehmend hysterischen Medienberichterstattung wieder richtig gemerkt, wie viel wert mir der öffentlich-rechtliche Rundfunk ist. Denn es gibt dort nur einen sehr kleinen öffentlich-rechtlichen Rundfunk, und der ist auch auf Spenden angewiesen. Daher fand sich die Lagerbildung in den USA auch in den Medien wieder. Fox News hat von der einen Seite und CNN von der anderen Seite gehetzt. Darum ist meine Hoffnung, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk in Deutschland weiterhin diese Rolle spielen kann: Möglichst sachlich, einordnend über die Dinge zu berichten. Die Forderungen nach Strukturveränderungen innerhalb der ARD sind begründet, ja. Aber ich habe die ganz große Hoffnung, dass der Wert der Berichterstattung in der Gesellschaft insgesamt nicht infrage gestellt wird.

BT: Damit schlagen Sie den Bogen zu Ihrer neuen Tätigkeit, die ja auch dafür steht, dass sich etwas verändert: Multimediale Chefredaktion - was werden Ihre Aufgaben sein?

Biesinger: Ziel ist, dass wir die Nachrichten und Geschichten, die wir haben, möglichst auf allen Kanälen - also Fernsehen, Radio und Online - an unsere Nutzer herantragen. Redaktionen, die bisher sehr stark jeweils für diese einzelnen Ausspielwege Inhalte recherchiert und umgesetzt haben, sollen sich schon im Entstehen der Geschichten mehr verweben. In die Zukunft gedacht soll es ja so sein, dass nicht mehr ich die Radiofrau bin und Fritz Frey der Fernsehmann, sondern wir alle multimedial sind. Aber im Moment sind auch die Strukturen in der ARD noch sehr strikt nach Fernsehen und Radio getrennt.

BT: In Teams bringt so eine grundlegende Umstrukturierung der Arbeitsweise ja oft Nebengeräusche mit sich. Wie ist das beim SWR?

Biesinger: Ich empfinde, dass hier eine große Aufbruchstimmung herrscht. Viele sehen das als Chance und sind deshalb auch bereit, den multimedialen Weg mitzugehen. Ich hoffe, viele Mitarbeiter werden merken, dass sie sich in diesem Prozess auch selber weiterentwickeln können.

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